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Vor 110 Jahren endet der Glasmacherstreik in Obernkirchen – für viele in einem Desaster

„Der Kampf gilt König Heye!“

Der Obernkirchener Anzeiger hatte es kommen sehen. „Früher waren sie die Märtyrer, jetzt werden sie beiseite geworfen“, kündigte die Lokalzeitung am 2. August 1901, also vor ziemlich genau 110 Jahren, das sich anbahnende Ende eines dramatischen, bis dato hierzulande noch nie erlebten Arbeitskampfes an. Zwölf Monate zuvor, am 1. August 1900, hatte die Belegschaft der Glasfabrik Hauenstein zum Streik aufgerufen. Äußerer Anlass waren Lohnforderungen. Die Obernkirchener Glasmacher wollten dasselbe wie ihre höher bezahlten Kollegen in Nienburg verdienen. Beide Betriebe gehörten zum mächtigen Heye-Konzern. Die Zentrale saß in Hamburg. Unternehmenschef war Friedrich Carl Theodor Heye, Sohn des Firmengründers Hermann Heye.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ursprünglich aus dem Westfälischen stammend, waren die Heyes innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer der mächtigsten heimischen Industriellen-Familien aufgestiegen. Neben Nienburg und Schauenstein gehörten ihnen die Hütten Steinkrug bei Bennigsen und Wendthöhe bei Stadthagen. Kommunalpolitiker und Bürgerhonoratioren übten sich in Demutsbezeugungen. Als der Standort Obernkirchen verkehrstechnisch ins Abseits zu geraten drohte, setzte F. C. Th. Heye den Bau der Rinteln-Stadthäger Eisenbahn durch. Seine Leute behandelte der zum preußischen Geheimrat und Nienburger Ehrenbürger ernannte Industriebaron im Stile eines gestrengen Patriarchen. Er gründete Hilfsfonds, baute Werkssiedlungen und richtete Schulen und Kindergärten ein. Eine Vielzahl von „Hüttenvereinen“ sorgte für Unterhaltung und Zusammenhalt der Belegschaft über den Feierabend hinaus. Die Einwohner Obernkirchens bekamen eine neue Orgel und einen Marktplatzbrunnen geschenkt.

In Heyes Vorstellungswelt des dominanten „Übervaters“ gab es keinerlei Verständnis für die Wünsche und Ziele der aufkommenden Arbeiterbewegung. Seit den 1870er Jahren waren in immer mehr Glashütten „Arbeiterausschüsse“ aus der Taufe gehoben worden. „Aufgehetzt und fanatisiert wird es bei den Glasmachern zur fixen Idee, dass sie Herren auf der Fabrik werden müssten“, warnte der Schauenstein-Boss zu Beginn der Solidaritätsbestrebungen. Jetzt würden „Industrien, die zum Wohle der ganzen Gegend groß geworden sind, auf die gemeinste, frivolste Weise ruiniert“. Auf die Gründung der Gewerkschaft „Verband der Glasarbeiter Deutschlands“ reagierte er rigoroser und härter als alle anderen deutschen Fabrikbesitzer: „Ich warne jeden, dem Verband beizutreten“, ließ er an den Schwarzen Brettern seiner Betriebe aushängen, „ich würde genötigt sein, denselben sofort zu entlassen“.

Die Drohung hielt die Schauenstein-Belegschaft zehn Jahre lange in Schach. Doch dann, gegen Ende des Jahres 1899, begann es auch im damals 3700 Einwohner zählenden Obernkirchen zu rumoren. Nach heftigen und leidenschaftlichen Diskussionen sprach sich am 15. Juli 1900 die große Mehrheit der rund 220 Glasmacher für die Bildung einer neunköpfigen Verhandlungskommission aus. Neben der Forderung nach Lohnerhöhung ging es auch und vor allem um die Anerkennung einer frei gewählten Belegschaftsvertretung. Andernfalls werde man umgehend die Arbeit niederlegen, hieß es in einem von 178 Männern unterzeichneten Papier.

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Friedrich Carl Theodor Heye
  • Friedrich Carl Theodor Heye

Der sofort aus Hamburg herbeigeeilte Chef sagte die Lohnerhöhung zu, lehnte die Zulassung einer Arbeitnehmervertretung jedoch rigoros ab. Mehr noch: Im Gegenzug forderte Heye die Arbeiter ultimativ auf, die Streikdrohung bis zum 19. Juli zurückzunehmen. Andernfalls würden die Belegschaft entlassen, der Betrieb komplett stillgelegt und die Betriebswohnungen gekündigt.

Heye fackelt nicht lange

Die kompromisslose Haltung Heyes hatte bisher immer gewirkt. Diesmal aber löste sie Wut und Verbitterung aus. „Der Kampf gilt König Heye auf seinem Geldsack, auf seinen Millionen, die er aus unserem Schweiß und Blute gepreßt“, war in einem Streikmanifest zu lesen.

Heye fackelte nicht lange. Am 23. Juli machte er die Fabriktore dicht. Auf einen Schlag standen 650 Betriebsangehörige, darunter auch etwa 250 Korbmacher und 120 Tagelöhner, auf der Straße. Darüber hinaus mussten 44 Familien ihre Betriebswohnungen räumen. Heye nutzte die Schließung, um auf neue Ofentechnik umzurüsten und die Fertigungsabläufe zu automatisieren. Einen Teil der Produktion lagerte er in andere Standorte aus.

Die Entwicklung spitzte sich dramatisch zu. Die Emotionen kochten hoch. Für die Älteren und Familienväter ging es ums nackte Überleben. An den Werkstoren kam es zu tumultartigen Szenen. Arbeitswillige wurden als Feiglinge und Verräter beschimpft. Ehemalige Kollegen und Freunde spuckten sich auf der Straße gegenseitig ins Gesicht. Bei Tanzvergnügen kam es zu Schlägereien. Der Konflikt spaltete die ganze Stadt. Vermittlungsversuche von Bürgermeister Dreyer und Landrat von Dithfurth blieben erfolglos.

Je länger der Arbeitskampf dauerte, desto mehr geriet die Streikfront ins Wanken. Die 500 000 Reichsmark aus der Streikkasse des deutschen Glasarbeiterverbands, von denen 50 000 aus England überwiesen worden waren, gingen langsam aber sicher zur Neige. Da half es auch nicht, dass man sich in immer neuen Versammlungen gegenseitig Mut machte und die Gewerkschaft einen reichsweiten Generalstreik ausrief.

Der Widerstand brach endgültig zusammen, als Heye begann, Fremdarbeiter nach Obernkirchen und Nienburg zu holen. Die ersten trafen im April 1901 in der Bergstadt ein. Im Juni sorgten 138 russische und baltische Arbeiter, darunter 57 ausgebildete Glasmacher aus Riga, für eine weitgehende Wiederbelebung der Produktion. Immer mehr Einheimische schlichen gedemütigt zu „König“ Heye, um um Gnade und Wiedereinstellung zu bitten. Doch der kostete den Triumph gnadenlos aus. An die 50 Ex-Mitarbeiter verloren für immer den Job. Die meisten verließen aus Zorn, Scham und Verzweiflung für immer die Stadt. Der „Obernkirchener Anzeiger“ hatte es schon vorher gewusst: Unzählige Male sei den betörten Glasmachern von verständigen Leuten zugerufen worden, der Streik werde schlimm enden, schrieb das Blatt in einem Rückblick am 21. Oktober 1901. „Jeder besonnene Mann mußte doch schließlich Ekel empfinden über das Schimpfen auf einen Arbeitgeber, welcher seinen Stolz darin setzt und gesetzt hat, gute Arbeitsstellen und gesunde Wohnungen zu schaffen, und die Arbeiter gerecht zu behandeln und pünktlich auszubezahlen“.

Belegschaft der Schauensteiner Betriebsanlage „Friedrichshütte“ (Foto aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts).

Die Glashütte Schauenstein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Bild links). Schauenstein-Glasmacher bei der Arbeit (Foto um 1900, Bild rechts).

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