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Ludwig der Deutsche und Abt Warin verhandeln bei der Reichsversammlung in Paderborn

Der Kaisersohn kann den Abt überzeugen

Für Ludwig ist es die entscheidende Versammlung seines Lebens. Vor genau 1170 Jahren sitzt der Sohn Kaiser Ludwigs des Frommen in Paderborn mit den Großen des fränkischen Reiches bei einer Reichsversammlung zusammen. Erzbischöfe, Äbte, Herzöge und Grafen sind in der Kaiserpfalz zusammengekommen, um im Jahr 840 die Machtverhältnisse im Frankenreich nach dem Tod Kaiser Ludwigs zu klären. Noch vor 30 Jahren war Kaiser Karl der Große unumschränkter Herrscher über ein Reich, das von den Pyrenäen bis zur Elbe reicht.

Diese Grabplatte weist auf den Ort der Beisetzung des Königs in

Autor:

Frank Müntefering

Für Ludwig ist es die entscheidende Versammlung seines Lebens. Vor genau 1170 Jahren sitzt der Sohn Kaiser Ludwigs des Frommen in Paderborn mit den Großen des fränkischen Reiches bei einer Reichsversammlung zusammen. Erzbischöfe, Äbte, Herzöge und Grafen sind in der Kaiserpfalz zusammengekommen, um im Jahr 840 die Machtverhältnisse im Frankenreich nach dem Tod Kaiser Ludwigs zu klären. Noch vor 30 Jahren war Kaiser Karl der Große unumschränkter Herrscher über ein Reich, das von den Pyrenäen bis zur Elbe reicht. Für seinen Sohn Ludwig, genannt der Fromme, ist die Lage nicht so einfach. Er hat mehrere ehrgeizige Söhne, die schon früh nach Macht und Herrschaft streben.

Der 36-jährige Ludwig ist der dritte Sohn des Kaisers und hat bei den Ränkespielen um die Nachfolge anfangs keine guten Karten. Entsprechend fränkischer Tradition wird schon zu Lebzeiten seines Vaters das Reich geteilt. Während seine Brüder Lothar und Karl großzügig bedacht werden, erhält Ludwig zunächst nur Bayern. Als im Juni 840 Ludwig der Fromme stirbt, wird Lothar neuer Kaiser und wichtigster Nachfolger seines Vaters. Doch Ludwig steckt nicht zurück. Er will mehr. Bei der Reichsversammlung in Paderborn bittet er geschickt um die Gunst der Großen. Die meisten Reichsfürsten sind aber auf der Seite Lothars, zunächst auch Abt Warin, der Vorsteher des gerade neu gegründeten Klosters Corvey.

Der Abt des seit 27 Jahren bestehenden Klosters stammt aus sächsischem und fränkischem Adel. Er verhandelt in Paderborn mit Ludwig und erkennt, dass dieser Mann als König eine große Chance für Corvey ist. Lothars Schwerpunkt seiner Herrschaft liegt in Italien, Ostfrankreich und den heutigen Beneluxländern, und Karl bekommt Frankreich als seinen Erbteil. Ludwigs Gebiete konzentrieren sich zunächst um Frankfurt und Regensburg. Warin will das Kloster weiterentwickeln. Das von Kaiser Ludwig dem Frommen zur Missionierung der von Karl dem Großen unterworfenen Sachsen gegründete Corvey entwickelt sich schnell zu einem wichtigen und starken Kloster mit viel Einfluss und Besitz. Das soll so bleiben, wünscht sich Warin. Allerdings glaubt er, dass Lothar und Karl ihre Arbeitsschwerpunkte nicht ins Sachsenland legen. Aber Ludwig will dies. Der Kaisersohn kann den Abt überzeugen, Warin wird zum Parteigänger Ludwigs und unterstützt ihn bei seinen Kämpfen mit seinen Brüdern. Noch auf der Reichsversammlung stellt Ludwig dem Kloster Corvey eine Urkunde aus. Darin werden alle Privilegien aus der Gründungsurkunde des Benediktinerklosters bestätigt. Und zusätzlich überschreibt Ludwig dem Sachsenkloster mehrere Bauernhöfe und Besitzungen im Leinegau. Gegenseitige Unterstützung zahlt sich aus.

Die Straßburger Eide (842) wurden von Ludwig und Karl gesprochen
  • Die Straßburger Eide (842) wurden von Ludwig und Karl gesprochen.
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Das Westwerk in Corvey. Während der Regierungszeit des Königs (u
  • Das Westwerk in Corvey. Während der Regierungszeit des Königs (unten ein Siegel des Herrschers) wurde mit dem Bau begonnen. Foto: nig

Nach der Reichsversammlung verbündet sich Ludwig – unterstützt von Abt Warin – mit seinem Bruder Karl gegen den Ältesten, gegen Lothar. In der Schlacht von Fontenoy (841) besiegen Ludwig und Karl ihren Bruder, im Februar 842 erneuern Karl und Ludwig in Straßburg ihr Bündnis. Wieder ein Jahr später kommt es zur endgültigen Reichsteilung. Im Vertrag von Verdun einigen sich die drei Brüder. Ludwig bekommt Ostfranken (fast deckungsgleich mit dem heutigen Deutschland), Karl Westfranken (fast identisch mit dem heutigen Frankreich) und Lothar das Land zwischen den beiden Frankenreichen, das im Norden die Beneluxstaaten, in der Mitte das Elsass und die Schweiz und im Süden die Lombardei und Oberitalien bis Rom umfasst.

Ludwig wird zu einem erfolgreichen Herrscher. Das Kunstgebilde Ostfranken, zu dem die Stämme der Bayern, Alemannen, Franken, Sachsen und Friesen gehören, wächst zusammen. Ludwig unterstützt gerade die Klöster als Orte der Bildung. Immer wieder wird Corvey bei Schenkungen bedacht, bekommt zusätzliche Ländereien in der Nähe von Trier und Osnabrück. Unter Ludwig wird endgültig die Basis für Aufstieg und Reichtum des Klosters gelegt. Abt Warin bekennt sich öfter als klarer Parteigänger Ludwigs. In Corvey selbst entstehen in dieser Zeit bedeutende Werke der Buchkunst. Damals wurden die Bücher von Mönchen geschrieben und gemalt.

Ludwig erwirbt sich besondere Verdienste um ein Land und eine Nation, die noch gar nicht existieren. Von Deutschland spricht im 9. Jahrhundert noch kein Mensch, und auch in Ostfranken, dem Vorläuferreich des späteren Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, kennt man noch nicht mal dieses Wort. Gesprochen werden dort verschiedene althochdeutsche und altsächsische Dialekte. Latein ist die Sprache der Kirche und gebildeten Führungsschicht. Auch Ludwig spricht Latein. Aber er sorgt dafür, dass die Volkssprache Ostfrankens beachtet und gestärkt wird. Als 842 Ludwig und sein Bruder ihren Bund gegen Lothar erneuen, schwören sie sich gegenseitige Treue. Damit die Soldaten ihrer Heere die Könige verstanden, sprachen die Monarchen den Eid in der Volkssprache. Für die Soldaten Karls aus Westfranken wurde in der „lingua romana“ gesprochen, für die ostfränkischen Truppen Ludwigs in der „teudisca lingua“. Diese Straßburger Eide sind das erste schriftliche Zeugnis, dass sich im einstmals vereinten Frankenreich zwei Sprachen entwickelten, die Vorläufer von Französisch und Deutsch.

Im 19. Jahrhundert machen die Historiker aus Ludwig den ersten deutschen König, den Begründer des ostfränkischen und damit deutschen Reiches. Sie nennen ihn „Ludwig den Deutschen“. Als solcher ist er heute in den Chroniken und Geschichtsbüchern zu finden, obwohl zu seinen Lebzeiten das Wort deutsch noch gar nicht existiert. Dieses Wort entsteht nämlich erst aus dem Begriff „lingua teudisca – Volkssprache“. Ludwig selbst ereilt fast am Ende seines Lebens das gleiche Schicksal, das seinem Vater widerfuhr. Seine Söhne Karlmann, Ludwig der Jüngere und Karl III., genannt der Dicke, sind mit der Rolle als potenzielle Nachfolger unzufrieden. 861 und 864 startet Karlmann einen Aufstand gegen seinen Vater, der aber niedergeschlagen wird. Ludwig hat aus den Erfahrungen seines Vaters aber gelernt. 865 teilt er sein Reich unter seinen Söhnen auf. Karlmann bekommt Bayern, Ludwig der Jüngere Franken und Sachsen, und Karl III. wird mit Alemannien bedacht. Wirksam wird die Teilung erst beim Tode Ludwigs. Der Karolinger stirbt am 28. August 876 im Alter von 70 Jahren in Frankfurt. Begraben wird er im Kloster Lorsch.

König Ludwig ist während seiner Regierungszeit wahrscheinlich nie in Corvey gewesen. Als einer der wenigen fränkischen und römisch-deutschen Herrscher hat er der Abtei keinen Besuch abgestattet. Doch Ludwig der Deutsche ist extrem wichtig für die Entwicklung des jungen Klosters. Durch das Bündnis mit Abt Warin im Kampf um die Macht auf der Reichsversammlung in Paderborn bekommt Ludwig einen treuen Verbündeten, dem er diese Hilfe immer wieder dankt – mit neuen Ländereien, Markt- und Münzrechten sowie direkten Zuwendungen. Kurz vor seinem Tod erinnert sich Ludwig nochmals an Corveys Unterstützung. Im Jahr 873 entbindet der König die Mönche von der Pflicht, dem Bischof in Paderborn den Zehnten zu zahlen. Seitdem ist das Kloster nur noch dem König verpflichtet. Damit ist Corvey vor über 1100 Jahren einer der Gewinner der Machtkämpfe zur Zeit der Karolinger.

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