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„Damit die Kinder eine echte Wahl haben“

Lucinda Bunke ist 29 Jahre alt und Lehrerin an der Rintelner Hauptschule am Ostertor. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie ihr Referendariat abschloss. Trotzdem hat sie sich auf ein schulisches Experiment eingelassen, das sie vor besondere Herausforderungen stellt. Sie hat zu Beginn dieses Schuljahres die erste Integrationsklasse übernommen, die an der Hauptschule eingerichtet wurde. Unter den 18 Fünftklässern sind zwei Jungen und zwei Mädchen, die eigentlich auf die Pestalozzi-Förderschule gegangen wären. Ohne besondere Förderung nämlich würden sie mit dem Lernstoff der anderen kaum mithalten können.

Alle zusammen – so sind wir stark: die Schüler der Klasse

Autor:

Cornelia Kurth

„Die Schüler selbst fühlen sich gar nicht so, als ob sie eine Sonderrolle hätten“, sagt Lucinda Bunke. „Sie sind es schon von der Grundschule her gewöhnt, dass sie in einigen Schulstunden von den Lehrerinnen des ,Mobilen Dienstes‘ unterstützt werden. Auch ihre Klassenkameraden kennen das. Für meine ‚5a-I‘ ist der Integrationsklassenalltag etwas Selbstverständliches.“ Die Lehrerin selbst aber musste ihre Art des Unterrichtens umstellen.

In zwölf Stunden pro Woche hat sie zwei Förderschullehrerinnen an ihrer Seite. Gemeinsam besprechen sie, wie den einzelnen Schülerpersönlichkeiten am besten geholfen werden kann und in welchen Unterrichtsteilen es sinnvoll ist, die Förderschüler getrennt von den anderen zu unterrichten. Andererseits wird so viel Gruppenarbeit wie möglich gemacht, um Situationen entstehen zu lassen, in denen die Schüler sich gegenseitig Ratschläge und Hilfen geben. „Eigentlich ist genau das die hohe Kunst des Unterrichtens“, sagt Schulleiter Heinz Pettenpaul, ein entschiedener Befürworter der Integrationsklassen: „Binnendifferenzierung, genaue Absprachen zwischen mehreren Lehrkräften, Förderung des Zusammenhalts unter den Schülern.“

Tatsächlich geht es sehr friedlich, freundlich und konzentriert zu im Unterricht der 5a-I. In kleinen Gruppen, die so ausgesucht wurden, dass jeweils einer der Förderschüler dabei ist, besprechen sie Grimm’sche Märchen, deren einzelne Textteile in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen. Alle sind flink und konzentriert dabei, die verschiedenen Märchen werden sofort erkannt und auch Aische (Name geändert) weiß, dass der Textabschnitt, der mit „Es war einmal…“ beginnt, nur der Anfang der Geschichte sein kann. Erst als es darum geht, Stichworte zu sammeln, als Merkpunkte für eine mündliche Nacherzählung der Märchen, könnte man auf die Idee kommen, dass Aische da nicht so schnell ist wie die anderen.

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  • Lucinda Bunke: „Schüler fühlen sich nicht in Sonderrolle“

An dieser Stelle setzen Lucinda Bunke und ihre Deutsch-Kollegin Dörte Witt von der Pestalozzischule ein. Sie beide wandern zwischen den Gruppen hin und her und halten ein besonderes Auge darauf, wo sie den Förderschülern auf die Sprünge helfen können.

„Der Deutschunterricht ist, wenn wir über Texte sprechen, sowieso nicht das Hauptproblem“, erklärt Bunke. „Aber in Sachen Rechtschreibung, auch in Fächern wie Englisch und Mathe, setzen wir die zu fördernden Schüler zusammen und sie erhalten dann einen Extra-Unterricht.“

Nicht immer reichen da die zwölf Wochenstunden mit den Lehrkräften des Mobilen Dienstes aus. Bei einem der ursprünglich fünf Schüler kamen Eltern und Lehrer zu dem Schluss, dass er doch besser in der Pestalozzischule aufgehoben sei. „Es ist ja nicht so, dass Integrationsklassen per se die geeignetere Schulform für alle Schüler sind“, so Heinz Pettenpaul. „Zwar benutzen die Förderschüler bei uns etwas abgewandelte Schulbücher und Lehrmaterialien – und sie erhalten auch ein spezielles Zeugnis, für das die Ansprüche niedriger liegen – trotzdem können Lernprobleme zusammen mit Konzentrationsschwäche und Verhaltensauffälligkeiten dazu führen, dass der geschütztere Raum der Förderschule den Bedürfnissen des Schülers mehr entgegenkommt.“

So besteht im Moment keine eindeutige Tendenz, dass die Förderschulen im Landkreis nach und nach aufgelöst würden. Eigentlich müsste das anders sein. Die neue UN-Konvention für die Rechte Behinderter, die sich auch in einer Änderung des niedersächsischen Schulrechts niederschlägt, sieht prinzipiell vor, dass lernbehinderte Kinder die Regelschule besuchen sollten. Während aber in den Bundesländern Berlin und Schleswig-Holstein bereits jeder dritte Schüler mit Behinderungen am normalen Unterricht teilnimmt – und in Bremen sogar fast die Hälfte der lernbeeinträchtigten Schüler, so waren es in Niedersachsen im Jahr 2009 nur knapp fünf Prozent. Das Land ist damit neben Sachsen-Anhalt Schlusslicht bei der Umsetzung des Prinzips der Inklusion, das heißt, des Anspruchs jedes Menschen, von Anfang an zur großen Gemeinschaft dazuzugehören.

Es habe aber gute Gründe, dass man an den Förderschulen festhalte, meint da Dr. Christian Zachlod von der Landesschulbehörde in Lüneburg. „Erstens sind es nur wenige Eltern, die den Antrag auf Einrichtung einer Integrationsklasse für ihre Kinder stellen“, so der Fachmann. „Zweitens können auch an den Förderschulen alle erweiterten Schulabschlüsse gemacht werden. Drittens darf man nicht vergessen, dass Kinder oft brutal ehrlich sind und trotz aller Fürsorge die Gefahr besteht, dass Förderschüler in einer Hauptschulklasse zum Außenseiter werden.“ Die meisten Eltern kämen nach sorgfältiger Abwägung mit Grundschul- und Förderschullehrern, mit Ärzten und Erziehungsberatung zu dem Schluss, dass ihr Kind lieber zusammen mit anderen Förderschülern auf eine Förderschule gehen soll.

Corinna Fischer, Pressesprecherin im Niedersächsischen Kultusministerium, weist darauf hin, dass eine Umstellung auf flächendeckende Einrichtung von Integrationsklassen an den Hauptschulen Zeit brauche. Anders als in Ländern wie Schweden habe die inklusive Schulbildung in Deutschland keine Tradition. Die Schulgebäude müssten für einen Ganztagsbetrieb geeignet sein, die zusätzlichen und speziell ausgebildeten Lehrkräfte dann auch zur Verfügung stehen und die Entscheidung über die Wahl der jeweiligen Schulform wirklich zum Wohl des Kindes erfolgen.

„Jedes Kind soll in baldiger Zukunft die Möglichkeit haben, auf eine Regelschule zu gehen. Doch ob die sorgfältigen Gutachten in jedem Einzelfall für eine Regelschule sprechen, das ist eine andere Sache. Förderschulen wird es immer geben“, das ist die Prognose der Pressesprecherin. Tatsache sei immerhin, dass die Anzahl der Förderklassen in Niedersachsen insgesamt kontinuierlich steige. Während es im Jahr 2003 landesweit nur 230 Integrationsklassen gab, seien es inzwischen um die 400.

Allerdings beziehen sich diese Zahlen nicht nur auf lernbehinderte, sondern auch auf körperbehinderte Kinder. Und sie unterscheiden nicht zwischen Grund- und Hauptschulen. Was den Landkreis Schaumburg betrifft, so gibt es dort einzelne Hauptschul-Integrationsklassen in Rinteln, Bückeburg und Stadthagen. „Diese Klassen werden nicht aus Prinzip eingerichtet, sondern nur dann, wenn Eltern einen entsprechenden Antrag stellen“, so Christian Zachlod. Erst dann kümmern sich die Schulen in zumutbarer Nähe darum, einen entsprechenden Antrag bei der Landesschulbehörde zu stellen.

Nicht anders war es an der Rintelner Hauptschule. Die Eltern der ursprünglich fünf Kinder mit Förderbedarf, die sich zum Teil untereinander kannten, wendeten sich an Schulleiter Pettenpaul. Dann entschied der Schulvorstand, dass es dem Leitbild der Schule entspreche, nicht nur Wege für die begabten Schüler bis hin zum Abitur zu eröffnen, sondern auch den Schülern mit Lernproblemen auf besondere Weise zur Seite zu stehen. Die Anträge wurden genehmigt, die Pestalozzi-Lehrerinnen erweiterten den Aufgabenbereich ihres „Mobilen Dienstes“, und wie aus dem Nichts entstand die erste Integrationsklasse, der nach Willen der Schulbehörde weitere folgen sollen.

Die Schüler der 5a-I bekommen von der verwickelten Diskussion rund um Förderschule versus Integrationsklassen nichts mit. Für sie gehört es zum Alltag, dass Förderschullehrerin Dörte Witt und ihre Mathe-Kollegin Judith Schomburg immer mal wieder in ihrem Unterricht auftauchen und die Förderschüler zur Seite nehmen. Wie sich der Gang der Dinge entwickelt, wenn die Schüler älter werden, bleibt abzuwarten. Möglicherweise gelingt es einigen, einen regulären Hauptschulabschluss zu erwerben. Möglicherweise erhalten sie aber nur den Förderschulabschluss, der ihnen am Arbeitsmarkt nicht großartig weiterhelfen dürfte, wie es der Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin 2009 in einem „Spiegel“-Interview sagte.

„Der Abschluss ist gar nicht der springende Punkt“, meint dagegen Hauptschulleiter Pettenpaul. „In beiden Schulformen sind die gleichen Abschlüsse möglich. Wichtig ist, dass die Kinder eine echte Wahl haben. Dazu haben wir unseren Teil beigetragen.“

Beim Stichwort „Integration“ geht es nicht immer nur um das Miteinander von Ausländern und Deutschen. Eine besondere Art der Integration bezieht sich auf Schüler mit Lernbehinderungen. Die können nach der Grundschule entweder auf eine Förderschule gehen – oder aber in eine „Integrationsklasse“ an einer Hauptschule. Seit Beginn des Schuljahres existiert an der Rintelner Hauptschule am Ostertor eine fünfte Klasse, zu deren insgesamt 18 Schülern vier Förderschüler gehören.

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