weather-image
23°
Das Ehepaar Schneider gibt Flüchtlingen Deutschunterricht und betreut mehrere Familien

„Deutsch ist die Grundvoraussetzung“

Bückeburg. Letzte Tür rechts im Gemeindehaus neben der Stadtkirche. Zwei Tische sind besetzt. Flüchtlinge lernen hier Deutsch, die ersten Brocken, um sich in fremder Umgebung zurecht zu finden und sich etwas verständigen zu können. Monatsnamen sind heute an der Reihe. Renate Schneider steht an der Tafel, schreibt die Namen auf und spricht sie laut und deutlich vor. Die Flüchtlinge sprechen nach. Am anderen Tisch blättert Jürgen Schneider mit einer dreiköpfigen Gruppe durch Unterlagen. Diese Gruppe ist schon etwas weiter. Bei Übersetzungen von Deutsch in Arabisch oder eine andere Sprache hilft eine Sprach-App auf dem Smartphone. Einmal vorgelesen übersetzt und liest die App vor. Oder umgekehrt. Es funktioniert.

270_008_7786700_bschneiderf1_2410.jpg
4299_1_orggross_r-cremers

Autor

Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Das Ehepaar Schneider gehört mit zu der großen Schar freiwilliger Helfer, die sich in Bückeburg um die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge kümmert. Zweimal die Woche geben die pensionierten Lehrer Sprachunterricht im von der Kirchengemeinde organisierten Netzwerk. „Wir haben keine Not an zu Unterrichtenden“, sagt das Ehepaar, das sich seit 2001 bei „Alle unter einem Dach“ engagiert, einer Bückeburger Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz, die seit Jahren Deutschkurse bei der VHS finanzierte, aus Erlösen aus den bis vor kurzem stattfindenden jährlichen Kulturfesten. „Deutsch ist die Grundvoraussetzung“, ist die feste Überzeugung der Schneiders: „Ohne das, wird die Integration nicht funktionieren.“ Alle Teilnehmer hätten ein gutes Verhältnis zum Lernen.“ Alle seien keine Akademiker.

Seit einem halben Jahr unterrichten sie deutsch. Das ist aber nicht alles. Denn zusätzlich hat das Ehepaar drei Familien unter seine Fittiche genommen, die in den Häusern an der Königsberger Straße wohnen. Fast täglich kümmern sie sich um „Kleinigkeiten“, seien es Fragen rund um Kindergarten- oder Schulbesuch, wenn das Kind einen Elternzettel mitgebracht hat, der übersetzt werden muss. Oder aber wenn der Schulweg zu zeigen ist, weil es keinen Platz mehr in der nahe gelegenen Grundschule Am Harrl gab, sondern stattdessen die weiter entfernte Grundschule im Petzer Feld besucht werden muss. Oder aber zu klären, ob das Mittagessen bei der Ganztagsbetreuung Halal ist und wer die Kosten übernimmt. Oder aber, wo es Krankenscheine für einen Zahnarztbesuch gibt: bei der Kreisverwaltung in Stadthagen, wo die Flüchtlinge mittlerweile per Rad hinfahren.

„Die machen sich schnell selbstständig“, ist die Erfahrung der Schneiders. Und: Alle Flüchtlinge, die sie betreuen oder unterrichten, haben nur ein Ziel: so schnell wie möglich zu arbeiten. Als neulich drei ihre Arbeitserlaubnis erhielten, sei spontan gefeiert worden. Die Verzögerungen bei der Bearbeitung von Asylanträgen sehen die Schneiders mit einer gewissen Skepsis: „Unsere größte Sorge ist, dass diese Menschen nicht so schnell in Arbeit und Brot kommen, wie sie es sich wünschen.“ Und widersprechen, dass Asylbewerber Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen würden: Erst wenn Arbeitsplätze nicht mit Deutschen, EU-Ausländern und Ausländern mit Aufenthaltsstatus besetzt werden können, kommen Asylbewerber als Letzte an die Reihe.

Zwei bis drei Stunden täglich stecken die Schneiders in die Betreuung. Wenn es zu Fahrten nach Hildesheim oder Braunschweig zu Ausländerbehörden oder Flüchtlingsrat geht, können es auch schon einmal vier oder fünf Stunden werden. „Ist doch allemal besser, als zu putzen und zu verreisen“, lacht die agile 70-Jährige. Es gibt uns so viel zurück, sagt sie zu ihrer Motivation: „In strahlende Kinderaugen zu schauen, ist schön.“

Erst, wenn man sich kümmere, sieht und erfährt man, welche Schicksale die Menschen hinter sich haben, wie verunsichert sie sind: „Sie leben zwischen Angst und Hoffnung.“ Die Angst, abgeschoben zu werden, wie es bei einer der von den Schneiders betreuten Familien droht, die vom Balkan und einem jetzt sicheren Herkunftsland kommt. Die Hoffnung, die eine syrische Familie hat, endlich die begehrten Papiere zu erhalten.

Und die Flüchtlinge geben den Schneiders eine andere Sicht auf manche Dinge, wie sie schildern. An erster Stelle nennen sie die umwerfende Gastfreundschaft: „Wir sind zu jeder Zeit willkommen.“ Obwohl die Flüchtlinge nichts haben, wird zuerst ein Glas Wasser oder eine Kleinigkeit angeboten. Die Flüchtlinge versammeln sich, alle sitzen draußen, alle schnacken – wenn auch manchmal mit Händen und Füßen. Über den Begriff der „deutschen Leitkultur“ lachen Renate und Jürgen Schneider nur: „Wir lernen uns kennen. Sie lernen wie wir uns verhalten. Und wir, wie sie sich verhalten.“ So haben sie erfahren – entgegen einem häufig gehörten Klischee: „Es gibt sehr viele starke Frauen in Arabien.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare