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Damit wir genau wissen, wo wir sind

Fest verankert im Gemäuer der Hildburg-Realschule, etwa 50 Zentimeter über dem Boden, steckt ein eigenartiger Metallbolzen. Er sieht aus wie ein grauer Türknauf und sicher weiß kaum ein Schüler, wozu er gut sein könnte. An der Nikolaikirche ist ein ähnlicher Bolzen zu finden, aus braun verfärbtem Eisen, unverrückbar fest ins Mauerwerk getrieben. Fragt man Passanten nach dem Zweck dieses Bolzens, kann keiner eine Antwort geben.

Kennen Sie den? Der Festpunkt in der Ritterstraße.

Von Cornelia Kurth

Fest verankert im Gemäuer der Hildburg-Realschule, etwa 50 Zentimeter über dem Boden, steckt ein eigenartiger Metallbolzen. Er sieht aus wie ein grauer Türknauf und sicher weiß kaum ein Schüler, wozu er gut sein könnte. An der Nikolaikirche ist ein ähnlicher Bolzen zu finden, aus braun verfärbtem Eisen, unverrückbar fest ins Mauerwerk getrieben. Fragt man Passanten nach dem Zweck dieses Bolzens, kann keiner eine Antwort geben. Als aber kürzlich ein Trupp orange gekleideter Männer mit Messgeräten auf dem Kirchplatz zu tun hatte, da kreiste ihr ganzes Interesse um genau dieses hervorstehende Stück Metall im Kirchengemäuer. Es handelt sich dabei nämlich um einen der topographischen Höhenfestpunkte in der Stadt. Bereits im Jahr 1876 wurde er dort angebracht, als Ausgangspunkt für eine Höhenmessung.

Vierzehn solcher Höhenfestpunkte sind in der Rintelner Altstadt verzeichnet auf einer speziellen Übersichtkarte, die man beim Katasteramt erhalten kann. Zusammen mit unzähligen anderen Festpunkten in Niedersachsen bilden sie ein ganzes Netz von geodätischen Punkten, die untereinander in Beziehung stehen und schließlich – immer wieder neu vermessen – genaue Daten darüber liefern, ob sich etwas an den Höhenverhältnissen im Land geändert hat. Der Vermessungstrupp, der in Rinteln unterwegs war, kam aus Hannover, von der Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachen (LGN). Seine Aufgabe ist es, das Deutsche Haupthöhennetz von Grund auf zu erneuern.

Dazu mussten die Männer allerdings nicht sämtliche vierzehn Höhenfestpunkte in der Stadt aufsuchen. Das wäre auch ein Problem gewesen, zumindest eine Art Schnitzeljagd. Zwar wurden die Metallbolzen nur an sorgfältig ausgewählten Stellen angebracht, standsicheren, alten, möglichst öffentlichen Gebäuden, die sich nicht mehr absenken und insgesamt durch ihre Stabilität dafür garantieren, dass der Festpunkt möglichst lange erhalten bleibt. Die Nikolaikirche bietet so eine Sicherheit, ebenso wie der Festpunkt, dem man im Durchgang unter der Weserbrücke findet oder auch derjenige am Bürgerhaus auf dem Marktplatz.

Das Katasteramt bei der alltäglichen Arbeit: Ein Baugrundstück w
  • Das Katasteramt bei der alltäglichen Arbeit: Ein Baugrundstück wird erschlossen. Fotos: cok/pr.

Andere Festpunkte aber sind bereits verschollen, wie zum Beispiel der Punkt im Hinterhof eines morschen Hauses in der Bäckerstraße, den man, falls er überhaupt noch existiert, nur erreichen könnte, indem man über eine Mauer klettert und einen verwilderten Garten durchstreift. Ein weiterer Punkt muss irgendwo am Alten Hafen sein, gegenüber vom Stadtturm. Vielleicht dachte man, die Hafenmauer wäre unvergänglich, aber jedenfalls ist da nichts, woran man so eine Markierung hätte befestigen können.

Die Vermessungstechniker der LGN benötigten nur einige wichtige Festpunkte, wie denjenigen an der Nikolaikirche, um ihr „Nivellement“ durchzuführen. Es hätten noch nicht mal hervorstehende Bolzen sein müssen, da sie nicht mehr mit „Nivellierlatten“ arbeiten, die man auf diese Bolzen aufsetzt, sondern mit elektronischem Tachymeter und hochpräzisem Satellitenmessverfahren. Dabei werden alle Informationen elektronisch erfasst, berechnet und in ein einheitliches Datenmodell integriert.

So verbessert sich das „geodätische Grundlagennetz“, welches die Basis ist für Liegenschaftsvermessungen, für das gesamte topographische Kartenwerk und auch für technische und wissenschaftliche Zwecke. Die ausgemessenen Punkte des Höhenfestpunktfeldes sind wichtig für die Erstellung von Geländemodellen, für vielerlei Baumaßnahmen und auch im Katastrophenschutz, etwa dann, wenn sich herausstellen sollte, dass der Boden sich flächendeckend absenkt und in diesem Fall die Nordseedeiche erhöht werden müssten.

„Für unsere Stadt haben die Ergebnisse der Messungen keine Relevanz“, so Ernst-August Frie, Diplomingenieur und koordinierender Dezernatsleiter im Katasteramt Rinteln. Es gehe in erster Linie darum, insgesamt gesicherte Daten vorzuhalten und damit auch die Ortung über Navigationssysteme wie GPS zu optimieren. Dazu muss man wissen, dass die verzeichneten Punkte auch wirklich stabil sind. Gravierend für Rinteln wären nur Änderungen im Zentimeterbereich. Das würde bedeuten, der Boden hätte sich hier entscheidend abgesenkt und Gebäude wären gefährdet.

Dass Rinteln einbezogen wurde in die Erneuerung des Deutschen Haupthöhennetzes liegt daran, dass hier Messpunkte auf einer der vielen Nivellementsschleifen liegen, die sich über insgesamt 26 000 Kilometer durch ganz Deutschland ziehen und an Verkehrswegen angelegt wurden. Der Höhenfestpunkt unter der Weserbrücke ist dafür ein gutes Beispiel. Wie für alle anderen Festpunkte auch existiert für ihn eine genaue Beschreibung, aus der unter anderem hervorgeht, dass er im Jahr 1937 vom damaligen Reichsamt für Landesaufnahme angelegt wurde und nach der letzten Messung 54,654 Meter über Normalnull liegt.

Normalnull, das ist einer der für die Vermessung unverzichtbaren Fixpunkte, der sich am „Amsterdamer Pegel“ orientiert und als absoluter Höhen-Nullpunkt gilt. Er wurde zwischen 1683 und 1684 vom Magistrat der Stadt Amsterdam als mittlerer Wasserstand der Nordsee definiert und im Jahr 1879 auch in Deutschland als Normalhöhenpunkt übernommen. Bald wird er in ganz Europa als Nullpunkt eingeführt sein. Die Säulen der Messstation des Pegels stehen heute im Rathaus von Amsterdam und zeigen neben dem Wasserstand der Nordsee auch den höchsten Wasserstand der Hochwasserkatastrophe im Jahr 1954, der viereinhalb Meter über dem Normalpegel lag.

Ein weiterer Bezugspunkt, der dazu diente, nach dem Fall der Berliner Mauer die Höhennetze der ehemaligen DDR mit demjenigen der Bundesrepublik zu verbinden, liegt an der neuen St.-Alexander-Kirche in Wallenhorst bei Osnabrück. Es ist ein Metallbolzen, ähnlich demjenigen an der Rintelner Nikolaikirche, der an das europäische Referenzsystem angeschlossen ist, welches sich wiederum auf den Amsterdamer Pegel bezieht. In Berlin war einst die Sternwarte ein „Reichshöhenfestpunkt“ mit 37 Metern über dem Nullpunkt, bevor nach ihrer Zerstörung im Jahr 1912 im Hoppegarten ein neuer Bezugspunkt vermessen wurde.

Was die Vermessungstechniker aus Hannover in Rinteln und Umgebung zu tun hatten, unterscheidet sich von der alltäglichen Arbeit eines Vermessungstechnikers, der zum Beispiel herbeigerufen wird, um Baugrundstücke zu erschließen. Absolute Höhenangaben und millimetergenaue Abmessungen sind nicht von Bedeutung, wenn es darum geht, die Fließrichtung des Wassers auf einem Stück Land zu ermitteln oder zu errechnen, wie viel Erdreich an welchen Stellen abgetragen werden muss, damit man eine plane Fläche erhält.

Dafür spielen bei den Grundstücksvermessungen noch ganz andere Vermessungspunkte eine Rolle, die man bei jedem Spaziergang durch die Stadt und über Straßen und Wege aller Art entdecken kann. Die meisten davon sind Lagefestpunkte, die bis auf wenige Zentimeter genau die Koordinaten eines bestimmten Ortes angeben und im Alltag besonders dann wichtig sind, wenn Grundstücksgrenzen festgestellt werden sollen. Vor dem Katasteramt in der Breiten Straße ist eine kleine Ausstellung solcher Lagefestpunkte aufgebaut, vornehmlich Granitsteine mit eingemeißelten Messpunkten, die korrespondieren mit darunter liegenden, tief in der Erde verankerten Punkten, welche in der Tiefe vor Zerstörung oder Lageveränderungen geschützt sind.

Alle Vermessungspunkte, ob sie nun zur Vermessung der Höhe, der Lage oder der Schwere dienen, stehen unter gesetzlichem Schutz und dürfen nicht zerstört werden. Befinden sie sich an einem Haus, sind die Eigentümer davon informiert. Bauliche Maßnahmen, Umbauten oder Maßnahmen zur Wärmedämmung, die den Vermessungspunkt unzugänglich machen würden, müssen dem Katasteramt gemeldet werden. Dann wird überprüft, ob man auf diesen Punkt im Notfall verzichten kann oder ob in der Nähe ein neuer Festpunkt bestimmt wird.

Letzteres scheint bei einem Höhenfestpunkt in der Ritterstraße der Fall gewesen zu sein. Anders als auf der Karte mit der Festpunktübersicht eingetragen, befindet er sich drei Häuser weiter im Sandsteinfundament eines Wohnhauses. Doch wer einmal einen Blick für solche Vermessungspunkte bekommen hat, wird ihn trotzdem leicht entdecken, ebenso, wie die vielen kleinen Metallbolzen zur Lagebestimmung, die direkt in den Straßenbelag versenkt werden.

Bis zum Jahr 2011 soll die Erneuerung des deutschen Haupthöhennetzes fertiggestellt sein. Wer also jetzt wieder irgendwo in Stadt und Land ein orangenfarbenes Auto mit der Aufschrift „LGN Hannover“ sieht und drum herum Vermessungstechniker, die mit ihren Gerätschaften hantieren, der weiß nun, dass sie es tun, damit wir alle ganz genau jederzeit wissen können, wo wir uns gerade befinden – wenn es darauf ankommt.

Seit teilweise über 100 Jahren harren sie an einer und derselben Stelle aus: metallene Bolzen, eingelassen in Stein von Häusern oder Brücken. Topographische Höhenfestpunkte. Sie dienen der Kartierung, aber auch der Sicherheit. Durch sie können etwaige Bodensenkungen festgestellt werden. Unsere Zeitung hat sich in Rinteln auf die Suche nach den stoischen „Dienern“ begeben.

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