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Nach der Premiere des Theaterstücks: Berichte über die Flucht aus Syrien

Den Albtraum von der Seele spielen

Rinteln. Drei Tage nach der Premiere des Theaterstücks „Albtraum“ (wir berichteten) hat sich die Aufgeregtheit der Theatergruppe aus der Notunterkunft Prince Rupert School gelegt. Das ist an diesem Mittwoch vor allem den jüngeren Akteuren anzumerken: den Zwillingen Mosaab und Tarek Khilil (17) sowie Wilat Has (19).

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Sie sitzen in einem der Büros der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, still und schüchtern, wie Jugendliche in ungewohnter Umgebung eben häufig sind. Wer das Stück gesehen hat, dem wird nun klar, wie sehr diese Jungs in ihren Rollen aufgegangen sind, die sie so (ausdrucks-)stark und selbstbewusst gespielt haben. Jetzt wirken sie müde, erschöpft, als hätten sie sich mit dem Stück „Albtraum“ den Albtraum, den sie ja wirklich durchlebt haben und über den sie nun sprechen wollen, mit aller Kraft von der Seele gespielt.

„Das Stück hat mir Hoffnung gegeben, so wie ich es in der Rolle ja auch gesagt habe: ,Gebt uns Hoffnung!‘“, sagt Wilat Has. Ein Dolmetscher übersetzt aus dem Arabischen ins Deutsche. Der 19 Jahre alte Kurde aus der vom sogenannten Islamischen Staat (IS) zerbombten syrischen Stadt Kobanê an der türkischen Grenze hat eine rund zweijährige Odyssee hinter sich. Vor dem Bürgerkrieg floh er mit seinen Eltern und vier Geschwistern zunächst zu Verwandten in Damaskus. Als das Haus ihrer Angehörigen dort zerbombt wurde, gingen sie in den Irak. Dort war er wie zuvor in Syrien für Hilfsorganisationen der UN und Unicef tätig. „Doch als immer mehr Menschen, denen ich half, nach Europa gingen, wollte ich auch weg“, sagt er. Mit seinem 15 Jahre alten Bruder („Meine Eltern trauten sich nicht.“) machte er sich auf den Weg.

Vorher besuchte er noch einmal seine inzwischen vom IS befreite Heimatstadt Kobanê. Er zückt sein Smartphone und zeigt Fotos, die ihn vor völlig zerstörten Häusern abbilden. „Das war mein Zuhause“, sagt er und wischt weiter. „Und das war meine Schule.“ Das war im Oktober.

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  • Wilat Has
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  • Mosaab Khilil
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  • Tarek Khilil

Mit einem Schlauchboot seien sie dann von der Türkei nach Griechenland, von dort zu Fuß durchs ehemalige Jugoslawien bis nach Deutschland. „Es hat die ganze Zeit geregnet, das war schrecklich“, erzählt er.

In Deutschland hofft er, weiter studieren zu können. Er will Journalist werden. Gerne würde er auch weiter im Theater arbeiten. In dem Stück „Albtraum“ arbeitete er an der Seite von Regisseur Roshdi Al-Fatlove, spielte selbst eine Nebenrolle und zeichnete für die Organisation verantwortlich.

Die UN und Unicef hätten ihm seine Mitarbeit bescheinigt, sodass er hofft, hier schnell Fuß fassen zu können. Er ist ehrgeizig. „Wenn ich bis Juli hier nicht studiere oder Arbeit habe, gehe ich nach Großbritannien“, sagt er.

Die Zwillinge Mosaab und Tarek Khilil sitzen nebeneinander am Tisch. Wenn sie die Fragen unserer Zeitung beantworten, dann ist es, als würden sie sich satzweise abwechseln. Sie sind froh, dass die beiden Aufführungen am Sonntag und am Montag erfolgreich waren. „Es hat sich gelohnt“, sagen sie. Einige Zuschauer hätten sie später auf das abstrakte Stück angesprochen, einige hätten nicht alles verstanden, andere seien begeistert gewesen. So auch ihre beiden älteren Brüder (19 & 21), mit denen sie aus Syrien flohen.

Ihre Heimatstadt ist Aleppo, erzählen sie, im Norden Syriens. Sie hatten es schon vor dem Bürgerkrieg nicht leicht. Ihr Vater war gestorben. Irgendwann wurde ihr Haus bombardiert. Sie zogen um in einen kleinen Ort. Um genug zu essen zu haben, gingen sie nach der Schule arbeiten. „Das war schwierig“, sagen sie. Schließlich sollten ihre älteren Brüder von der syrischen Armee eingezogen werden. Aber das wollten sie nicht. Sich zu verweigern, hätte jedoch Gefängnis bedeutet. Ende Oktober entschieden sie sich dazu, ihr Land zu verlassen, und Mosaab und Tarek und einer ihrer Cousins schlossen sich an. Ihre Mutter ging nach Dubai, wo ein weiterer Sohn Arbeit bekommen hatte.

Sie waren zu zehnt, als sie an der türkischen Grenze ankamen. Jeweils zu fünft versuchten sie, durch den Zaun zu kriechen. Einer wurde angeschossen, einer ihrer Brüder wurde von der türkischen Grenzpolizei aufgegriffen und auf der Wache verprügelt. Irgendwann sei es ihnen gelungen, die Polizei auszutricksen. Was folgte, war die mitunter lebensgefährliche Reise, erst über das Ägäische Meer, dann über den Balkan, nach Deutschland. Anfang November kamen sie in Rinteln an. Es gefällt ihnen, sagen sie. Dabei haben sie bislang im Grunde noch nicht mehr gesehen, als den Blick von der Prince Rupert School auf die Stadt. Sie haben kein Geld für den Bus, außerdem kennen sie sich ja auch nicht aus, sagen sie.

In Deutschland wollen sie studieren. Gerne Theater- oder Kunstwissenschaften. „So können wir die Schwierigkeiten, die wir im Leben haben, künstlerisch ausdrücken und mit anderen teilen“, sagen sie.pk

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