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Hotels, Turnhallen und Schulen verwandeln sich im Ersten Weltkrieg in Lazarette

„Der Krieg schlug schwere Wunden“

Bereits 1914 können in Hameln 700 Verwundete versorgt werden. Trotzdem wird die Zahl der Betten bald knapp.

VON DR. GESA Snell

Für Unterhaltung war gesorgt: Waldfest der Hamelner Mobilmachungskommission für Verwundete auf dem Finkenborn am 15. Juli 1915. Museum Hameln

Im August 1914 äußert das Rote Kreuz die optimistische Einschätzung: „Die modernen Waffen, die nach dem Gesetz allen Kampfes auch den vollkommensten Schutz hervorbringen, vergießen umso weniger Blut, je vollkommener sie wurden.“ So ganz traut der große Verband seiner eigenen Einschätzung aber wohl nicht, er gehört zu den wichtigsten Initiatoren für Aufbau und Betrieb der Lazarette.
Die Vorbereitungen für den Ausbruch eines Krieges beginnen in Hameln schon sehr früh. Seit 1889 plant zum Beispiel der Vaterländische Frauenverein detailliert für den Mobilmachungsfall. Man beschäftigt sich mit der Pflege „verwundeter Krieger“ und bildet jedes Jahr Damen für solche Dienste aus. Komitees für die verschiedenen Aufgaben werden gebildet, Verantwortliche namentlich festgehalten. Selbst eine Lieferung von Wäsche und Anzügen für die Lazarette wird mit dem Fabrikanten C.W. Lohmann schon in den 1890er Jahren vertraglich geregelt.
Die Maxime für solches Handeln: „Verlaßt Euch vor allem nicht auf Staat und Gemeinde. Nicht sie haben uns, wir haben sie zu stützen.“ Die Eigeninitiative und das Verantwortungsbewusstsein vieler Gruppen, Verbände und Vereine machen die Organisation der Unterbringung und die Betreuung der Verwundeten denn auch möglich.
Der Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins trifft sich am 3. August 1914 in einer feierlichen Sitzung mit der Spitze der städtischen Verwaltung. Man berät gemeinsam über die praktische Umsetzung der lange besprochenen Pläne. Eine Mobilmachungs-Kommission, eine Reservelazarett-Kommission, eine Abschätzungs-Kommission usw. werden gebildet und beginnen umgehend mit ihrer Arbeit. An die Polizei ergeht zum Beispiel die Bitte zu prüfen, welche der wenigen Automobilbesitzer Verwundete vom Bahnhof in die Lazarette transportieren können. Sieben wohlhabende Freiwillige werden gefunden (zu denen zwei Fahrradhändler gehören).
Die Landwirtschaftskammer ist am schnellsten und stellt schon am 9. August ihre sogenannte Haushaltungsschule als Lazarett zur Verfügung – sogar mit freier Verpflegung. Hoteliers und Gastwirte werden von der Kommission über die Umwidmung ihrer Betriebe informiert. Nicht alle beugen sich, die Wirtin der „Union“ etwa verweigert die Annahme des Schreibens. Schließlich ist auch die befristete Aufgabe des eigenen Lokals (selbst wenn eine Entschädigung gezahlt wird) ein harter Einschnitt. Offensichtlich gelingt ihr der Schachzug: Lazarette werden zunächst im „Vergnügungslokal Tivoli“ in der Deisterstraße, im Klubhaus zur Harmonie und dem Hotel Monopol untergebracht. Das Hotel stellt mit rund 165 Betten das weitaus größte Kontingent – im Krankenhaus stehen dagegen nur 30 „Lagerstätten“ für verwundete Soldaten zur Verfügung. Darüber hinaus fordert die Reservelazarett-Kommission die Turnhalle der neuen Mittelschule an der Lohstraße sowie Turnhalle, drei Schulräume und den Schulhof der Volksschule Hermannstraße zum Aufstellen einer Lazarettbaracke an. Unterricht kann in den Schulen kaum noch stattfinden, schnell müssen Notbehelfe gefunden werden. 1914 können in Hameln schließlich rund 700 Verwundete versorgt werden. Im Kriegsgefangenenlager wird später ein eigenes Lazarett aufgebaut.
Das Rote Kreuz sucht nun über Anzeigen Spenden, um die Lazarette wie vorgeschrieben bis zum 10. Mobilmachungstag einrichten zu können. Es geht um Bettwäsche und Kleidung, aber auch um Möbel, mit denen die Krankensäle eingerichtet werden sollen. Die Bürger werden gebeten, „leihweise eine Anzahl einfacher Nachttische mit Schränkchen, ebenso möglichst viele Rollwände“ zur Verfügung zu stellen. „Höhere Stellen“ haben außerdem verfügt, dass die Lazarette einen freundlichen Eindruck machen sollen, und so erklärt sich der Hamelner Obst- und Gartenbauverein bereit, Blumensträuße und Blattpflanzen zur Verfügung zu stellen.
Bald kommen die ersten Lazarettzüge mit Verwundeten nach Hameln. Mathilde Reinhardt erinnert in der Dewezet zunächst an die Abreise der Soldaten: „Tapfer und stolz, voll von mühsam verhaltenem Nichtabwartenkönnens blitzten die blanken Augen. Und in freudiger Erwartung leuchteten die glatten, teilweise noch so weichen Gesichter.“ Umso stärker der Kontrast nun bei der Ankunft der Verwundeten. „Der erste ist ein Jägersmann. Vor wenigen Wochen zog er aus mit Halli und Hallo, ein junger, frischer Bursch. Die harte Zeit hat ihn um Jahre gealtert und der Krieg schlug ihm schwere Wunden.“ Diesen gefühlvollen Ton behält Reinhardt bei und erwähnt zwar die stickige Luft in einem Waggon des Lazarettzugs, betont aber: „Kein Wort unüberlegten Scherzes wird laut. Wohin man auch kommt, überall fröhlicher-sonniger Ernst, brave Kameradschaftlichkeit und rührendste Dankbarkeit. – Das sind deutsche Soldaten!“ In ihrem patriotischen Text spielen die wirklich schrecklichen Szenen eines solchen Transports keine Rolle.
Ähnliches gilt für den Bericht über das Lazarett im Monopol im September 1914. Auch dort stehen die heiteren Seiten im Vordergrund. Belegt sind die Räume vor allem mit Leichtverletzten und Männern, die auf ihre Entlassung und ihre Rückkehr an die Front warten, wie eine Rotkreuz-Helferin dem Journalisten berichtet. Dieser kommentiert: „Hoffen wir, daß die Wiederherstellung der Wackeren so gute Fortschritte macht, daß sie bald durch die Erfüllung ihres Wunsches erfreut werden können!“
Im Monopol scheinen beinahe paradiesische Verhältnisse geherrscht zu haben, werden die Soldaten im benachbarten Garten eines Bürgers doch mit „Obst, Weintrauben, Zigarren und sonstigen Liebesgaben“ versorgt. Diese Bedingungen spiegeln wohl kaum den Alltag im Lazarett wider. Wichtiger für die Verwundeten ist wahrscheinlich die Tatsache, dass es zwei Operationsräume, mehrere Badezimmer mit Öfen und einen Desinfektionsapparat gibt, mit dem sich Wäsche, Kleidungsstücke und Verbandszeug sterilisieren lassen. Betreut werden die Militärs von drei „hiesigen“ Ärzten, Schwestern aus dem hannoverschen Henriettenstift und Rotkreuz-Damen.
Die Unterhaltung der Verwundeten ist ein wichtiges Anliegen der Hamelner. So werden immer wieder Konzerte in den Lazaretten veranstaltet, und es wird dazu aufgerufen, Genesende nach Hause einzuladen. Sehr aufwendig ist das Waldfest im Sommer 1915 angelegt. Rund 350 Menschen ziehen gemeinsam zum Finkenborn, die „am Gehen behinderten Verwundeten“ werden von Freiwilligen in den Lazaretten abgeholt und in den Wald gefahren. Nach vaterländischen Reden folgt „Lied auf Lied und die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als ein Kamerad (Photograph) die ganze Gesellschaft auf die Platte brachte“. In den Akten des Stadtarchivs zum Hamelner Krankenhaus findet sich ein eher nüchterner und wohl realistischerer Ton. Im Krankenhaus steigen die Kosten für Behandlung, Verbandsmaterial und Ernährung der Verwundeten im Takt mit der schlechter werdenden Versorgung an. Die finanzielle Situation der Klinik wird prekär. Im Lauf des unerwartet langen Krieges kommt es außerdem zu Konflikten um die Zimmerbelegung. Schwerkranke „zivile“ Patienten können nicht aufgenommen werden, weil Offiziere auf ihre „volle Kriegsverwendungsfähigkeit“ warten und monatelang im Krankenhaus bleiben. Die Enge wird noch schlimmer, weil Soldaten mit offener Tuberkulose in einer eigenen Baracke untergebracht werden müssen.
Die lange Dauer des Weltkriegs macht auch die zunächst nicht hinterfragte Belegung von Schulen, Turnhallen, Gaststätten und Hotels mit Verwundeten zur ernsten Belastung für die Stadt. So ist die Volksschule in der Hermannstraße nicht einmal abbezahlt, als sie dem Militär übergeben wird. Da es keine Erstattung für die Nutzung gibt, entsteht ein doppelter Schaden.
Die Solidarität hält trotzdem an. Noch im Dezember 1918 veranstalten Hamelner Bürger einen „Bunten Abend“ zugunsten der Verwundeten.

Rekonvaleszenten auf einer Weserfahrt mit dem Raddampfer „Kronprinz Wilhelm“ am Anleger in Bodenwerder. Stadtarchiv Hameln
  • Rekonvaleszenten auf einer Weserfahrt mit dem Raddampfer „Kronprinz Wilhelm“ am Anleger in Bodenwerder. Foto: Stadtarchiv Hameln
Lazarettpersonal am Bett eines Verwundeten, wahrscheinlich im Hotel „Monopol“. Für die Blumen hat der Obstund Gartenbauverein gesorgt.
  • Lazarettpersonal am Bett eines Verwundeten, wahrscheinlich im Hotel „Monopol“. Für die Blumen hat der Obstund Gartenbauverein gesorgt. Foto: Stadtarchiv Hameln
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