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Der Kampf der Obrigkeit gegen das „allzustark eingerissene Caffee-Trinken“

Cafféschenker nicht geduldet…

Ohne Kaffee kommt das Gros der erwachsenen Zeitgenossen nicht über die Runden. Viele brauchen ihn als morgendlichen Muntermacher, andere genießen „nur“ das unverwechselbare Aroma. Das Ergebnis: Der Durchschnittsdeutsche konsumiert ca. 150 Liter im Jahr. Das sind knapp drei Tassen pro Tag.

„Kaffeetafel“, Bild des französischen Malers Francois Boucher (1703-1770). Repros: gp

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wo, wann und von wem der erste Schluck des schwarzen Getränks im heutigen Kreis Schaumburg probiert wurde, ist nicht überliefert. Erste Berichte von dessen anregender Wirkung sollen Mitte/Ende des 16. Jahrhunderts aus dem Vorderen Orient nach Europa gelangt sein. Das schwarze Gebräu wurde schnell zum Geheimtipp der höheren Kreise, war jedoch auch schon bald in den Wohnstuben des städtischen Bürgertums und – ab Mitte des 18. Jahrhunderts – in den Küchen der Landbevölkerung heimisch. „Der ärmste Brinksitzer, ja der Hirte isset und trinket täglich delikater als ehedem“, gab in den 1760er Jahren ein Dorfgendarm zu Protokoll. „Auch das Dünnbier, sein sonst gewöhnliches Getränk, mag er nicht mehr“.

In der Tat führte die zunehmende Beliebtheit des gern und oft mit Milch und Zucker oder Sahne verfeinerten Getränks zu einem spürbaren Rückgang des Bierkonsums – eine Entwicklung, die den Landesherren missfiel. Das fürstliche Steuermonopol auf das damals noch nahezu alkoholfreie Standardgetränk der Deutschen hatte Jahr für Jahr viel Geld in die stets klammen (Kriegs-) Kassen gespült. Da mochte man nicht tatenlos zusehen, wie die Untertanen immer mehr Geld für ausländische und zudem höchst überflüssige Importware ausgaben. Hinzu kam die Sorge, dass der als anregend gepriesene „Türkentrank“ aufrührerisches und staatsfeindliches Denken beflügeln könnte. Hintergrund: In den Städten waren immer mehr Kaffeehäuser eröffnet worden, in denen sich vorzugsweise Künstler, Literaten und andere, aus Sicht der Obrigkeit „höchst verdächtige Subjekte“ aufhielten.

Die Folge waren rigorose Import-, Röst- und/oder Konsumverbote. Als das auf Dauer nichts brachte, versuchte man mittels Kaffeesteuer am Boom mitzuverdienen. Den Untertanen wurde das Vorgehen als Ausdruck landesherrlicher Fürsorge verkauft. In halbamtlichen Gutachten war von Krankheit und Todesgefahr durch Kaffee die Rede. Gleichzeitig wurde fieberhaft nach heimischen Ersatz-Mixturen geforscht.

Drei benachbarte Territorialherren versuchten erfolglos, den Siegeszug des Kaffees in der heimischen Region zu stoppen: der hess
  • Drei benachbarte Territorialherren versuchten erfolglos, den Siegeszug des Kaffees in der heimischen Region zu stoppen: der hessische Landgraf und Herr der Grafschaft Schaumburg, Friedrich II. (1720-1785), hier auf einem Gemälde von Johann Heinrich Tischbein dem Älteren),…
…König Friedrich II. „der Große“ von Preußen (1712-1786), dem unter anderem die Provinzialregierung in Minden
  • …König Friedrich II. „der Große“ von Preußen (1712-1786), dem unter anderem die Provinzialregierung in Minden unterstand (Bild des Porträtmalers Johann Georg Ziesenis).
…der schaumburg-lippische Graf Wilhelm (1727-1777), Bild des englischen Malers Joshua Reynolds, und…
  • …der schaumburg-lippische Graf Wilhelm (1727-1777), Bild des englischen Malers Joshua Reynolds, und…
Erst ganz allmählich erfuhr die heimische Bevölkerung Einzelheiten über die Herkunft des Kaffees sowie das Aussehen und die Eige
  • Erst ganz allmählich erfuhr die heimische Bevölkerung Einzelheiten über die Herkunft des Kaffees sowie das Aussehen und die Eigenschaften der Kaffeepflanze. Hier einer der ersten Drucke mit einer Darstellung des „Kaffeebaums“.
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Drei benachbarte Territorialherren versuchten erfolglos, den Siegeszug des Kaffees in der heimischen Region zu stoppen: der hess
…König Friedrich II. „der Große“ von Preußen (1712-1786), dem unter anderem die Provinzialregierung in Minden
…der schaumburg-lippische Graf Wilhelm (1727-1777), Bild des englischen Malers Joshua Reynolds, und…
Erst ganz allmählich erfuhr die heimische Bevölkerung Einzelheiten über die Herkunft des Kaffees sowie das Aussehen und die Eige
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Besonders heftige Kaffee-Abwehrschlachten wurden in der damals hessischen Grafschaft Schaumburg geschlagen. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass „der überall, insonderheit aber auf dem Lande, seit einiger Zeit getriebene Mißbrauch mit dem Caffé täglich stärker einreiße“, stellte Anfang 1766 der in Kassel residierende Landgraf Friedrich II. verbittert fest. Ein solch „verderbliches Unwesen, wodurch unsere getreue Untertanen neben der Schwächung ihrer Gesundheit in merklichen Verfall ihrer Nahrung geraten“, könne nicht hingenommen werden. Deshalb würden „Krämer und Cafféschenker“ auf dem Lande und „der weitere Gebrauch des Caffé bei zehen Reichstaler Geld- oder 14tägiger Gefängnisstrafe untersaget und verboten“. Bei der Durchsetzung der Order setzte der Landgraf auch und vor allem auf Denunzianten. Wer einen „Contravenienten“ (Gesetzesbrecher) anzeige, dürfe „mit Verschweigung seines Namens“ und mit der „Verabreichung der Hälfte sothaner Geldstrafe“ rechnen.

„Das meinen wir ernstlich“, schloss Friedrich den Erlass und befahl, die Weisung „in Städten und Dörfern öffentlich unterm Glockenschlag“ zu „publiciren“. Die Behörden und Gendarmen im hiesigen Wesertal konnten die „Verordnung, das allzustark eingerissene Caffee-Trinken betreffend“ im März 1766 in den „Rintelischen Anzeigen“ nachlesen. Mit der praktischen Umsetzung scheint es nicht recht geklappt zu haben. Jedenfalls sah man sich in Kassel im Laufe der folgenden 14 Jahre zu nicht weniger als acht Nachbesserungen des Anti-Kaffee-Regelwerks genötigt.

So wie in Kurhessen ließen auch die angrenzenden Nachbarstaaten Preußen und Schaumburg-Lippe nichts unversucht, der zunehmenden „Café-Sucht“ Herr zu werden. Die Strategien waren weitgehend ähnlich. Preußenkönig Friedrich II. („der Große“) setzte bei der Jagd auf „Contravenienten“ zusätzlich auf speziell ausgebildete Schnüffler („Kaffeeriecher“). Und der schaumburg-lippische Landesherr Graf Wilhelm hoffte eine Zeit lang, die Untertanen durch eine Geschmacks- und Qualitätsverbesserung der landeseigenen Brauereierzeugnisse bei (Bier-) Laune zu halten. Er habe „mißfällig wahrgenommen, daß die Brau-Nahrung in unseren Landen mehr und mehr in Abgang gekommen, schlechtes, nicht trinckbares Bier gebrauet, und unsere Untertanen daher veranlasset worden, sich das Coffée und Weintrinken anzugewöhnen“, heißt es in einem Erlass vom 12. Mai 1767. Nur wenig später führte auch der Bückeburger Schlossherr eine „Coffee-Accise“ (Kaffeesteuer) ein.

Unterm Strich blieben die Bemühungen der drei Obrigkeiten erfolglos. Hauptprofiteure der unabgestimmten Anstrengungen waren die „Schleichhändler“. Sie fanden dank der unterschiedlich hohen Steuersätze ein lohnendes Betätigungsfeld. Vor allem das waldreiche und schwer zugängliche Dreiländereck in Schermbeck bei Luhden, wo die Grenzen von Preußen, Hessen und Schaumburg-Lippe zusammenliefen, gedieh zu einem gewinnträchtigen Schmugglerparadies.

Zur Abschreckung der Untertanen vor den lebensgefährlichen Folgen des Kaffeetrinkens wurden zahlreiche, vermeintlich wissenschaftlich begründete Fachbücher und Aufsätze verfasst. Hier das Werk „Freymüthige Gedancken von Denen drey berüchtigten Verführern des Volcks“, zu denen laut Herausgeber auch Thée und Coffée“ gehörten.

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