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„Der Skulptur auf der Spur“: Reiner Hildebrandts „Zeitspeicher“ an der Sudetenstraße ist umgezogen

Der Sandstein mit dem absurden Namen

Hameln. Sie stehen im Bürgergarten, an der Weser, in der Fußgängerzone: Skulpturen gibt es in Hameln nahezu überall. Woher kommen sie? Weshalb zieren sie den jeweiligen Standort? Und wie lange schon? Julia Marre hat sich umgesehen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche stellen wir in loser Folge vor. Heute: „Zeitspeicher“ von Reiner Hildebrandt.

1992: Reiner Hildebrandt arbeitet am „Zeitspeicher“, der mit seinen Fenstern immer neue Einfallswinkel für die Sonne

Mit viel Getöse ist eines der Werke entstanden, die seit dem zweiten Bildhauersymposium der Stadt Hameln den öffentlichen Raum zieren. Als Reiner Hildebrandt seinen „Zeitspeicher“ an der Sudetenstraße schuf, sah das Freiluft-Atelier des Bildhauers zunächst nach einer Baustelle aus. So schreibt es die Dewezet im Herbst 1992. Mit Hammer und Meißel und elektrischem Presslufthammer ist das Werk aus dem Wesersandstein entstanden. In einem daneben parkenden Bauwagen stellte der Künstler seine Geräte unter. Übernachtet hat er in dem Wagen zwar nicht. Aber dennoch morgens früh mit der Arbeit begonnen.

„Steht das Ding denn noch?“, fragt der in Altmerdingsen lebende Künstler heute neugierig nach. Ja, es steht noch. Auch wenn es mittlerweile ein Stück weitergerückt ist – von der Pfortmühle zum Amtsgericht hin. „Das war damals zum Bau der Fußgängerbrücke aufs Werder nötig“, weiß Elisabeth Guske vom Kulturbüro der Stadt Hameln.

Seinen „Zeitspeicher“ zu besuchen, hat sich Reiner Hildebrandt des Öfteren vorgenommen. „Immer dann, wenn ich in der Nähe auf der Autobahn unterwegs war“, sagt er. Denn es sei spannend zu beobachten, was mit den Werken im Laufe der Zeit geschieht, so der Künstler. Wie etwa Graffiti den Kunstwerken zusetzt. „Bis jetzt habe ich damit allerdings nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Hildebrandt. Und sein Hamelner Werk zu besuchen, das hat er bislang nicht geschafft.

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Der „Zeitspeicher“, an dem der 1954 in Hannover geborene Künstler rund zwei Wochen vor Ort gearbeitet hat, sei positiv angenommen worden. Zunächst habe es viele Fragen und „die üblichen Kommentare“ gegeben, erinnert sich Hildebrandt: „Was soll denn das werden?“ oder „Das kann mein kleiner Sohn auch.“. Dann aber gesellte sich eine Gruppe fester Zuschauer zum arbeitenden Künstler. „Es waren Menschen, die den ganzen Tag lang Zeit hatten und aus denen bald Befürworter meines Werkes wurden“, so Hildebrandt. Die Resonanz war gut. Ein älteres Ehepaar entpuppte sich als besonders interessiert, besuchte es doch täglich die fortschreitende Arbeit. „Später hat sich daraus sogar ein Briefwechsel ergeben, der ein Jahr andauerte“, erinnert sich Reiner Hildebrandt.

Gesprächsstoff bot sich immer genug an der künstlerischen Baustelle. Der „Zeitspeicher“ habe genügend Anlässe geliefert. „Die Zeit ist eine Illusion. Dadurch wird das Wort ‚Zeitspeicher‘ absurd, denn anders als Strom lässt sie sich nicht speichern“, so der Künstler. Wie nutzen Menschen ihre Zeit, wie gehen sie damit um? „Das ist ein interessanter Denkansatz“, sagt Hildebrandt, der sich heute noch in seinen Werken mit dem Thema beschäftigt.

Hildebrandt, der von 1976 bis 1982 Freie Bildhauerei bei Helmut Rogge an der Fachhochschule für Kunst und Design in Hannover studiert hatte, arbeitet seit 1984 als freischaffender Bildhauer. Seit 1989 nimmt er regelmäßig an Bildhauersymposien teil. Seine Arbeiten befinden sich in privatem und öffentlichem Besitz. Unter anderem sind in Stadthagen und Goslar Werke von ihm zu sehen. In Rinteln beteiligte er sich zum „Tag der Niedersachsen“ 1991 am Projekt „Regelverletzung“, einem Steinensemble am Weserufer. 1989 zeigte er dem Hamelner Publikum seine Skulpturen und Zeichnungen in einer Einzelausstellung in der Galerie arche. In Kontakt mit der Rattenfängerstadt war Hildebrandt durch Künstlerkollegen und den damaligen arche-Vorsitzenden Eckhard Wesche gekommen.

Lesen Sie in unserem Dossier auf www.dewezet.de alle bisher veröffentlichten Texte der Reihe „Der Skulptur auf der Spur“.

2011: Der 2,40 Meter hohe Wesersandstein ist inzwischen umgezogen, aber noch an der Sudetenstraße zu finden. Foto: Dana

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