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Tokio. Schlamm und Trümmer, soweit das Auge reicht. Wo einst Städte und Dörfer an der Nordostküste Japans standen, haben das Erdbeben und der Tsunami alles dem Erdboden gleichgemacht. Tausende Helfer durchsuchen Ruinen und Schutthaufen – doch auf Überlebende hoffen sie nicht mehr, es geht vor allem um das Bergen von Leichen. Deren Zahl könnte mehr als 10 000 erreichen.

Soldaten in Schutzanzügen evakuieren das Dorf Otama nahe Fukushima. Fotos: dpa

Autor:

Lars Nicolaysenund Ivonne Marschall

Zu alledem stürzten das Erdbeben der Stärke 9,0 und der Tsunami das Land in eine atomare Katastrophe. Gestern fiel in einem dritten Atomkraftwerk das Kühlsystem aus, für zwei Anlagen galt Atomalarm. In der schwerbeschädigten Anlage Fukushima droht nach widersprüchlichen Informationen über eine Kernschmelze in zwei Reaktoren auch Gefahr durch hochgiftiges Plutonium. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo zudem berichtete, versagte eine Pumpe für das Kühlsystem im Atomkraftwerk Tokai gestern den Dienst. Die Anlage steht 120 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio, sie hatte sich bei dem Beben am Freitag automatisch abgeschaltet. Gestern wurde auch für das Atomkraftwerk Onagawa der Notstand ausgerufen. Berichte über Kernschmelzen in den Reaktoren 1 und 3 der Atomanlage Fukushima Eins schürten die Angst vor einem Super-GAU. Ein Regierungssprecher dementierte gestern seine Angaben, wonach es auch im Reaktor 3 des Atomkraftwerks Fukushima Eins eine „teilweise“ Kernschmelze gegeben habe. Wie am Reaktor 1 sei am Reaktor 3 die Kühlfunktion ausgefallen, erklärte Yukio Edano. Dadurch sei das Kühlwasser zurückgegangen. Dass es im Reaktor 1 schon zu einer Kernschmelze kam, hält die Atomsicherheitsbehörde dagegen für sehr wahrscheinlich. Der Evakuierungsradius wurde auf 20 Kilometer um das Kraftwerk ausgeweitet. In Fukushima pumpten die Rettungskräfte Meerwasser in den Reaktor 3. Die Brennstoffstäbe seien inzwischen wieder im Wasser, sagte der Sprecher.

Derweil steigt die Zahl der Opfer weiter: Die Behörden identifizierten bis gestern Abend 1597 Tote. 1481 Menschen gelten laut Polizei als vermisst. Hinzu kommen bis zu 300 Opfer, die an der Küste der Präfektur Miyagi gefunden wurden. Der Polizeichef ging dort aber von höheren Opferzahlen aus, da man noch keinen Kontakt mit über 10 000 Einwohnern habe.

Auch zwei Tage nach dem Beben waren große Gebiete an der Ostküste noch von der Umwelt abgeschnitten und Küstenstraßen unbefahrbar. Tausende erschöpfte Menschen warten nach den Berichten aus Japan auf Rettung per Hubschrauber. In den japanischen Katastrophenregionen mussten bis gestern etwa 530 000 Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Rund 450 000 waren obdachlos geworden. Weitere 80 000 mussten ihre Unterkünfte verlassen, als die Behörden die Sicherheitszone um die Kernkraftwerke ausdehnten. Gestern erschütterte ein Nachbeben den Großraum Tokio. In der Stadt wankten Hochhäuser. Japan drohen wegen der Schäden an den Atomanlagen im Nordosten massive Engpässe in der Stromversorgung. Stromkonzerne planen, Energie zu rationieren.

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Auf der anderen Seite des Pazifiks richtete der Tsunami in Kalifornien Schäden von mindestens 50 Millionen Dollar, also rund 36 Millionen Euro an. Dabei handele es sich um eine vorläufige Prognose, sagte Geologie-Professorin Lori Dengler von der kalifornischen Humboldt State University der „Los Angeles Times“.

In Anbetracht der Katastrophe in Japan will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) morgen mit den Ministerpräsidenten der Länder über den Sicherheitscheck der deutschen Atomkraftwerke sprechen. Die Opposition bekräftigte ihre Forderung nach dem Atomausstieg. Einen sofortigen Ausstieg lehnte Merkel ab.

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