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Ausflugsziel: Museum Amtspforte in Stadthagen / Sonderausstellung „Archäologische Entdeckungen rund um St. Martini“

Die ältesten Stadthäger ruhen im Schatten der Kirche

Stadthagen. Jetzt wissen wir es genau. Der erste Friedhof in Stadthagen befand sich unmittelbar an der St.-Martini-Kirche. Die Gräber haben sich – wie es in den Gründerjahren der Städte und Dörfer überall üblich war und wie es heute noch an manchen Orten praktiziert wird – rund um das Gotteshaus aufgereiht. Überreste des ehemaligen Friedhofes in der Nähe des Marktplatzes wurden jetzt durch archäologische Ausgrabungen gesichert.

Die im Museum Amtspforte gezeigten Fundstücke wurden bei Tiefbauarbeiten nordöstlich der St.-Martini-Kirche entdeckt. Fotos: kp

Autor:

Karlheinz Poll

Stadthagen. Jetzt wissen wir es genau. Der erste Friedhof in Stadthagen befand sich unmittelbar an der St.-Martini-Kirche. Die Gräber haben sich – wie es in den Gründerjahren der Städte und Dörfer überall üblich war und wie es heute noch an manchen Orten praktiziert wird – rund um das Gotteshaus aufgereiht. Überreste des ehemaligen Friedhofes in der Nähe des Marktplatzes wurden jetzt durch archäologische Ausgrabungen gesichert. Das Ergebnis der Arbeiten unter Leitung des seit 2009 im Landkreis Schaumburg tätigen Kommunalarchäologen Dr. Jens Berthold ist in einer Sonderausstellung im Museum Amtspforte zusammengefasst. Bis Ende Januar 2011 sind im Erdgeschoss des Museums einige Fundstücke der Grabungen ausgestellt. Zudem gibt es jede Menge schriftliche Informationen über die jüngsten Forschungen und über bisher durchgeführte archäologische Untersuchungen in Stadthagen.

Kommissar Zufall war mit im Spiel bei den neuesten Entdeckungen Stadthäger Geschichte. In der Straße Am Kirchhof wurden im Frühjahr Kanal- und Straßenbauarbeiten durchgeführt. Dabei stießen die Bagger in zwei Meter Tiefe auf das Gräberfeld. Ein klarer Fall für Jens Berthold, der mit einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern im Mai und Juni an die Arbeit ging. Bei den folgenden Ausgrabungen wurden über 100 Gräber entdeckt.

Da nur ein kleiner Teil des ehemaligen Friedhofs von den Arbeiten der Kanal- und Straßenbauer betroffen war, ist das untersuchte Gräberfeld nur als Ausschnitt der gesamten ursprünglichen Anlage zu sehen. Der Archäologe geht für das spätere Mittelalter in Stadthagen von einer Einwohnerzahl von etwa 1500 Menschen aus. Daraus schließt er, dass in den fünf Jahrhunderten der Nutzzeit Tausende von Einwohnern im Schatten der St.-Martini-Kirche ihre letzte Ruhestätte erhalten haben.

Geborgen: das Skelett eines etwa fünfjährigen Kindes. Die Kindersterblichkeit im Mittelalter war sehr hoch.
  • Geborgen: das Skelett eines etwa fünfjährigen Kindes. Die Kindersterblichkeit im Mittelalter war sehr hoch.
Vor 300 Jahren verstarb der Säugling Anna Catarina Barckhausen. Die wohlhabenden Eltern ließen eine Grabplatte anfertigen, die h
  • Vor 300 Jahren verstarb der Säugling Anna Catarina Barckhausen. Die wohlhabenden Eltern ließen eine Grabplatte anfertigen, die heute an der Südseite der St.-Martini-Kirche zu sehen ist.
Die fünf Zentimeter starke Eichenbohle (r.) ist das Kopfstück eines Sarges und stammt von einem Baum, der frühestens im Jahre 12
  • Die fünf Zentimeter starke Eichenbohle (r.) ist das Kopfstück eines Sarges und stammt von einem Baum, der frühestens im Jahre 1279 gefällt wurde. Die Sarghenkel (l.) stammen von neuzeitlichen Gräbern.
Das Museum Amtspforte.
  • Das Museum Amtspforte.
Geborgen: das Skelett eines etwa fünfjährigen Kindes. Die Kindersterblichkeit im Mittelalter war sehr hoch.
Vor 300 Jahren verstarb der Säugling Anna Catarina Barckhausen. Die wohlhabenden Eltern ließen eine Grabplatte anfertigen, die h
Die fünf Zentimeter starke Eichenbohle (r.) ist das Kopfstück eines Sarges und stammt von einem Baum, der frühestens im Jahre 12
Das Museum Amtspforte.

Festgestellt wurde, dass die Gräber äußerst dicht lagen, nebeneinander wie auch übereinander. In den Grabungsflächen zeichneten sich die vergangenen Särge als dunkle Streifen an. Einige Särge waren noch erstaunlich gut erhalten, andere bereits stärker zersetzt. Moderne naturwissenschaftliche Methoden werden genutzt, um das Alter von Holz zu ermitteln. In diesem Fall wurden die gefundenen Sargstücke über die Jahresringe datiert. Durch diese Methode lässt sich eine Kurve erstellen, die wie ein Fingerabdruck für ein bestimmtes Zeitalter zu deuten ist. Mit dem Vergleich einer bekannten Standardkurve lässt sich das Fälljahr des Baumes ermitteln.

Bislang datiert wurden vier Särge und ein Baumstamm, die wenige Meter nordöstlich vom Mausoleum aus dem Erdreich geholt wurden. Der Baumstamm, der in zwei Meter Tiefe unter den Gräbern lag, wurde frühestens um 1248 gefällt. Die tiefsten Gräber, die wohl zu den älteren des Friedhofs gehörten, wurden ab 1275 und nach 1309 angelegt. Wenn man davon ausgeht, dass Stadthagen 1222 gegründet wurde – 1972 feierte die Stadt das 750-jährige Bestehen –, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, dass auf dem jetzt entdeckten Gräberfeld die ältesten Stadthäger ruhen. Bei den gefundenen Hölzern handelt es sich wahrscheinlich um Teile von Bäumen aus dem sogenannten Dülwald, der sich bei der Stadtgründung, im Mittelalter, auf dem heutigen Stadtgebiet und darum herum befand.

Die Toten wurden in früherer Zeit nach bestimmten Regeln bestattet. Die gesellschaftliche Stellung spielte eine große Rolle bei der Vergabe der Grabstätte, wo und in welcher Ausstattung ein Verstorbener zur letzten Ruhe gebettet wurde. Die begehrten Ruheplätze in der Kirche waren Adeligen und „Kirchenfürsten“ vorbehalten. Je näher am Altar, desto größer waren die Chancen auf Auferstehung. Das einfache Volk, also die meisten Menschen, wurden im Mittelalter um die Kirche herum gebettet.

Kommunalarchäologe Berthold hält den Friedhof um St. Martini für einen der wichtigsten Friedhöfe seit der Stadtgründung. Beisetzungen fanden noch um die Klosterkirche der Franziskanermönche an der Klosterstraße und um die Kapelle St. Johannes an der Vornhäger Straße statt. Hingerichtete Übeltäter oder Menschen, die außerhalb der Gesellschaft gelebt hatten, wurden an anderen Orten beerdigt.

Bei den Tiefbauarbeiten nordöstlich der Kirche, Ecke Am Kirchhof/Schulstraße, stießen Arbeiter auf Mauerreste eines Gebäudes. Unter diesen befand sich ein älteres Grab. Wahrscheinlich war der Friedhof im Mittelalter noch größer. Im späten 16. und im 17. Jahrhundert wurde er dann wohl verkleinert, um für eine Reihe heute noch bestehender Gebäude Platz zu schaffen, zum Beispiel für das Mausoleum und die Lateinschule. Die umliegenden Gebäude begrenzen seither den Friedhof, der um 1800 stillgelegt wurde. Es blieb der Friedhof vor dem Westerntor, an der Ecke Bahnhofstraße/Enzer Straße, der heute als Grünanlage erhalten geblieben ist. 1896 wurde schließlich der neue St.-Martini-Friedhof, Hinter der Burg angelegt.

Aus der Gründerzeit Stadthagens steht leider kein einziges Gebäude mehr. Wie sah die Stadt damals aus? Hier kann nur die Archäologie helfen. Im Untergrund gibt es noch viele Hinterlassenschaften: Mauerreste und Abfallgruben, Feuerstellen, Brunnen und Latrinen. Wer weiß, vielleicht ist auch irgendwo noch ein Schatz vergraben, ein Krug voller Goldmünzen, die vor feindlichen Angriffen im Dreißigjährigen Krieg oder in anderen Kriegszeiten in der Erde versteckt wurden. Die Archäologen verfügen heute über modernste Techniken und Methoden, Historie buchstäblich auf den Grund zu gehen. Manchmal genügt ein winziger Rest einer Scherbe, um ganze Geschichten zu erzählen, wie die Menschen in früherer Zeit gelebt haben. Je mehr Teile geborgen werden, desto klarer wird das Bild von damaligen Lebensumständen.

In Stadthagen steckt die Archäologie noch in den Kinderschuhen, was sich jetzt durch Jens Berthold ändern soll. Mit den Forschungen auf dem Gräberfeld an der St.-Martini-Kirche wurde jetzt ein vielversprechender Anfang unternommen. Wer bei Bauarbeiten oder Grabungen historische Funde macht, sollte sich an Jens Berthold wenden. Der Archäologe ist bei der Schaumburger Landschaft in Bückeburg unter Tel. 05722/956615 zu erreichen.

Es gab aber auch schon in früherer Zeit Versuche, Stadthagens Geschichte auf den Grund zu gehen. In den 1960er und 70-er Jahren waren die Eheleute Anna und Horst Masuch als Archäologen beziehungsweise Denkmalpfleger aktiv. 1969 hatten sie durch den Neubau der Dresdner Bank an der Marktstraße die Möglichkeit, den Grund am früheren Westerntor zu erforschen. An das Tageslicht kamen Mauerzüge der alten Stadtmauer, Hausfundamente und Holzpfähle – und jede Menge Scherben von Keramik, Glas und anderen Haushaltsgegenständen. Die beiden Masuchs nahmen Untersuchungen in der St.-Martini-Kirche vor und gruben im benachbarten Garten der Oberpfarre. In großer Tiefe wurden Hölzer angetroffen, die aus der Zeit vor der Stadtgründung stammen. Später wurden Grabungen beim Umbau der früheren Gaststätte „Brauerei-Ausschank“ am Marktplatz vorgenommen.

Zurück zum ehemaligen Friedhof an der St.-Martini-Kirche. Dass dicht an der Kirche Bestattungen stattgefunden haben, ist schon mal in den 1950er Jahren bekannt geworden. Damals wurden bei Tiefbauarbeiten auf dem Vorplatz der Kirche Skelettteile freigelegt. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als etwa 10-jähriger Schüler auf dem Weg zur Bürgerknabenschule mit anderen Mitschülern ganz fasziniert in die Gruben geschaut habe. Skelettteile der im Frühjahr entdeckten Funde werden in der Sonderausstellung in der Amtspforte gezeigt. Darunter das Skelett eines etwa fünfjährigen Kindes und der Totenschädel eines etwa 30 Jahre alten Mannes. Von den Särgen werden fünf Zentimeter starke Eichenbohlen ausgestellt. In einem von der Martini-Kirchengemeinde stammenden Kirchenbuch aus dem Jahre 1710 sind die Namen der Verstorbenen aufgelistet.

Die Ausstellung „Die ältesten Stadthäger – Archäologische Entdeckungen rund um St. Martini“ im Museum Amtspforte ist dienstags bis freitags von 10 bis 12 und 15 bis 17 Uhr und sonnabends und sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

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