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Tod, Sterben und Lebenserwartung der Holstein-Schaumburger Grafen

„Den Raben zur Speise vorgeleggt“

Der November gilt seit alters her als Inbegriff des „Dunklen“. Nicht umsonst stehen mit Volkstrauertag, Buß- und Bettag sowie Totensonntag drei Tage der Einkehr und des Innehaltens im Kalender. Das war nicht immer so. Bis vor 200 Jahren wurde um Tod und Sterben kein großes Aufhebens gemacht. Öffentliche Trauerbekundungen gab es allenfalls beim Ableben adliger Obrigkeiten. Die kleinen Leute mussten den (zumeist frühen) Verlust des Vaters, der Mutter oder der Kinder schnell „verschmerzen“. Die Sorge ums tägliche Brot ließ für Gefühle wenig Zeit.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Folge: Über das Sterben und die Lebenserwartung der einst hierzulande lebenden Leute ist wenig bekannt. Sicher ist nur, dass die meisten nicht einmal halb so alt wurden wie wir heute. Hauptursache sollen Kindbettfieber, Auszehrung (Hunger), Pest und Kriege gewesen sein. Schriftliche Hinweise zum Wann und Wie liegen erst aus den letzten zwei- bis vierhundert Jahren vor. Nach dem Dreißigjährigen Krieg begannen sich immer mehr Obrigkeiten fürs Geborenwerden, Sterben und „Copulieren“ (Heiraten) ihrer Untertanen zu interessieren. Zwecks Registrierung dieser Vorgänge wurde das Führen von Kirchenbüchern angeordnet. Auslöser war weniger die Sorge ums Wohlergehen, sondern der Wunsch nach besseren Zugriffsmöglichkeiten bei Steuererhebung und Kriegsfolge.

Etwas mehr als über das Schicksal der kleinen Leute ist über Leben und Schicksal der Landesherren bekannt. Das waren hierzulande bekanntlich die vor 900 Jahren aus dem Dunkel der Geschichte aufgetauchten Schaumburger Grafen. Trotz dünner Quellenlage haben die Historiker einen nahezu lückenlosen Stammbaum erstellt. Es beginnt mit dem 1310 erstmals erwähnten und als „Gründungsvater“ geltenden Adolf I. und listet – über 15 Generationen hinweg – alle Männer und Frauen des Geschlechts bis zu dessen Aussterben Mitte des 17. Jahrhunderts auf. Eine der farbigsten Chroniken hat vor rund 400 Jahren der zu seiner Zeit hoch geschätzte Geschichtsforscher Cyriacus Spangenberg (1528-1604) zu Papier gebracht. Als aktuelles wissenschaftliches Standardwerk gilt die „Schaumburgische Genealogie“ des bekannten Bückeburger Historikers Dr. Helge Bei der Wieden (s. Quellenhinweis).

Nach dem Studium der Werke wird klar, dass – zumindest hierzulande – nicht nur den Untertanen ein kurzes Leben beschieden war. Auch dem Gros der Mächtigen war kein langes irdisches Dasein vergönnt. Das gilt auch und vor allem für die Herren von der Schaumburg. Grund: Ihr kaiserlicher Auftragsjob (Befreiung und Befriedigung des heutigen Schleswig-Holstein) erwies sich als äußerst gefährlich. So konnten gerade mal acht der ca. 130 auf den Stammtafeln verzeichneten Männer und Frauen ihren 50. Geburtstag feiern. Nur ein Einziger wurde über 80 Jahre alt. Der 280 Jahre andauernde Einsatz zwischen Nord- und Ostsee war von Anfang an von Tod und Gewalt begleitet.

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  • Zu den beliebtesten Bestattungsorten der Grafendynastie nach dem Ende ihres Einsatzes an der nördlichen Reichsgrenze gehörte das Stift Obernkirchen – hier ein Blick in den Chorgang mit einigen der dort aufbewahrten Grabplatten. Foto/Repros: gp
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  • Die ersten drei namentlich bekannten schaumburg-holsteinischen Grafen (Adolf I., Hartung und Adolf II.) wurden in Minden, damals als Bischofssitz geistliches Zentrum der hiesigen Region, beigesetzt.
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  • Bild der Stammburg der Schaumburger im hiesigen Wesertal - eine romantisch-realistische Darstellung des Engländers A. H. Payne aus dem Jahre 1841.

Während „Clan-Gründer“ Adolf I. das Abenteuer – wenn auch nur mit viel Glück – noch lebend überstand, kehrten seine beiden Söhne Hartung und Adolf II. tot in die Heimat zurück. Sie wurden im Mindener Dom beigesetzt. Der Ältere (Hartung) war im Winter 1125/26 – von tagelangen Märschen müde und erschöpft – in der Nähe von Kulm (heute Chlumec) beim Versuch, die widerspenstigen „Bohemen“ (Böhmen) zu zähmen, „zusammen mit seine 500 streitbare Ritter“ erschlagen worden. Sein Bruder und Nachfolger Adolf kam knapp 40 Jahre später (1164) beim Feldzug gegen die Slawen in der Nähe der pommerschen Stadt Demmin ums Leben. Die Kämpfer des dortigen Abodriten-Stammes hatten sich „als flüchtig gestellt, kehrten doch wieder umb, brachten also den Graffen zwischen sich und erschlugen ihn mit alle seinem Volcke“.

Besonders verlustreich ging es zu, wenn die Schauenburger es mit den Dänen oder den äußerst selbstbewussten Bauern aus Dithmarschen zu tun bekamen. Gerhard III., der das Herzog-Amt von Schleswig innehatte und „De groote Gert“ („Gerhard der Große“) genannt wurde, fiel bei einer seiner zahlreichen „Befriedungsaktionen“ am 1. April 1340 im Norden Jütlands einem Mordanschlag zum Opfer. Ein dänischer Ritter, der auf diese Weise das Signal zur Befreiung seines Landes setzen wollte, hatte ihn erdolcht. Gerhards Sohn und Nachfolger Heinrich II., der später auch als Söldnerführer europaweit gefürchtet war und nicht umsonst „der Eiserne“ genannt wurde, reagierte schnell. Der Däne wurde „gefangen, darnach geviertheilt und auff vier Rade den Raben zur Speise vorgeleggt“.

Das „grewliche“ Vorgehen trug naturgemäß nicht zur Entspannung der Lage bei. Jedenfalls war im Gegenzug wieder ein Schaumburger an der Reihe. Am 5. August 1404 wurde – ebenfalls auf äußerst grausame und kaltblütige Art und Weise – Heinrichs Sohn Gerhard V. erschlagen. Der 37-Jährige war raubend und brennend in Dithmarschen eingedrungen. Die Einwohner griffen zu Forken und Spießen und legten sich am Ufer der Hamme, hinter „Holtzpuschhecken“ versteckt, auf die Lauer.

Dann stürzten sie von beiden Seiten über die verhassten Eindringlinge her und schlugen Gerhard „den Kopf entzwey daß er alsbaldt todt (liegen) blieb“.

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