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Dr. Horst Köhler besucht das Hartinger-Werk "Fruchtquell" in Mecklenburg-Vorpommern / "Eine Erfolgsgeschichte"

Der Bundespräsident im Reich der Apfelsaftschorle

Rinteln/Dodow. Schon die Entstehungsgeschichte liest sich wie eine Legende, hat aber den Vorzug, wahr zu sein: Hartinger-Prokurist Horst Susewind war im Jahr 1990 eigentlich nur nach Dodow gekommen, um Fruchtsäfte einzukaufen. Nach einem Gespräch über das Autotelefon mit Firmenchef Richard Hartinger Senior, kaufte er gleich das ganze Unternehmen. Genauer gesagt, die einstige LPG "Apfelblüte" mit damals 78 Mitarbeitern.

Dr. Horst Köhler musste viele Hände schütteln, hier die der Mita

Autor:

Hans Weimann

Typisch für den Unternehmerstil der Hartingers: Die luden alle 78 in zwei Busse und zeigten ihnen erstmal das Stammwerk in Rinteln. Aus "Apfelblüte" wurde "Fruchtquell" - eine Erfolgsgeschichte im Osten, auch dank der sprudelnden Geldquelle: Rund 150 Millionen Mark sind seit 1990 in neue Abfüllanlagen, Hallen und Bürogebäude investiert worden. Dass es ganz anders hätte laufen können, dafür gibt es im Osten Beispiele: Hartinger hätte auch den Ostbetrieb zerschlagen können, einfach, um einen lästigen Konkurrenten loszuwerden. Die Qualität bei Fruchtquell war untadelig, "nur wurden die ihre Ware nicht mehr los. Mit der Maueröffnung war der Markt weg. Niemand wollte mehr Ost-Produkte kaufen, obwohl der Apfelsaft aus Dodow nicht anders schmeckt als der aus Rinteln", sagt Hartinger heute. Und der Senior wäre nicht Senior, wäre ihm für den scheidenden Dodower Betriebschef, Josef Künkler, nicht noch ein Projekt eingefallen: Die beiden alten Herren, eigentlich längst Pensionäre, stiegen gemeinsam ins "Veredlungsgeschäft" ein und kreierten eigenen Schwechower Obstbrand und Likör. Prominente haben sich im Werk Dodow schonöfter die Klinke in die Hand gegeben: Hans Dietrich Genscher, Mitarchitekt der Deutschen Einheit, war schon da, Dr. Otto Graf Lambsdorff und Ministerpräsident Dr. Harald Ringstorff, der mit Ehefrau Dagmar im Präsidentengefolge die Runde machte. Der leibhaftige Bundespräsident, der am Dienstag dieser Woche das Werk besuchte, sprengte allerdings dann doch die gewohnte Routine. Die unauffälligen Herren (wie Damen), bodygebuildet, mit Sonnenbrille, Kurzhaarschnitt und dem "Knopf im Ohr" waren auf dem Werksgelände allgegenwärtig, als Dr. Horst und Eva Luise Köhler auf dem Werksgelände mit dem Hubschrauber einflogen. Die Werkhallen glänzten, die Mitarbeiter zeigten sich ebenso bestens gelaunt wie Geschäftsführer Frank Jehring und die Body Guards entspannten sich dann auch im Laufe des Vormittags zusehens. Nur als Köhler hoch über der Produktionshalle - unten ratterten die Fließbänder - nah ans Geländer der Galerie rückte, wurde sein Sicherheitspersonal doch etwas nervös. Am Ende geriet der stramme Fußmarsch auch für den Bundespräsidenten zum unfreiwilligen Saunagang: Er war - wie alle anderen - in Erfüllung der strengen Hygienevorschriften in einen Schutzmantel geschlüpft und das über Hemd und Jacke. Westtarife und Kindergartenzuschuss, sichere Arbeits- wie Ausbildungsplätze, ökologischer Obstanbau auf 650 Hektar, 440 Bienenvölker, die die Obstbäume bestäuben und nebenbei 17 Tonnen Naturhonig im Jahr erzeugen, dazu ein Engagement beim Unesco-Projekt Schaalsee-Biosphärenreservat - eine solche Bilanz kann auch ein Staatsoberhaupt beeindrucken. Zeitweise war dann auch an den Mienen der Firmenchefs abzulesen, dass es ein gutes Gefühl sein muss, wenn man weiß, man hat alles richtig gemacht und bekommt das vom höchsten Würdenträger des Staates auch noch vor laufender Fernsehkamera bestätigt. Dass soziales Engagement nicht hinderlich für den Erfolg sein muss, zeigt die Rankingliste der Branche: Unter den Top-30 der Getränkehersteller in Deutschland liegt die Hartinger-Gruppe auf Rang sieben. Während des Rundgangs verrieten Hartinger Junior wie Senior häppchenweise Rezepte ihres Erfolges: Ein Gespräch von "Mensch zu Mensch" auch in Zeiten der Kostenoptimierung, dazu Verlässlichkeit und absolute Qualität der Produkte. Diese lassen sich problemlos zu einem Turm aufstapeln - ohne dass man eine Marke doppelt hinstellen müsste. Die große Angebotspalette erläuterte Hartinger so: "Der Markt bestimmt, was wir machen". Und das ist neben Apfelschorle ("geht immer") aktuell Pina Colada, Grundstoff für jede sommerliche Cocktailparty. Die spezielle Kokusmilchmischung in einer kleinen Flasche hat Null Promille. Alkohol kann sich jederselbst nach Wunsch zumixen. Speziell für den hohen Gast hatte Dodow-Küchenchef Michael Pflaum am Dienstag eine Schaalsee-Marene fangen lassen. Das Fischgericht muss Köhler gemundet haben, denn er verabschiedete sich per Handschlag von der Küchenmannschaft: "Zu ihnen würde ich jederzeit wiederkommen". Überhaupt mussten Dr. Köhler und seine Frau Eva Luise an diesem Vormittag viele Hände schütteln: Die der Kinder aus dem Kindergarten, die der Mitarbeiterinnen im Labor, denen der Bundespräsident spitzbübisch noch verriet "ihr Chef sagt, ihr leistet gute Arbeit", und die der Mitarbeiter, die sich mittags mit ihm an den Tisch setzen durften. Direkt neben den Bundespräsidenten die Auszubildende Marita Witt, sichtlich im Lampenfieber, bis Köhler scherzte: "Keine Angst, mit mir kann man sich ganz normal unterhalten".

Die Auszubildende Marita Witt war Tischgast neben dem Bundespräs
  • Die Auszubildende Marita Witt war Tischgast neben dem Bundespräsidenten und stand ebenfalls im Focus der Fotografen.
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