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Paniksymptome nach monatelangem Psychoterror an der Stadtschule: Schüler hat Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen

Daniel (13): "Ohne Prügel geht nix an unserer Schule"

Rodenberg/Haste (tes). Einer Mutter ist endgültig der Kragen geplatzt: "Am Sonntag war mein Sohn knallrot angelaufen, hatte plötzlich hohes Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen - nichts ging mehr", erinnerte sich Carola Günther. Nach der Behandlung durch den Notarzt stand schnell fest, warum der 13-Jährige solche Paniksymptome zeigte: Danielhat Angst vor der Schule. Es war der Höhepunkt von monatelangen Schikanen und Psychoterror an der Stadtschule. In ihrer Verzweiflung und Wut hat die Familie Unterstützung bei der Zeitung gesucht.

Schikanen, Psychoterror und Gewalt unter Schülern sind hier an d

Seit Anfang des Jahres haben die Zustände in der sechsten Klasse Hauptschule unerträgliche Ausmaße angenommen. "Freitags ist es am schlimmsten, so Carola Günther. Einmal sei Daniels Hose mit Deckweiß vollgeschmiert, dann der Ranzen voll Joghurt, zuletzt haben zwei Mitschüler seine Federmappe angezündet - die Liste der täglichen Demütigungen ist endlos. "Wenn er nach Hause kommt, muss er sich regelmäßig übergeben", berichtete die Mutter. Der Dauerstress schlägt ihm auf den Magen. Einigen seiner Klassenkameraden gehe es kaum besser. Einer leide bereits unter kreisrundem Haarausfall wegen der Belastungen. "Ohne Prügelgeht nix an unserer Schule", sagte Daniel. VieleÜbergriffe gingen auf das Konto von zwei muslimischen Mädchen. Sie würden ihn und seine Mitschüler seit Monaten tyrannisieren - hänseln, schlagen und erpressen. Aber sie sind nicht die Einzigen. "Das ist normal bei uns", beschreibt Daniel das Klima in der Außenstelle der Stadtschule. Geld gibt seine Mutter ihm nur noch gegen Quittung von den Lehrern mit, das Handy gar nicht mehr. "Wenn die wissen, dass er etwas in der Tasche hat, nehmen sie es ihm ab", so Günther. Wehren könnte sich der junge Judoka, tue es aber nicht. "Dann rufen die den Rest ihrer Bande", ist Daniel überzeugt. Zudem habe ihm sein Trainer gesagt, dass der Kampfsport außerhalb der Sporthalle nichts zu suchen habe. Freunde habe er nur zwei in der Klasse, "aber die trauen sich nicht, etwas zu unternehmen". Als ihm sein Ranzen "abgezogen" worden sei, habe die Mutter mit ihrem Lebensgefährten Jörg Januszewski einen Überraschungsbesuch während des Unterrichts gestartet. "Danach haben wir Daniel alles geglaubt", schilderte Günther die Zustände in der Klasse: "Die Schüler laufen mitten im Unterricht rein und raus, die Fenster sind zerkratzt, zertretene Tintenpatronen auf der Erde - Spuren blinder Zerstörungswut." Nach ihren Informationen weigerten sich die Putzfrauen mittlerweile den Klassenraum zu reinigen: "Sollen die Schüler selber machen." Nach dem Besuch stand für Januszewski fest: "Wer hier was lernen will, hat verloren." Hausaufgaben mache in dieser Klasse keiner mehr - "Gruppenzwang", so Daniel. Zu groß ist die Angst vor den Repressionen durch Klassenkameraden. Zudem haben die Schüler ihr Material oft nicht dabei, bei der Unruhe bleibe kaum Unterrichtszeit über. Die Folge: "Die Klasse hat ein erhebliches Lerndefizit", sind sich Mutter und Lehrerin einig. Schlechte Noten für Arbeits- und Sozialverhalten habe auch ihr Sohn, "das will ich gar nicht beschönigen", verwies Günther auf das Absacken von Daniels Leistungen. 15 Schüler sind in der Klasse, der Ausländeranteil ist hoch, einer ist dauerhaft krank. Kein Lehrer komme mit diesen Schülern zurecht, hatten Daniels Eltern beim Sprechtag erfahren. Ihr Eindruck: "Die Klasse ist aufgegeben worden." Seit wenigen Wochen bemüht sich eine neue junge Lehrerin mit befristeter Stelle, Ordnung herzustellen. Sie ist die dritte Lehrkraft in diesem Schuljahr - vor mehr als drei Monaten ist der Klassenlehrer erkrankt. Die neue Übergangslehrerin zeigte sich erfreut über das Interesse der Eltern. Die Beteiligung von Eltern sei sonst ebenso selten wie deren Erscheinen beim Elternsprechtag. Einen Elternabend habe es in dieser Klasse erst einmal gegeben, bedauerte Günther. Es existiere nicht mal eine Telefonliste. Der ehemalige Elternsprecher, dessen Sohn schwer erkrankt ist, wolle nichts mehr mit der Schule zu tun haben,hat sie in Erfahrung gebracht. Aber: Die neue Lehrerin nimmt die Ängste der Schüler ernst: Daniel hat ihr alles aufgeschrieben, was ihm passiert ist. "Wir wollen schnell handeln", versprach sie. Erste Fortschritte seien bereits sichtbar. Lange hatte Daniel sich nicht getraut, etwas zu sagen - weder den Lehrern noch seinen Eltern. Das Mobbing hat ihn krank gemacht, wie die Atteste regelmäßiger Arztbesuche belegen. Zur Sozialpädagogin der Schule zu gehen, sei für ihn keine Alternative: "Wenn die mich sehen, gibt's Prügel in der Pause." Für ihn sollte der Terror nach den Osterferien ein Ende haben. Ein Schulwechsel nach Barsinghausen zur Gesamtschule war fest geplant. "Endlich", hatte Daniel noch über das ganze Gesicht gestrahlt. Von seinem Probetag war er begeistert: "Da ist überall einer da, der aufpasst", freute er sich überdie Aufsicht durch Lehrer und Schülerkonfliktlotsen. In der Stadtschule sei in den Pausen meist kein Lehrer zu sehen, sagte er. Schülerkonfliktlotsen? Ebenfalls Fehlanzeige. Seine Pläne muss Daniel jetzt verschieben: Seine Mutter wurde bei einem kurzfristig anberaumten Elternabend zur Elternsprecherin gewählt. Die Schule kündigte konkrete Maßnahmen an, um der Klasse Herr zu werden. Außer Entspannungsübungen seien zwei Projekte geplant: Statt Erdkunde und Geschichte zu lernen, werden die Schüler Büsche pflanzen sowie ein gesundes Frühstück zubereiten und in der Schule verkaufen, fasste Günther die Ergebnisse zusammen. Der versäumte Unterricht werde später nachgeholt. Für ihren Sohn Daniel heißt das, "bis zum Sommer durchhalten". Als alleinerziehende berufstätige Mutter von vier Kindern habe es Carola Günther viel Kraft gekostet, ihn soweit zu bringen. Aber: "Wir haben den Stein ins Rollen gebracht", so Günther. Da sei es nur fair, der Schule eine Chance zu geben, die angekündigten Maßnahmen umzusetzen. Günther findet es schade, dass sich nicht alle Eltern engagieren: "Ich werde einen deftigen Brief an alle schreiben, die nicht gekommen sind. Die Klassenlehrerin will eine Erklärung zu den geplanten Projekten beifügen." Und: Ab sofort wird es jeden Monat einen Elternabend geben, den nächsten im Mai. Für Daniel zeigte die Initiative seiner Mutter erste Erfolge: Nach dem Termin beim Schulleiter kam die Sozialpädagogin Ulrike Polke zur Unterstützung der Lehrerin in die Klasse. Vor den Pausen habe Daniel nun weniger Angst. Und die Jungs, die seine Federmappe im Unterricht abgefackelt haben,müssen ihm jeweils 2,50 Euro Schadenersatz zahlen und nachsitzen.

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