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Die gute Idee allein reicht eben nicht

Harry B. hatte es nach der Insolvenz des IT-Unternehmens, bei dem er bis zum 31. Dezember 2007 beschäftigt war, besonders eilig. Als Experte für Kopierer, der sich bei den von ihm betreuten Kunden als gut anerkannt fühlte, beschloss er unverzüglich, nach Beendigung seines Arbeitsverhältnisses sein eigenes Dienstleistungsunternehmen zu gründen. Geeignet als Rechtsform der neuen Firma erschien ihm eine Unternehmensgesellschaft, eine sogenannte Ein-Euro-GmbH.

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Harry B. hatte es nach der Insolvenz des IT-Unternehmens, bei dem er bis zum 31. Dezember 2007 beschäftigt war, besonders eilig. Als Experte für Kopierer, der sich bei den von ihm betreuten Kunden als gut anerkannt fühlte, beschloss er unverzüglich, nach Beendigung seines Arbeitsverhältnisses sein eigenes Dienstleistungsunternehmen zu gründen. Geeignet als Rechtsform der neuen Firma erschien ihm eine Unternehmensgesellschaft, eine sogenannte Ein-Euro-GmbH. Den dazu nötigen Gesellschaftervertrag fischte er sich aus dem Internet – bei der Neugründung des von ihm erdachten New-Copy-Service sollte es schließlich preiswert zugehen. Harry B. wollte möglichst wenig Geld für den Notar ausgeben. Auch auf die Teilnahme an einem der von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Hannover angebotenen Existenzgründerseminare verzichtete der 46-Jährige, um sich möglichst schnell den erhofften Kunden zuwenden zu können. Die nötige technische Ausrüstung wurde aus den nicht allzu üppigen Rücklagen finanziert, die Beglaubigung beim Notar war eine problemlose Terminsache, und auch die Eintragung ins Handelsregister verlief wie immer in solchen Fällen innerhalb von 24 Stunden. Bei Harry B. konnte es losgehen.

Tatsächlich stellten sich erste Erfolge schneller ein als der Firmenneugründer es erwartet hatte. Der Markt schien geradezu auf ihn gewartet zu haben. Der New-Copy-Service unterbot die offenbar zu teure Konkurrenz, der Inhaber werkelte oft zehn Stunden am Tag und warb einem anderen kleinen Konkurrenten bald zwei Mitarbeiter ab, die seinen Expansionsdrang unterstützen sollten. Die Buchhaltung erledigte die 45-jährige Ehefrau, die vor mehr als 20 Jahren den Beruf einer Einzelhandelskauffrau erlernt hatte – er stellte sie als 400-Euro-Kraft ein. Dass B. vom Personalwesen eines wenn auch kleinen Unternehmens keine Ahnung hatte, fiel dem Chef des New-Copy-Service erst auf, als die beiden Neuen ihm die Lohnsteuerkarten aushändigten und am ersten Monatsende die Abrechnungen samt Lohnsteuer und Sozialabgaben erstellt werden mussten. B. wähnte sich dennoch pfiffig: „Wozu gibt es externe Dienstleister“, dachte er sich. „Lass ich die Personalabrechnung eben ein anderes Unternehmen machen.“ Was sich allerdings als kostenträchtiger herausstellte als es sich der noch immer optimistische Gründer vorgestellt hatte. Weil die Kunden für ihn aber Vorrang vor allem anderen hatten, zog sich die Suche nach einer preiswerten Lösung hin.

Am leichtesten zu lösen war das Problem mit den beiden Mitarbeitern. Sie gaben sich zunächst mit Abschlagszahlungen zufrieden. „Den Rest regeln wir später unbürokratisch“, habe ihr Chef ihnen am Ende des zweiten Monats versprochen, berichten die beiden. Das Ende sollte schneller kommen, als B. sich das hatte vorstellen können. Eine der Krankenkassen, bei denen einer der Techniker angestellt war, forderte ihn ultimativ zur Zahlung der Krankenkassenbeiträge auf, die jeweils spätestens kurz vor Monatsende hätten überwiesen werden müssen. Pech, dass das Konto des New-Copy-Service just zu diesem Zeitpunkt gähnend leer war, weil an dem inzwischen angeschafften Firmenfahrzeug überraschend eine teure Reparatur nötig geworden war. Gleichzeitig war B. mit anderen Zahlungen in Verzug geraten, weil die Kunden es mit der Bezahlung ihrer Rechnungen weniger eilig hatten, als es dem ehrgeizigen und zu spontanem Handeln neigenden Unternehmer lieb sein konnte. Zahlungsunfähig geworden und nach ersten Gesprächen mit der Bank ohne Aussicht auf einen Überbrückungskredit, ging B. zum Insolvenzgericht. Der Rest ist bereits Geschichte: Der New-Copy-Service überlebte nicht einmal seine ersten neun Monate und verschwand schnell wieder vom Markt.

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Zu diesem und ähnlichen Fällen befragt, erläutert Dr. Dorothea Schulz, IHK-Geschäftsführerin in Hameln, die zahlreichen Fehler, die B. bei der Verwirklichung seiner möglicherweise durchaus vielversprechenden Geschäftsidee unterlaufen sind. „Eine Idee zu haben oder nicht“, sagt die IHK-Expertin, „das ist die erste Hürde, die zu nehmen ist. Die zweite Hürde ist die Feststellung, ob die Idee oder das Produkt auch wirklich marktfähig sind.“ Da werde sich dann zeigen, ob und inwieweit dieser Gründer auch eine Unternehmerpersönlichkeit sei. „Das ist das zweite wichtige Standbein: Man braucht eine Unternehmerpersönlichkeit, die die entwickelte Idee wirklich zum Leben erweckt und an den Markt bringt.“

Der Gründer des New-Copy-Service habe wie so viele andere offenbar weder einen schlüssigen Finanzplan erstellt noch sein Unternehmenskonzept zu Papier gebracht und sich vor der Gründung auch nicht richtig über die Bedingungen einer Existenzgründung informiert. Wer auf die Teilnahme an einem Existenzgründerseminar verzichte, mache sicher einen Fehler, bestätigt auch Sebastian Diedrich, der bei der NBank zu öffentlichen Fördermöglichkeiten berät.

Wie Schulz hebt auch Diedrich bei einer Unternehmensgründung die Notwendigkeit einer „sehr guten Vorbereitung“ hervor. Sie gehöre „zu den wichtigen Voraussetzungen, um auch nachhaltig gründen zu können“, betont Diedrich. Eine Unternehmensgründung habe zwei Komponenten. „Das eine ist die fachliche Seite, das andere die betriebswirtschaftliche.“ Die zahlreichen, teils mit öffentlichen Mitteln geförderten Informations- und Beratungsangebote sollten nach Diedrichs Meinung von Existenzgründern genutzt werden.

Nach Einschätzung der IHK-Geschäftsführerin war einer der Hauptfehler bei der Gründung des New-Copy-Service, die zum Scheitern führten, mangelhafte Zeitplanung. „Viele Gründer“, sagt sie, „unterschätzen die Zeit, die von der ersten Idee bis zum Startschuss des Unternehmens benötigt wird. Das geht nicht von heute auf morgen. Und ein Vierteljahr ist dabei kein großartiger Zeitraum, der zu veranschlagen ist.“ Viele Gründer kämen schon bei der Zeitplanung ins Trudeln und „beginnen mit einem hektischen Start“. Schwerwiegend sei auch die Tatsache, „dass sich viele Gründer keine richtigen Gedanken über den notwendigen Finanzplan machen“. Der solle nicht nur ausweisen, „wie viel Eigenkapital vorhanden ist und wie viel Fremdkapital benötigt wird, sondern es geht vor allem um die Liquiditätsplanung“. Von vielen Gründern werde verkannt, „dass sie beim Start des Unternehmens in Vorleistung gehen müssen.“ Außerdem müssten sie liquide bleiben, auch wenn das Zahlungsziel nach einem erfüllten Auftrag auf 60 oder 80 Tage gesetzt sei. „Die notwendige Liquidität zu sichern, das wird im Vorfeld der Finanzplanung häufig verkannt.“ Vielen Gründern gehe es vor allem um das Thema Rentabilität. „Die ist in den ersten zwei bis drei Jahren nicht entscheidend. Liquidität geht vor Rentabilität.“

Schulz fordert die Gründer auf, nach einem halben Jahr Bilanz zu ziehen und sich dabei genau zu fragen, welche Schwachstellen das Finanzierungskonzept habe. „Das ergibt sich nämlich häufig erst, wenn gearbeitet wird und der Gründer am Markt tätig ist“, wie auch B. bitter erfahren musste. „Im Vorfeld wird immer vom besten Fall ausgegangen“, weiß die IHK-Geschäftsführerin, „aber die Wirklichkeit holt die Existenzgründer meistens ein.“ Auch weil das Thema Marketing häufig vernachlässigt werde. Ohne Marketing aber erfahre der Markt nichts von dem neuen Unternehmen und es entwickle sich dementsprechend keine gute Auftragslage.

Dabei sei das Klima für Existenzgründungen im Weserbergland gar nicht so schlecht, berichtet Schulz. In den Jahren 2008 und 2009 sei hier ein positiver Saldo zu verzeichnen gewesen. So habe es beispielsweise im vergangenen Jahr 1102 Gewerbeanmeldungen gegeben, aber nur 906 Abmeldungen. Dennoch ist nach Angaben von Wirtschaftsminister Jörg Bode in Niedersachsen „ein Rückgang der Existenzgründungen in nahezu allen Bereichen erkennbar“. Waren es im Jahr 2005 noch 44 260 echte Neugründungen, reduzierte sich diese Zahl bis 2008 auf 33 886. Ein Trend, in dem Niedersachsen dem Bund folgt.

Die Unterschiede sind manchmal klein, aber bedeutend.

Dr. Dorothea Schulz, Geschäftsführerin der IHK in Hameln, rät: Für eine Existenzgründung braucht man Zeit und eine sehr gute Vorbereitung.

Foto: wft

Gewusst wie – für Existenzgründer gibt es Beratungsangebote. IHK und NBank helfen gerne.Foto: Bilderbox

Mehr als die Hälfte aller Gründungen von Unternehmen scheitert innerhalb der ersten drei Jahre. Wir wollten wissen, woran das liegt und haben bei Experten nach den Gründen für derartige Misserfolge gefragt. Denn dabei wird meist auch viel Geld „verbrannt“. Außerdem werden Zukunftshoffnungen zerstört und möglicherweise ganze Existenzen ruiniert.

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