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„Die Knollen sind anmutig zu essen“: Vor 275 Jahren kam die Kartoffel ins Schaumburger Land

Das Leben mit Hansa und Sieglinde

Herbstzeit ist Erntezeit. Für die heimischen Gartenbesitzer und Dorfbauern bedeutete das bis vor 50 Jahren vor allem (Kartoffel-) Ausgraben, Aufsuchen und Einkellern. Viele Ältere unter uns können sich noch gut an das Leben mit Hansa, Grata, Ackersegen und Sieglinde und die tägliche Jagd nach Kartoffelkäferraupen erinnern.

Reichsweite Signalwirkung löste die Massenpflanzaktion des Jahre

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wann, wo und wie es hierzulande mit den „Erdäpfeln“ losging, ist noch weitgehend unerforscht. Nach einem 1938 in der Schaumburger Zeitung abgedruckten heimatkundlichen Beitrag sollen die ersten „Solana tuberosa“ auf einem Gartengrundstück unterhalb der Schaumburg gepflanzt worden sein. 1738 habe „ein mächtiger Planwagen die ersten Kartoffeln in unser Land gebracht“, ist in dem Aufsatz des Heimatkundlers Walter Bartz zu lesen. Die Knollen seien von dem damals in Kassel residierenden hessischen Landesherrn Wilhelm VIII. (1682-1760) ins hiesige Wesertal geschickt worden. Offenbar wollte der Graf dem vielversprechenden Gewächs auch in seiner fernen Exklave Grafschaft Schaumburg zum Durchbruch verhelfen.

In den hessischen Stammlanden hatte das damals als „Tartuffel“ (ital. Trüffel) bekannte Kraut längst Fuß gefasst. Bereits 150 Jahre vor Wilhelm VIII. hatte dessen Vorgänger und Namensvetter Wilhelm IV. den Nährwert der unterirdischen Teile erkannt. „Es wächst in der Erde und hat schöne Blumen, guten Geruch, und unten an den Wurtzeln hat es viele tubera (Knollen) hängen; dieselben, wenn sie gekocht werden, sind anmutig zu essen“, versuchte er das Mitte des 16. Jahrhunderts aus den südamerikanischen Anden nach Europa gelangte Nachtschattengewächs im Jahre 1591 seinem sächsischen „Kollegen“ Kurfürst Christian schmackhaft zu machen. Auch eine Zubereitungsempfehlung war beigefügt. „Man muß sie erstlich in Wasser aufsieden lassen, so gehet die oberste Schale ab, darauf tut man die Brühe daran und siedet sie in Butter völlig gar.“ Er selbst (Wilhelm VI.) habe die neue Wunderpflanze in Italien entdeckt. Sie werde dort „Taratouphli“ (Trüffel) genannt.

Mit seinem positiven Urteil über das neuartige Gewächs stand der von 1567 bis 1592 amtierende hessische Landesherr seinerzeit noch ziemlich allein. An den meisten anderen deutschen und europäischen Adelshöfen ergötzte man sich nur an Duft und Blütenpracht der fremdartigen Pflanze. Sie wurde deshalb in vielen Parks als Ziergewächs gehalten. Die unterirdischen Teile fanden keine oder wenig Beachtung.

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Dass die Knollen später sogar zum unentbehrlichen Lebensmittel wurden, war den vielen und lang anhaltenden Kriegs- und Hungerzeiten des 18. Jahrhunderts „zu verdanken“. Die fürstlichen Landesherren versuchten, der Not mit Kartoffel-Anbau-Befehlen beizukommen. Die Betroffenen blieben trotz des Drucks von oben lange Zeit misstrauisch und skeptisch. Die merkwürdigen Erdäpfel sahen ganz anders aus als all die anderen Nahrungsfrüchte, die man bis dato gegessen hatte. Nicht wenige verzehrten sie ungereift und roh. Die Folge waren Durchfall und Leibschmerzen. So kam es, dass die Kartoffel mancherorts als „Krankmacher“ in Verruf geriet. Zeitgenössische Wissenschaftler machten die „tolle Knolle“ auch für Kinderreichtum und Bevölkerungswachstum verantwortlich: Angeblich steigerte der Konsum die sexuelle Erregung. Selbst die Ärzteschaft lehnte den Konsum lange Zeit ab. „Sie sind wegen des überwiegenden Gehalts an Stärke wenig nahrhaft, und es wäre gewiss für die intensive Kraft der Menschen und Tiere sehr nachteilig, wenn sie Brot und Korn immer mehr verdrängten“, ließ sich noch 1796 der damals hoch angesehene Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland vernehmen.

Eine reichsweite Signalwirkung löste der zwangsweise verordnete Massenanbau in Preußen aus. König Friedrich II. („Friedrich der Große“) ließ 1756 umsonst und überall in seinem Territorium gewaltige Knollenmengen verteilen. „Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die Kartoffel angebaut werden“, heißt es in dem berühmt-berüchtigten „Kartoffel-Erlass“. Wer nicht mitmachte, musste mit harter Bestrafung rechnen.

Kein Wunder, dass man sich schon bald auch im benachbarten Schaumburg-Lippe zu einer gezielten Anbauförderung entschloss. Mitte der 1760er Jahre startete der damals regierende Graf Wilhelm eine Art Modellprojekt. Der bis dato vor allem als Kunstmäzen und Kriegsstratege bekannt gewordene Landesherr ließ an mehreren Stellen seines kleinen Territoriums Wald und Bruchland roden und „Kolonien“ anlegen. Zu jedem Haus gehörten zwei Morgen Land. Laut Start-Vorgabe mussten „hauptsächlich ,Erdtuffel‘ (Kartoffeln) gezogen werden“. Die dabei gewonnenen Erfahrungen hatten die Küster und Schulmeister des Landes an die Untertanen in den anderen Dörfern weiterzugeben.

Dank der zunehmend guten Erfahrungen rückte die Kartoffel auf der Speisenbeliebt-heitsskala immer weiter nach oben. Um 1800 ebbten die lange Zeit äußerst heftigen und im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neu aufflackernden Widerstände endgültig ab. Zu denen, die schon sehr früh ins Lager der Kartoffelliebhaber übergewechselt waren, gehörten die Einwohner von Rinteln. Der Grund soll ein legendäres „Bratkartoffel-Schlüsselerlebnis“ gewesen sein.

Der Überlieferung nach war ein Teil der 1738 im Zuge der hessischen „Kartoffelinitiative“ in die hiesige Region gekarrten Knollen – mit strikten Pflanzauflagen versehen – auch an die bis dato besonders renitenten Ackerbürger der Stadt verteilt worden. Aus Wut rissen die beim vorgegebenen Erntetermin die Pflanzen samt Blattwerk und Knollen aus der Erde, warfen alles auf einen Haufen und zündeten das Ganze an. Es entstand ein solcher Qualm, dass der Turmwächter auf der Stadtmauer Feueralarm blies. Viele rannten hinaus aufs Feld. Das Interessanteste, das sie entdecken konnten, war eine große Menge verkohlter, zwischen der verglühenden Asche liegender Knollen. Bei näherer Untersuchung kam unter der Schale ein weißliches, gut duftendes und noch besser schmeckendes „Fleisch“ zum Vorschein. Die Folge: Im nächsten Jahr konnten die örtlichen Garten- und Feldbesitzer nicht genug von der merkwürdigen Pflanze bekommen.

Bis heute ist die herbstliche Erntezeit im Bewusstsein der älteren Gartenbesitzer und Dorfbauern auch und vor allem mit (Kartoffel-) Ausgraben, Aufsuchen und Einkellern verbunden. Hier Fotos aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

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