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Darmkrebs läßt sich schon früh erkennen

Krebs ist nach wie vor eine tückische Krankheit, und der Darmkrebs ist nach dem Lungenkrebs die zweithäufigste Todesursache bei Krebspatienten. Bei Frauen wird am häufigsten Brustkrebs diagnostiziert, direkt gefolgt vom Darmkrebs. Auch bei den Männern belegt der Darmkrebs den zweiten Platz bei der Häufigkeit; direkt hinter dem Prostatakrebs.

Etwas skeptisch schaut Ellen Holle auf das Untersuchungsgerät. Für Dr. Ralf Halle hingegen ist es ein Arbeitsgerät, das er mehrm

Autor:

Matthias Rohde

Dabei, das betont der Hamelner Facharzt für innere Medizin und Gastroenterologie, Dr. Ralf Halle, gebe es gerade beim Darmkrebs vortreffliche Früherkennungsmöglichkeiten. Blut im Stuhl beispielsweise werde leider häufig anderen Krankheiten, wie zum Beispiel Hämorrhoiden, zugeschrieben. „Gerade bei Patienten, die an einer solchen Vorerkrankung leiden, besteht die Gefahr, dass sich im Schatten der bekannten Krankheit Darmkrebs unbemerkt ausbilden kann.“

Dabei bestünde gerade beim Darmkrebs eine außerordentlich gute Chance, ihn frühzeitig zu erkennen, wie Halles Kollege Dr. Helge Hill erklärt: „Es dauert in der Regel 10 bis 15 Jahre, bis sich aus gesunder Darmschleimhaut ein Darmkrebs bildet. Je früher wir medizinisch in diesen Prozess eingreifen können, desto besser.“

In einem Behandlungsraum der Gemeinschaftspraxis treffen wir zwei Patienten. Bertram Gloß (Name von der Redaktion geändert) ist Mitte 70 und hat sich vor einigen Jahren entschlossen, sich einer Darmspiegelung zu unterziehen. Er erinnert sich: „Na ja, ich hatte ja keine Beschwerden, aber ein guter Freund überzeugte mich, da sich Krebs im Darm oftmals völlig unbemerkt entwickeln kann.“ Tatsächlich wurde bei der Koloskopie, so die Fachbezeichnung für eine Darmspiegelung, ein Polyp, also eine wulstige Veränderung der Darmschleimhaut festgestellt. Halle: „Im oberen Drittel des Polyps hat der Pathologe bei der mikroskopischen Untersuchung auch Krebszellen gefunden.“ Noch direkt während der Koloskopie wurde der Polyp im Darm des Rentners entfernt.

„In der Tat haben wir die Möglichkeit, mit unseren Instrumenten verändertes Gewebe im Darm abzutragen, allerdings hängt das auch ganz stark von der Beschaffenheit der Veränderung und dem fortgeschrittenen Stadium dieser Veränderung ab.“ Pilzartige Polypen ließen sich, wenn sie nicht zu groß sind, ohne weiteres entfernen, während die eher flachen Veränderungen häufig schon bösartige Veränderungen enthalten und dann eher einen chirurgischen Eingriff nötig machten, fügt Hill an.

Gloß, der heute einräumt: „Ich hätte mich schon viel früher untersuchen lassen sollen“, erhält nun im Rahmen der Nachsorge alle zwei bis drei Jahre eine Darmspiegelung. Bereits im 55. Lebensjahr hätten alle Bürger die Möglichkeit, eine Darmspiegelung im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung in Anspruch zu nehmen, wie Halle ausführt. „Leider machen von dieser Möglichkeit nur die wenigsten Menschen Gebrauch.“

Das Tückische an einer Darmkrebserkrankung oder einer deren Vorstufen, sei, dass die Patienten keine Beschwerden hätten und sich die Schleimhaut über viele Jahre hinweg völlig unbemerkt verändern könne, so wie zum Beispiel bei Ellen Holle. Die Einzelhandelskauffrau war 51 Jahre, als bei ihr Darmkrebs diagnostiziert wurde. „Das war für mich ein Schock“, sagt sie. Aufgrund ihres Alters sei sie noch nicht für eine Vorsorgeuntersuchung in Frage gekommen. Zwar sei bei ihr bereits vor der ersten Darmspieglung Blut im Stuhl gefunden worden, das aber einer anderen Erkrankung zugeschrieben wurde. Dann zeigt Holle ein Bild ihres Darms, das während der Koloskopie gemacht wurde. Experte Halle erklärt: „Wir sind mit unseren Instrumenten nur bis zu einer bestimmten Stelle gekommen, weil die Veränderung des Darms schon sehr weit vorangeschritten war.“ Die beiden Gastroenterologen zogen den Onkologen, Dr. Oleg Rubanov, hinzu. Dr. Oleg Rubanov: „Immer dann, wenn sich eine bösartige Veränderung im Darm bei der Darmspiegelung zeigt, werde ich hinzugezogen, um den weiteren Therapieverlauf mit den Kollegen abzustimmen.“

Für Ellen Holle begann eine Zeit des Wartens auf einen Operationstermin. Allerdings: „In diesem speziellen Fall haben wir uns mit allen Fachärzten zusammengesetzt und beschlossen, den Krebs zunächst mit Strahlen- und Chemotherapie zu behandeln, weil er für eine erfolgversprechende Operation bereits zu groß war.“ Als dann die erlösende Nachricht kam, dass die Therapie angeschlagen habe, der Krebs kleiner geworden sei und man nun eine Operation anstreben könnte, war die Patientin erleichtert.

Wie wichtig nicht nur die Vorsorge, sondern auch die Nachsorge ist erläutert Facharzt Halle: „Das Risiko des erneuten Auftretens von Polypen oder auch Darmkrebs ist bei Patienten, bei denen solche Veränderungen bereits therapiert worden sind, höher als bei Menschen mit normaler Darmspiegelung in der Vorgeschichte. Deswegen ist es für die Betroffenen wichtig, auch nach einer erfolgreichen Behandlung regelmäßig untersucht zu werden. Im Übrigen haben auch Patienten mit Verwandten, die an einem Darmkrebs erkrankt sind, ein erhöhtes Darmkrebsrisiko und sollten nicht bis zum 55. Lebensjahr warten, um sich ihrer Vorsorgedarmspiegelung zu unterziehen.“

Bei der Nachsorge von Patienten mit Darmkrebs ist nicht immer eine Darmspiegelung notwendig, diese ist nur ein Baustein des Nachsorgekonzeptes. „Wesentlich häufiger setzen wir bei der Nachsorge spezielle Ultraschalluntersuchungen ein, die uns beim Nachweis von Metastasen, also Tochtergeschwülsten, sehr hilft“, so Hill.

Deutschland sei, so die Hamelner Experten, zwar eines der wenigen europäischen Länder, die eine flächendeckende Vorsorgeuntersuchung beim Darmkrebs anböten, dennoch gebe es noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. „Deswegen haben wir uns auch entschlossen, am kommenden Samstag ab 10 Uhr nicht nur unsere Türen an der Lohstraße 4 für alle Bürger zu öffnen, sondern auch den „begehbaren Darm“ nach Hameln zu holen“, fügt Halle an. Bereits seit 2002 gibt es die Möglichkeit der altersbedingten Vorsorgeuntersuchung in Deutschland. Allein im Jahr 2009 haben rund 473 000 Menschen davon Gebrauch gemacht, allerdings sind das gerade einmal 16 Prozent aller Berechtigten, wie Halle, Hill und Rubanov feststellen. Pro Jahr werden in der Gemeinschaftspraxis rund 3600 Darmspiegelungen vorgenommen, von denen knapp 1000 im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung stattfinden.

Die Untersuchung selbst habe sich im Laufe der letzten Jahre zusehends weiterentwickelt, wie die Fachärzte betonen. Und auch Patient Gloß hat eine Veränderung festgestellt. „Die Untersuchung selbst habe ich gar nicht so bewusst mitbekommen, weil ich von dem Angebot der Sedierung Gebrauch gemacht habe.“ Vor einer Koloskopie allerdings müsse der Darm vollständig entleert werden, so der Rentner. „Früher war das Mittel, das man trinken musste, nicht nur eklig, sondern es war auch verdammt viel, was man in sich hineinschütten musste.“ Heute seien es lediglich zwei Becher einer wesentlich bekömmlicheren Flüssigkeit, die man sich vor der Darmspiegelung einverleiben müsste. „Das schmeckt sogar – müssen Sie auch einmal probieren“, ruft Gloß beim Verlassen der Praxis mit einem breiten Grinsen.

2003 wurde der Monat März zum Darmkrebsmonat auserkoren. In dieser Zeit finden landauf, landab zahlreiche Informationsveranstaltungen und Aufklärungskampagnen statt, so auch in Hameln. Am Samstag hat jedermann die Möglichkeit, eine überdimensionierten Darmnachbildung zu betrete und dort Polypen, Adenome und Karzinome in Augenschein zu nehmen.

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