weather-image
17°

„Das ging alles ganz schnell“ – oder?

Wer schon einmal auf einen Unfall zugekommen ist und einen Rettungswagen angefordert hat, erinnert sich sehr genau an das eigene Zeiterleben: Obwohl die Hilfe bereits nach fünf Minuten den Ort der Not erreicht hat, ist dem Anrufer die kurze Zeit des Wartens so vorgekommen, als hätte sie eine halbe Ewigkeit gedauert. Und es gibt ein weiteres Zeitphänomen, das jedem von uns vertraut ist: das subjektive Zeitparadoxon.

270_008_4476902_hin106_0703.jpg

Autor:

Ulrich Behmann

Wer schon einmal auf einen Unfall zugekommen ist und einen Rettungswagen angefordert hat, erinnert sich sehr genau an das eigene Zeiterleben: Obwohl die Hilfe bereits nach fünf Minuten den Ort der Not erreicht hat, ist dem Anrufer die kurze Zeit des Wartens so vorgekommen, als hätte sie eine halbe Ewigkeit gedauert. Und es gibt ein weiteres Zeitphänomen, das jedem von uns vertraut ist: das subjektive Zeitparadoxon. Es beschreibt das gegensätzliche Verhältnis von aktuellem Zeiterleben und Zeiterinnerung. Ein Beispiel: Der wenig unterhaltsame Spielfilm, bei dem der Zuschauer zunächst das Gefühl hat, als dauere er sehr lange, erscheint im Rückblick eher als kurz. Und umgekehrt wird der interessante und anregende Film, bei dem die Zeit als schnell vergehend erlebt wird, im Nachhinein als eher lang oder nachhaltig empfunden. Aber wie ist es in Extremsituationen? Drei Männer berichten von ihrem persönlichen Zeitempfinden:

Es ist zwar schon sechseinhalb Jahre her, aber die Erinnerung an seinen Unfall ist nicht verblasst. 81 Minuten lang saß Lkw-Fahrer Marcel Gillert (34) am 17. August 2004 eingeklemmt im zertrümmerten Führerhaus eines 7,5-Tonners. Er war bei Bewusstsein, bekam mit, wie Feuerwehrleute Rüsthölzer, Stahlketten, Seilwinden, hydraulische Stempel, Spreizer und eine Rettungsschere einsetzten, um ihn zu befreien. Gillert hat das Gefühl, als könne er sich noch heute an jede einzelne Sekunde erinnern. Die 81 Minuten, sagt er, seien ihm damals wie heute allerdings viel kürzer vorgekommen. Wohl dem Schockzustand und den Medikamenten ist es geschuldet, dass das Zeitparadoxon während dieser Extremlage außer Kraft gesetzt ist. Marcel Gillert beobachtete, wie ihn Feuerwehrleute aus dem Blech schnitten; er spürte, wie DRK-Rettungsassistenten seinen Blutdruck kontrollierten, wie ihm der Notarzt eine Infusionsnadel in seine Handvene schob, durch die ein sehr starkes Schmerzmittel in seinen Körper floss. „Hoffentlich bin ich hier bald raus“, dachte er. Manchmal siegte der Schmerz über die betäubende Wirkung des Medikaments. Dann tat es fürchterlich weh. Dann schrie er auf und stöhnte. Warum er mit seinem Lastwagen zwischen Hasperde und Hilligsfeld nach rechts von der B 217 abkam, weiß Gillert nicht. „Auf einmal habe ich diesen Baum gesehen und nur noch die Augen zugemacht. Ich dachte: Entweder du überlebst – oder du stirbst“, erinnert er sich heute. Dann habe es „kräftig gerumst“. „Als ich wieder zu mir kam, stand da ein Baum rechts neben mir auf dem Beifahrersitz. Irgendwelche Leute redeten auf mich ein. „Bleib ruhig. Der Notarzt kommt gleich …“ und „Ich habe schon den Rettungsdienst verständigt …“ – das sind Sätze, die sich eingebrannt haben in das Gedächtnis. „Die Zeit stand nicht still“, sagt der Brummi-Fahrer. „Sie verging wie im Fluge. Als die Ärzte und Feuerwehrleute da waren, ging sogar alles sehr schnell“, sagt der 34-Jährige. Er staunt, als er hört, dass er eine Stunde und 21 Minuten in den Trümmern gesessen hat. „Ich habe immer noch das Gefühl, dass das damals alles extrem schnell gegangen ist. Ich war ja auch beschäftigt, habe genau mitbekommen, was die Retter gemacht haben und sogar mit ihnen gesprochen – so weit das ging jedenfalls. Nicht so doll, mein Bein, habe ich ein paar Mal gesagt.“

81 Minuten – Marcel Gillert denkt kurz nach, schüttelt den Kopf: „Das ist mir echt viel kürzer vorgekommen. Es stand ja damals in der Zeitung, aber ich wusste gar nicht mehr, dass es so lange gedauert hat, mich zu befreien.“

Fünf Jahre hat Marcel Gillert vermieden, die Stelle, an der er verunglückt ist, zu passieren. „Das ist vielleicht unbewusst passiert“, meint er. „Geplant hatte ich das jedenfalls nicht.“ Erst im Jahr 2010 benutzt Gillert auf dem Weg zum Doktorsee bei Rinteln die B 217. „Als ich an dem Ort vorbeifuhr, war die Erinnerung plötzlich wieder da. Der komplette Unfall, alles war wieder da. Ich habe sogar die Stimmen der Retter und was sie zu mir gesagt haben, gehört. Mein Gehirn hat das alles abgespeichert, die Bilder und die Geräusche. Verrückt ist das, oder?“

Er ist 45 Jahre alt, wiegt 75 Kilo – und liebt den freien Fall. Der Internist Jörg Balzereit aus Bad Münder springt in seiner Freizeit gern aus Flugzeugen und stürzt dann sekundenlang der Erde entgegen. Bevor er an der Reißleine zieht und sich sein Fallschirm öffnet, erreicht er Geschwindigkeiten von 180 bis 300 km/h. Zwischen 40 und 60 Sekunden dauert so ein Freifall. Je nachdem, ob Balzereit mit dem Kopf voran oder auf dem Bauch liegend zu Boden rast. „Während des Falls vergeht die Zeit langsamer als sie in Wirklichkeit dauert“, sagt der Familienvater. Es sei immer ein einprägendes Erlebnis. „Man ist ständig in Aktion, hat immer was zu tun.“ 150 Fallschirmsprünge hat Balzereit schon gemacht. „Der erste Sprung dauerte am längsten – zumindest gefühlt war es so“, sagt er. „Ich stand voll unter Strom. Mein Körper schüttete jede Menge Adrenalin aus. Es war eine Überflutung mit Sinneseindrücken. Die Erde sieht aus 4000 Metern Höhe aus wie eine Landkarte. Während du fällst, wird dir bewusst, dass du auf die Erde zurast. Du fühlst dich leicht, spürst nur die Kraft des Windes, die auf deinen Körper einwirkt“, erinnert sich der 45-Jährige. „Mit der Zeit, so Balzereit, „stumpfen die Sinne ab. Wenn man zum x-ten Mal über demselben Platz abspringt, nimmt man die Landschaft unter sich nicht mehr so genau wahr, wie beim ersten Mal. Es ist da unten ja nichts Neues mehr, was du entdecken kannst.“ Die Intensität des Wahrnehmens habe Einfluss auf das Zeitgefühl, sagt der Arzt. „Du machst und siehst in so kurzer Zeit so viele Dinge. Sie brennen sich tief ein in das Gedächtnis. Davon kann man lange zehren.“

Den Tag, an dem er seine Angst besiegte, wird er niemals vergessen. Dabei liegt sein Sprung in die Tiefe schon mehr als drei Jahre zurück. Raphael Niepelt hing an einem Seil, stand in 60 Metern Höhe in einem Stahlkorb, der an einem Kran hin, – und ließ sich einfach fallen. Mit 60 km/h sauste der Hamelner mit dem Kopf voran einem kleinen Luftkissen entgegen, das auf einer Wiese in Eberswalde stand. Dem damaligen Physik-Studenten kam der freie Fall (es sollen etwa 15 Meter gewesen sein) relativ lang vor. In Wirklichkeit dürfte er aber nur zwei Sekunden gedauert haben, meint Bungee-Experte Thorsten Kaempf. „Es ist ein kurzer Spaß, den man lange erlebt“, sagt der Geschäftsführer eines Bungeejump-Unternehmens. Vor allem das Hochziehen der Gondel, in der Raphael Niepelt stand, hat nach Meinung des Hamelners mindestens drei Minuten gedauert. Der heutige Physiker und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Jena erinnert sich noch ganz genau an diesen Moment: „Da war ein Mitarbeiter, der hat mir geraten, immer auf den Horizont und nicht nach unten zu schauen. Mir gingen während des Hochziehens der Gondel ganz viele Dinge durch den Kopf. Vor allem eine Frage beschäftigte mich: Werde ich springen, oder werde ich in letzter Sekunde kneifen? Diese Zeit kam mir sehr lang vor.“ Es waren nicht geschätzte drei Minuten, sondern nach Angaben des Experten nur 30 bis maximal 60 Sekunden, die das Hochziehen gedauert hat.

Raphael Niepelt war aufgeregt, sein Herz schlug schnell. „In dem Moment, wo ich mich nach vorne beugte und wusste, ich falle gleich und kann mich nicht mehr festhalten, war ich völlig entspannt.“ Niepelt genoss den Fall. „Man sieht das Luftkissen auf sich zukommen und spürt den Winddruck – das ist intensiver als Achterbahnfahren.“ Als der damals 25-Jährige den tiefsten Punkt erreicht hatte, wurde er von dem Gummiseil, das mit seinen Fußgelenken verbunden war, wieder nach oben gerissen. Diese Phase nennt man Rebound. Vor allem der erste Rebound ist normalerweise so stark, dass der Springer noch einmal einen freien Fall erlebt. Raphael Niepelt kann sich nicht an diesen Rebound erinnern. „Komisch, das habe ich gar nicht wahrgenommen“, sagt der Doktorand. Nach dem Bungeesprung hatte er ein Glücksgefühl. „Ich war nur noch am Grinsen und total wach. Dabei war ich vor dem Sprung müde.“ Damals kam ihm die Zeit des Fallens recht lang vor, heute, da er schon viele Sprünge von anderen beobachtet hat, sagt ihm sein Verstand, „dass das ein sehr kurzer Vorgang ist“.

Mit welcher Geschwindigkeit er seinerzeit vom Himmel gefallen ist, wie lang der freie Fall war, darüber hat sich der Physiker Niepelt bislang keine Gedanken gemacht. Erst im Gespräch mit der Dewezet fällt ihm das auf: „Ist schon merkwürdig. Ich habe das ja studiert und könnte das ganz leicht ausrechen, aber ich habe das trotzdem nicht gemacht“, sagt er nachdenklich.

Raphael Niepelt glaubt, dass sich sein Gehirn mit dem subjektiven Zeitgefühl zufrieden gegeben hat, weil es die gefühlte Dauer des Falls niemals in Zweifel gezogen hat.

In der Erinnerung schrumpfen Zeiträume zusammen, oder sie dehnen sich aus. Ein Unfallopfer, ein Fallschirmspringer und ein Mann, der einen Bungee-Sprung in die Tiefe gewagt hat, erzählen vom Zeitempfinden in Extremsituationen.

Im Krankenhaus kann Marcel Gillert nach seinem schweren Verkehrsunfall schon wieder lachen. Oberarzt Ralf Hafemann behandelt ihn.

Foto: ube

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare