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Die Professoren der Sommeruni: Manfred Lauermann, Soziologe und Philosoph

"Die alte Soziologie gibt es nicht mehr"

Rinteln (cok). In so mancher Beziehung ist der Soziologe Professor Manfred Lauermann (60) ein Sohn der Studentenbewegung. Neben Rudi Dutschke im SDS aktiv, studierte er bald sehr engagiert Soziologie und Philosophie und verzichtete dann doch auf eine "bürgerliche" Karriere, zugunsten seiner beiden Kinder, für die er allein erziehender Vater war. Nach einer Professur in Brasilien schreibt er nun als "Wissensunte rnehmer", wie er es nennt, Aufsätze, hält Vorträge und ist regelmäßiger Dozent an der Sommeruniversität Rinteln.

Manfred Lauermann

Dort drehen sich seine Themen nicht nur um Probleme der Globalisierung oder die Bedeutung der Soziologie im gesellschaftlichen Alltag, sondern in intensiven Studienberatungen macht Lauermann den angehenden Studenten klar, was mit den neuen Studiengängen von Bachelor und Master auf sie zukommen wird. Außerdem wird er in einem der Frühschoppen über das Studieren in den sechziger und siebziger Jahren sprechen und die damalige Aufbruchssituation mit dem heutigen, streng reglementierten Studieren vergleichen. "Ein Soziologiestudium würde ich heute niemandem mehr anempfehlen", meint er. "Die alte Soziologie mit ihren kritischen Gesellschaftstheorien, die gibt es nicht mehr." Heute seien Politikwissenschaftler gebraucht, die empirische Sozialforschung betreiben und als Berater für Politiker oder Wahlexperten begehrt seien. "Damals konnten sich die Ehrgeizigen unter uns fast sicher sein, eine Stelle an den vielen neu gegründeten Universitäten zu bekommen. Jetzt sind die Chance gleich null." Er selbst studierte in Rekordzeit, legte eine exzellente Dissertation vor, wurde Uni-Assistent in Hannover und erhielt für seine geplante Habilitation eines der seltenen Stipendien der Deutschen Forschungsgesellschaft. Dann aber zerbrach seine Ehe, und als einer, der aus der Bewegung der Frauenemanzipation ganz konkret fürs eigene Leben gelernt hatte, erklärte er sich bereit, die Hauptverantwortung für seine beiden Kinder zu übernehmen. "Das habe ich gewiss nie bereut", sagt er. "Aber es ging mir genauso wie so vielen Frauen: Als die Zeit der Kindererziehung vorbei war, war ich zu alt für eine Karriere als ordentlicher Professor." Stattdessen nahm Manfred Lauermann teil an einem sechsjährigen Forschungsprojekt über die politische Philosophie von Spinoza, beteiligte sich auch nicht an dem Run auf frei gewordene Professorenstellen im Osten nach dem Fall der Mauer und kehrte erst 1996 an die Universität zurück, diesmal in Dresden, als dort die "Verwestlichung" schon längst abgeschlossen war und er nicht das Gefühl haben musste, als "Nutznießer" und "Besserwessi" ehemaligen Ost-Dozenten gegenüberzustehen. Ein Experte für soziologische Theorien (allen voran der Kritischen Theorie um Horkheimer, Adorno und Marcuse), beschäftigte er sich nun, nach so langen Jahren Elfenbeinturmarbeit an Spinoza, mit der konkreten Soziologie der Gegenwart, vor allem dem Phänomen des immer stärker aufkommenden Rechtsradikalismus.Und nachdem er von einer mehrjährigen Professur in Brasilien zurückgekehrt war, kam das Thema der Globalisierung dazu, mit ganz konkreten Einblicken von den Arbeitsverhältnissen in einem Schwellenland, ohne die, so ist er überzeugt, eine fundierte soziologische Globalisierungskritik gar nicht möglich sei. Die Rückkehr aus Brasilien bedeutete noch einmal einen Bruch in seiner eh schon bunten Berufskarriere, die in vielerlei Hinsicht so typisch ist für Alt-68er, dass jetzt ein Dokumentarfilm über seinen Lebensweg gedreht werden soll. "Ich konnte mich alles in allem immer mit den Dingen beschäftigen, die ich mir selbst ausgesucht habe", sagt er. "Das war es wirklich wert!"

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