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Eine Reise rund um den Dom und warum ein Bier „Black Magic Woman“ heißt

Dänische Geschichten aus Roskilde: Jørgen, Lauge, Ulla und die Wikinger

Von Jens Meyer

Jørgen Rasmussen und sein „Black Magic Woman“. Die E

Roskilde / Seeland. Eines schönen dänischen Tages, die Sonne stand hoch am Himmel und der Wind strich wie eine Rundbürste durch die Kornfelder von Seeland, stand Jørgen Rasmussen vor den silbern glänzenden Kesseln in seiner kleinen Brauerei in Kirke Hyllinge, probierte und sinnierte. Das Nest mit der schönen Kirche und den gepflegten Häuschen ist nur ein paar Kilometer von Roskilde entfernt, der Stadt, die seit vier Jahrzehnten Gastgeber eines großen Rockfestivals ist. Was also lag näher, als das Starkbier, dessen raue Eleganz Rasmussen da gerade erstmals am Gaumen spürte, „Black Magic Woman“ zu nennen, wo doch das kleine Radio auf dem Fensterbett stehend schon seit Stunden vor sich hindudelte und just in diesem geschmackvollen Augenblick den Song von Rockstar Carlos Santana zum Besten gab. „Ich habe die Regler bis zum Anschlag gedreht. Ich wusste: Das ist es“, erinnert sich Jørgen Rasmussen an diesen glücklichen Moment seines noch gar nicht so langen Bierbrauerlebens. Black Magic Woman. Elf Prozent Feuchtfröhlichkeit, die im vergangenen Jahr als zweitbestes Bier Dänemarks ausgezeichnet wurde. Bei annähernd 100 Brauereien keine allzu schlechte Referenz, durchaus. Wenn König Carlos das wüsste, würde er nach seinem letzten Roskilde-Auftritt 2004 glattweg wieder zurückkehren und sich nach gelungenem Gitarrensolo ein Fläschchen gönnen.

Mit seinem Hornbeer aus Kirke Hyllinge hat Rasmussen ein Erfolgslabel geschaffen. 100 000 Flaschen, macht 50 000 Liter pro Jahr. Mikrobrauerei nennt sich die kleine, feine Adresse für Leckerschmecker modernen Wikingergesöffs. Ob „blonde“, ob braun, das lieben sogar Frauen. Rasmussen heimst Preise ein. „Hier, das ist Hornbeer Blonde. Probiere mal.“ Ein Kronkorken fällt zu Boden, Rasmussen lässt den guten Stoff aus der Flasche langsam ins Glas gleiten. Wie sich herausstellen wird, schmeckt’s so gut wie es aussieht. Nämlich richtig gut. Skål.

Besser sogar als richtig gut. Das wird wohl daran liegen, dass die Tour mit dem Wikingerschiff noch gar nicht so lange her ist. Vor kaum zwei Stunden hatte Lauge Damstrup die kleine Gruppe steif agierender Germanen sich mächtig ins Zeug legen lassen. „Es ist noch keiner über Bord gegangen“, ließ er Minuten vor dem Ablegen unweit des Wikingerschiff-Museums (unbedingt ansehen!) im Hafen von Roskilde noch verlauten. Aber warum dann die Rettungswesten? Spätestens als das Segel gesetzt worden war, kannten alle die Antwort. Ein verdammt windiger Tag im Roskilde-Fjord, so windig, dass das große weiße Tuch nur zur Hälfte gerafft wurde. Lauge hätt’s ja nicht gestört, na ja, aber die anderen…

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Wie einst die Wikinger hinausrudern, Segel setzen und zu den Wolken schauen, das ist mindestens so erfrischend wie die Biere von Jørgen Rasmussen. Findet auch Lauge. „Yeah, come on, come on, yeah.“ Lauge strahlt dann, wenn das Schiff übers Wasser fegt, reckt die geballte Faust empor. Der Fahrtwind wuselt ihm die Haare durcheinander, was ihn nicht stört. Die, die da rudern in diesem nachgebauten Wikingerboot, machen sich über das zerzauselte Haupt schon gar keine Gedanken, die haben ganz andere Sorgen. Wie paddelt man, so, dass man auch voran kommt, wenn das Segel wieder eingeholt worden ist?

Noch sprüht die Gischt, noch bläht der Wind das Tuch auf. Ein Heidenspaß! Doch der Hafen ist nicht mehr weit. Dort angekommen, wird wieder gepaddelt. Lauge lässt noch eine Extrarunde drehen, um seiner Mannschaft einen Zweimaster mit Piratenflagge zu zeigen. „Meins!“ Mehr sagt er nicht. Nur: meins. So sieht Stolz in Mannesgestalt aus. Wer Roskilde entdecken will, muss mit Lauge in ein Boot steigen. Alles andere wäre verlorene Zeit.

Na ja, nicht alles andere. Es ist zum Beispiel auch keine verlorene Zeit, im Hotel Prindsen unterzukommen. Ein altehrwürdiges Haus, in dem schon Hans-Christian Andersen ein paar Tage und Nächte verbrachte und wo die Zimmer – man staune – noch mit Schlüsseln und nicht mit Karten geöffnet werden. Der Fernseher sagt auch nicht „Guten Tag“, wenn man das Licht anschaltet. Wie herrlich unaufgeregt doch ein Hotel sein kann. Es ist noch weniger verlorene Zeit, im Hotel Prindsen oder im Restaurant Radhuskaelderen eine lukullische Liebelei mit Dänemark einzugehen, ein paar Stunden lang sich verwöhnen und verführen lassen. Augenblick um Augenblick.

Ja, richtig, Augenblick mal, da war doch noch Ulla! Ulla Gram, um genau zu sein. „Habt Ihr Euch gestern Abend noch über mein Deutsch lustig gemacht?“ fragt sie keck. Nö, haben wir nicht, und es gibt auch keinen Anlass dafür. Denn Ulla erzählt von Dänemarks Königinnen und Königen so, als wenn’s ein paar gute Freunde oder Nachbarn wären. „Den hier, den habe ich besonders gern.“ Da steht Ulla vor einem mit Gold verzierten Sarg und spricht von Friedrich IX. wie von einem eigenen Bruder. Oder war’s Friedrich VI.? Mann, die Ulla redet gerade ohne Punkt und Komma, mit Verve, mit Leidenschaft und einem Augenzwinkern. „Da oben, das sind die Sterne. Die hat sich Christian IV. gewünscht.“ Der einstige König von Dänemark und Norwegen war aber nicht besonders treu, betrog seine Anna Katharina von Brandenburg (1575-1612), Tochter von Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg, mit der er sechs Kinder zeugte. Nutzte alles nichts; er pflegte den Umgang zu Mätressen. Verwerflich, findet Ulla, „der war nicht besonders katholisch“. Für 622 Sterne am blau bemalten Kapellenhimmel hat es trotzdem gereicht. Ulla und der Dom – welch großartiges Erlebnis, in jeder Hinsicht.

Stellt sich letztlich nur noch die Frage, wie man hinkommt nach Roskilde in Seeland. Nein, eigentlich stellt sie sich nicht wirklich, denn mit dem Auto über die Scandlines-Fähre Puttgarden – Rødby geht’s am Besten. Und immer dran denken, dass auf Dänemarks Autobahnen die Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h gilt. Oder mit anderen Worten: Ulla kann schneller reden als man dort Autos fahren darf.

Wie die Wikinger: Lea Weber (r.) lässt das Segel nicht los, Ute Voss hält das Ruder. Skipper Lauge Damstrup zeigt, wo es langgeht – immer mit dem Wind! Im Hafen von Roskilde starten die Wikingerboote zu ihren Reisen wie in alter Zeit. Das Meer ist aber weit entfernt, denn der Fjord mündet erst nach rund 40 Kilometern in den Kattegat.

Fotos: ey

So sieht ein Kriegsschiff der Wikinger aus. Aber keine Bange, auch hier sitzen „nur“ Touristen drin. Mehr Informationen zu den Wikingern zeigt das Wikingerschiff-Museum in Roskilde.

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