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Zwei Jahre Leiden - Heimopfer fordert von der Katholischen Kirche eine Entschuldigung

"Die haben für mein Leben nichts getan"

Bückeburg. Eins stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs klar: "Mir geht es nicht um eine Entschädigung, sondern um eine Entschuldigung seitens der Katholischen Kirche - weil es ihr so schwer fällt, für Fehler einzustehen. " Dabei hätte der Bückeburger allen Grund, auch auf einer Entschädigung zu bestehen. Er ist ein Heimopfer, war mehrere Jahre in einem katholisch geführten Erziehungsheim im Münsterland, musste von morgens bis abends arbeiten. Eine schulische oder berufliche Ausbildung erhielt er nicht, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung schilderte.

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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Noch heute klafft in seinem Rentennachweis eine Lücke über gut zwei Jahre, finanzielle Auswirkungen also bis heute. Rechnen, Schreiben und Lesen brachte er sich mühevoll erst während seiner beruflichen Laufbahn bei. "Ich habe trotzdem was geschafft." Seinen Kindern aber konnte er bei den Hausaufgaben nicht helfen, was ihn noch heute ärgert. Der 72-Jährige: "Ich war nicht dumm, ich hätte bedeutend mehr machen können. Die haben für mein Leben nichts getan." Mit "Die" meint er die Pater und Erzieher auf dem Lohmannshof im münsterländischen Dorf Appelhülsen, heute Stadtteil von Nottuln. Der Lohmannshof ist die Urzelle des Martinistiftes, noch heute der größte Kinder- und Jugendheimverband der Caritas in der Diözese Münster. 1952, mit 16, wurde er vom Jugendamt auf den Lohmannshof eingewiesen, wie sich der Name der Einrichtung in seinen Erinnerungen eingebrannt hat. Er war Vollwaise, sein Vater war im Krieg gefallen. Als seine Mutter 1948 starb, kümmerte sich zunächst seine ältere Schwester um ihn. 1950 wurde er aus dem Schule entlassen, "mit dem Wissenstand der 4. Klasse". Danach hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Probleme mit dem Jugendamt ergaben sich zwangsläufig. Kurz danach wurde er eingewiesen. An seinen ersten Tag im Heim erinnert er sich genau. Es ging in den obersten Stock, wo es einen abgeschlossenen Bereich gab. Hinter Gittern musste er zusammen mit zehn weiteren Jungs sechs Wochen lang den Tag verbringen, durfte nicht an die frische Luft, spielen war erlaubt. Der Erzieher saß hinter einer Scheibe, beobachtete von dort die Zöglinge. "Die haben schon durchsortiert, wen sie wo einsetzen können." Nach sechs Wochen durfte er raus, wurde einer Gruppe zugeteilt. Bis zu 15 Jungs lebten in einem Zimmer. Die zivile Kleidung wurde dem 16-Jährigen abgenommen, von nun an gab es nur noch die graue Anstaltskleidung. Die Aufsicht hatte Pater Engelbert, Spitzname "Pater Schwulibert", weil unter den Jugendlichen das Gerücht umging, dass er "etwas mit Jungs hat". Der Stärkste der Gruppe war für die interne Aufsicht zuständig. Gab es Ärger, setzte es Hiebe. Auch vom Direktor, wie sich der 72-jährige erinnert. Nach einem Vorfall in der Kirche musste er hoch zu "Schappes". Ohne eine Frage gab es einen Schlag ins Gesicht, "ich dachte, mir fliegt der Kopf weg". Dann wurde er in eine Zelle gestoßen, wo er die nächsten drei Tage verbringen musste, bei magerem Essen. "Die wollten uns durch Hunger erziehen." Unterrichtet wurde nicht, den ganzen Tag nur gearbeitet: von sieben Uhr bis manchmal abends bis es dunkel wurde. Nur sonnabends war um 14 Uhr Schluss. Der Sonntag war frei, er bestand in der Regel aus dem Besuch des Gottesdienstes und Langeweile auf den Zimmern, raus aus dem Heim durften sie nicht. Nur wenn es nicht regnete, raffte sich der Erzieher zu einen kurzen Spaziergang mit den Jungs auf. Arbeiten musste er bei Bauern in der Umgebung, bei der Ernte oder im Stall helfen. "Vorweg ging der Erzieher mit einem Knüppel und wir im Gänsemarsch hinterher", erinnert er sich. Dann arbeitete er bei einem Kohlehändler, wog Säcke und schleppte die Kohlen in die Häuser. Später stellt er Stiele für Arbeitsgeräte her: "Ich habe die ganzen Stunden nicht gezählt." Der Lohn? 1,50 bis 2 Mark, die wöchentlich sonntags in Form von Taschengeld ausgezahlt und im heimeigenen Kiosk umgesetzt wurden: in Tabakwaren. Den Rest des Lohns sackte das Heim ein. Rentenversichert war er in der Zeit nicht, wie sich bei der Beantragung seiner Rente herausstellte. Und ob er überhaupt eine Krankenversicherunghatte, weiß er nicht: "Ich war nie krank." 1954, gerade 18 geworden, kam er aus dem Heim. Aber nur, weil ihm seine Schwester ein Zimmer und Arbeit besorgt hatte. Seinen Namen und erst Recht ein Foto will er nicht in der Zeitung sehen. "Dann wissen ja alle..." Selbst seinen Kindern hat er bis heute nichts von den Jahren im Erziehungsheim erzählt.

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