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Familie, Beruf, Beziehungen: Was ist heute überhaupt noch von Dauer?

Das Karussell des Lebens dreht sich immer schneller

Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihr. Das Lebenskarussell dreht sich immer schneller – da kann einem schon mal schwindelig werden. Die Gesellschaft wird mobiler; langfristige Pläne gibt es selten. Jeder Einzelne gerät immer mehr in Bewegung dadurch, dass er nicht einen Arbeitsplatz von der Lehre bis zur Rente ausübt, mancher muss gar mehrere Berufe ausüben. Auch privat unterliegen wir einem anderen Takt: Aus Lebenspartnern sind Lebensabschnittsgefährten geworden.

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Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Noch vor wenigen Jahrzehnten gestalteten sich die Lebensumstände der Menschen völlig anders als heute. Es war 1947, als Heinrich Kater, der 1926 in Fuhlen geboren wurde, bei einem Dorffest in seinem Heimatort Magdalena Lukasch kennenlernte. 1948 wurde Verlobung gefeiert. Am 11. November 1950 gaben sich die beiden in der Johannes-der-Täufer-Kirche zu Fuhlen das Jawort. Magda Kater, 1928 im oberschlesischen Dreimühlen (Zauchwitz) geboren, war 1946 mit ihrer Familie nach Fuhlen gekommen. Das Paar hat zwei Kinder, vier Enkel und zwei Urenkel. 2010 wurde diamantene Hochzeit gefeiert – nach 60 Jahren ebenfalls in Fuhlen.

In seinem Geburtsort auch später noch zu leben, seinen Partner dort zu finden und sogar dort zu heiraten – heute eher selten. Ganz abgesehen davon, dass grundsätzlich immer weniger Menschen „Ja“ zum Bund fürs Leben sagen. Laut Statistik der Stadt Hameln nahm die Zahl der Eheschließungen von 377 im Jahr 2000 auf 241 im Jahr 2008 ab; nach Angaben des Standesamtes gab es 1976 sogar noch über 400 Trauungen. „Bis dass der Tod uns scheidet“ hat ebenfalls immer weniger Bestand: Die Zahl der Scheidungen hat bekanntermaßen im gleichen Zuge zugenommen. Nach Angaben des Landesbetriebes für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) ist die Anzahl der gerichtlich gelösten Ehen in den letzten zehn Jahren um fast ein Drittel gestiegen. „Die Bereitschaft, sich in Beziehungen auseinanderzusetzen, ist nicht mehr gegeben“, hat Ekkehard Woiwode beobachtet. Der Eheberater bei der Beratungsstelle des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Hameln-Pyrmont berichtet, dass die Zahl der Hilfesuchenden, die zu ihm ins Haus der Diakonie kommen, in den vergangenen fünf bis acht Jahren stark gestiegen ist. Woiwode spricht auch bei der Partnerwahl von einem beschleunigten Takt: „Nach einer Trennung muss ganz schnell ein neuer Partner her, nach dem Motto: neues Leben, neues Glück.“ Dabei wäre es aus Sicht des Eheberaters sinnvoller, innezuhalten. „So machen die meisten immer wieder die gleichen Fehler.“ Auch für Beziehungen müsse man sich Zeit nehmen.

Dr. Ludwig Heuwinkel, Soziologe und Volkswirtschaftler, sieht die Ursache der „beschleunigten Gesellschaft“ im Wirtschaftswachstum. Früher habe sich der Wandel von einer Generation zur nächsten vollzogen, heute finde der Wandel innerhalb einer Generation statt.

Kater, der Fuhlener, arbeitete zunächst als Fährmann auf der Fähre von Fuhlen nach Hessisch Oldendorf. Anschließend übte er den Beruf eines Zimmermanns aus. 1974 folgte eine Küstertätigkeit in der evangelischen Kirche von Hessisch Oldendorf, wo er bis 1991 in Vollzeit beschäftigt war. Auch seine Frau war in der Landwirtschaft und im Haushalt tätig und arbeitete dann 21 Jahre als Pfarramtssekretärin – in der evangelischen Kirchengemeinde Fuhlen. Magdalena Kater hat fünf Geschwister, die bis auf eine Schwester alle in Hessisch Oldendorf wohnen. Kater und seine Frau stehen für Lebensumstände, wie sie heute immer seltener und in Zukunft kaum mehr zu finden sein werden. „Das Paar hat sich nicht viele Gedanken machen müssen, der Lebenslauf war vorgezeichnet. Das bietet Sicherheit und Stabilität“, sagt Heuwinkel.

Kater pendelte zu seiner Arbeitsstelle – allerdings mit seinem Fahrrad. Heute ist es fast selbstverständlich, nicht an einem Ort zu leben und zu arbeiten. Die Anzahl derjenigen, die über die Landkreisgrenzen hinaus zu einer Arbeitsstelle pendeln, hat sich nach Angaben von Ursula Rose, Leiterin der Arbeitsagentur Hameln, in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist der Anteil der sogenannten Auspendler von 23,9 Prozent im Jahr 1999 auf 29,3 Prozent im Jahr 2010 gestiegen; im Landkreis Schaumburg sind es statt 39,5 Prozent zehn Jahre später sogar 46,5 Prozent. Rose: „Dabei ist es natürlich auch von Bedeutung, wo man genau im Weserbergland wohnt. Im Tagespendelbereich zu Hannover ist die Arbeitsstelle eher im täglichen Pendeln zu erreichen. Regionale Mobilität erhöht natürlich die Chancen auf eine Arbeitsstelle.“

„Zeitlich kürzere und mehr Arbeitsverhältnisse im Laufe eines Berufslebens“ bestimmen laut Rose unser Leben heute: „Auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten ein grundlegender Wandel vollzogen. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, die wir heute haben, ist von anderer Qualität als früher. Von der Lehre bis zur Rente 40 Jahre lang bei einem Unternehmen beschäftigt zu sein, das erreichen nicht mehr so viele Menschen.“ Der ökonomische Sinn von zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnissen liegt laut Rose „ganz klar darin, dass sie den Flexibilitätsspielraum für Arbeitgeber erhöhen. Ein junger Mensch gewinnt durch einen Stellenwechsel viel an Berufs- und Lebenserfahrung“. Allerdings ist es für Arbeitnehmer auf Dauer nachteilig für die Lebensplanung, wenn sie häufig die Stelle wechseln müssen oder nur befristete Arbeitsverträge bekommen: „Um eine Familie aufbauen und versorgen zu können, ist es wichtig, dass Menschen die längerfristige Perspektive auf eine Festanstellung haben“, so die Leiterin der Arbeitsagentur. Auch in Hinblick auf die regionale Mobilität habe sich vieles verändert: „Ein Wechsel des Arbeitsplatzes bedeutet nicht selten auch einen Umzug. Von Akademikern, nicht nur in Führungspositionen, wird bundesweite Mobilität erwartet.“ Auch Heuwinkel sagt: „Die hohe Mobilität im Beruf erschwert die mittelfristige Planung im individuellen Bereich.“ Der Soziologe spricht von einer „Entbettung“, und meint damit, die Menschen würden so keine dauerhaften Wurzeln mehr schlagen. Was für 18- bis 20-Jährige als Verlockung erscheint und für Ältere eher als Bedrohung wahrgenommen werde, nämlich heute hier und morgen dort zu sein, sich nicht festlegen zu müssen, keine Pläne zu machen, werde spätestens dann zum Problem, wenn der Wunsch nach einer Familie in den Vordergrund trete.

Andererseits scheine nach wie vor die Familie die Stütze zu sein, die in einer Gesellschaft, die durch die hohe Mobilität keine dauerhaften Beziehungen zu Arbeitskollegen oder Freunden im Verein zulässt, benötigt wird. So würden mittlerweile 80 Prozent aller Großeltern nicht weiter als 30 Kilometer entfernt von ihren Enkeln wohnen – vor allem, um den eigenen Kindern die Berufstätigkeit zu ermöglichen. „Das ist der Gegenbeleg dafür, dass die Familie zerfällt – zumindest über drei Generationen betrachtet.“ Bei all dem dürfe nicht vergessen werden, dass der Fortschritt eine Bereicherung sei. „Ich bin gegen eine Romantisierung der Vergangenheit. Auch das Leben in der Familie war nicht immer konfliktfrei“, so Heuwinkel.

Ob Partnerwahl oder Arbeitswelt: Durch den häufigen Wechsel dreht sich das Karussell des Lebens heute schneller als früher. Foto: Dana

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