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Bierdeckel als Kunst: Der Künstler Eg Witt hat das Leben auf den Deckel gebracht

Brutal banal

Der CDU-Politiker Friedrich Merz ist mit seiner Bierdeckel-Steuerreform in die Geschichte eingegangen. Auf Bierdeckeln notiert ein Wirt nicht nur die nächste Runde an der Theke, sondern auf den Filzen findet man auch Skizzen für Startup-Ideen, Telefonnummern, Adressen oder eine Anmache der Blondine einen Hocker weiter. Der Rintelner Künstler Eg Witt hat das Potenzial von Bierdeckeln als Medium wie Kunstobjekt schon früh entdeckt: im Jahr 1994. Über 200 Bierdeckel hat er damals bemalt und irgendwann wieder in seinem Archiv abgelegt. Und vergessen.

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Autor:

von Hans Weimann

Der Bielefelder Kunstsammler Manfred Glagow hat Witts Bierdeckel bei dem Künstler in Rinteln am Mecklenburger Weg in mehreren Kartons entdeckt und war davon so begeistert, dass er davon jetzt eine Ausstellung arrangiert hat, die Anfang September eröffnet worden ist. 120 Bierfilze von rund 260 sind im Hinterhaus in der Hagenbruchstraße 7 in Bielefeld zu sehen.

Glagow lehrte übrigens Planungs- und Entscheidungstheorie an der Universität Bielefeld und ist bekannt geworden durch seine Forschungen zur Entwicklungspolitik und Nichtregierungsorganisationen, den sogenannten NGOs, die bei Konflikten in aller Welt eine große Rolle spielen.

Es war die Wirtin Jutta Seele von der Bahnhofsgaststätte in Bückeburg, erzählt Witt, die ihn auf die Idee mit den Bierdeckeln gebracht hat. Er habe 1993 jeden Tag am Bückeburger Bahnhof seine Frau abgeholt. Die arbeitete in Hannover und fuhr mit dem Zug. Weil die Züge oft Verspätung hatten, habe er sich bald in die Bahnhofsgaststätte gesetzt, ein Getränk bestellt und den Thekengesprächen zugehört. Dabei schnell erkannt, dass sich hier Kurzzeit-Dramen abspielen, sich das Leben für einen Moment, wie im Fokus ballt, wenn sich jemand an seinem Bier festhält, weil er Ärger im Job hat, mit der Frau oder euphorisch eine Thekenrunde schmeißt, weil er gerade Gehaltserhöhung bekommen hat.

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Die Theke, sagt Witt, ist der Ort der schnellen ungefilterten Urteile über den Zustand der Welt und über Mitmenschen: „Daumen rauf oder Daumen runter. Da darf keiner aus der Reihe tanzen. Sonst ist er unten durch.“

„Instant Filz“ nannte Witt dann auch logischerweise seine Serie. Ihn faszinierten die Filze, „weil alles so brutal banal war“: die Strichcodes der Wirtin für Bier, Cola, Schnaps, die Zigarettenlöcher, die Bierflecken, die Kritzeleien. Es war soziologische Feldforschung an der Theke.

All das hat Witt mit den Mitteln seiner Kunst auf die Bierdeckel gebracht. Auf gebrauchten Bierdeckel versteht sich! Denn als ihm klar geworden sei, das ist jetzt das neue Projekt, habe er Jutta Seele gebeten, benutzte Bierdecken für ihn zu sammeln: „Jede Woche habe ich eine Plastiktüte davon mit nach Hause genommen.“

Und Witt nutzte die vielfältigen Gebrauchsspuren für neue Aussagen, ergänzte oft nur, was er im Ansatz schon auf dem Deckel sah. „Schauen Sie die Löcher in der Mitte. Da wurde ein Bierdeckel aufgespießt. Das verrät ob der Trinker solvent oder kreditwürdig war, ob der Gast einen Deckel machen durfte oder nicht.“ Und Witt sah es als Herausforderung sich diesmal nicht wie sonst auf der großen Fläche eines Gemäldes oder einer Zeichnung auszudrücken, sondern auf dem beschränkten Quadrat eines Bierdeckels.

Was sich nahtlos in die neue Richtung fügte, die Witt bereits beschritten hatte, hin zur sogenannten „Arte povera“. Die wurde in Italien als Kunstströmung kreiert, nämlich Banales zum Kunstwerk zu machen, mit einfachen Materialien zu arbeiten. So hat Witt beispielsweise Schulterpolster und Kleiderbügel zu Plastiken arrangiert, Namensschilder, die Trucker hinter ihre Frontscheibe legen, zu Collagen verarbeitet und Plastikkrokodile in Eimern schwimmen lassen.

Bierdeckel sind universell und haben Sammler schon immer fasziniert, weil Brauereien sie als Werbung nutzen und Grafiker deshalb manchmal originell gestalten. Witt hat im Prinzip dieser Ebene eine weitere hinzugefügt: Kunst. Und die Ausstellung habe ihm gezeigt, schildert Witt: „Jeder hat seine eigene Geschichte zu Bierdeckeln, kann erzählen, was er an der Theke erlebt hat, woran er sich erinnert“.

Wenn man so will, ist die späte Entdeckung der Filze aus der Bückeburger Bahnhofsgaststätte auch so etwas wie ein Stück Archäologie. Denn Bahnhofsgaststätten wie die klassische Eckkneipe sind eine aussterbende Art.

Witt hat sich damals neben den gebrauchten Filzen von Frau Seele auch 3000 Deckel blanko liefern lassen von einem Bierdeckelhersteller und daraus die Form „des Deutschen liebstes Wappentier“ ausgestanzt, den Adler. Es gab eine erste Ausstellung im Kunstverein Abtei Wunstorf, wo die ausgestanzten Bierdeckel, beklebt mit schwarzer Folie die Wände auskleideten.

Witt hat das große Interesse an seinen Bierfilzen in Bielefeld selbst überrascht: Drei Galeristen waren da und der Chef einer Kunsthalle. Und die Warsteiner Brauerei hat sich bei ihm gemeldet.

Witt ist jetzt 72 und sagt, als Künstler braucht man eben einen langen Atem. Ruhestand? Dafür hat er keine Zeit. Er sei bei der Ausstellungseröffnung ganz nervös gewesen. Denn zeitgleich sei nämlich in Timmendorf das Fundament für eine Skulptur von ihm gemauert worden, die dort aufgestellt werden soll. Eigentlich hätte er auch dort sein müssen.

Witt profitiert heute von seinem großen Fleiß. International bekannt wurde er mit seinen Eisenskulpturen wie dem Armformer – heute ein Klassiker. Die Bierfilze sind ja nur eine von vielen Werkgruppen. „Ich habe eigentlich immer gearbeitet, was Neues gemacht. Jetzt kommt der Kunsthandel und sagt, das und das will er haben. Meine ersten großen Zeichnungen zum Beispiel“.

Auch deshalb hat Witt seine Kartons mit den ausgestanzten Adlern wieder hervorgeholt, bemalt und beklebt sie und arrangiert sie zu grafisch ausgeklügelten „Flugschauen“ wie er das nennt. Das ist sein neues Projekt.

Letzte Frage: Hat er selbst schon einmal irgendwas auf einem Bierdeckel notiert? „Nein“, lacht Witt, „dazu benutze ich die Rückseite von Einkaufsbons“.

Hinweis: „Instant Filz“ ist noch bis November in der Altstadt Bielefeld, im Hinterhaus, Hagenbruchstraße 7 zu sehen. Kontakt: Glagow über pollvogt@web.de oder Witt unter (0 57 51) 75 590

Nirgendwo wird das Leben so sehr auf den Punkt gebracht wie an der Theke. Doch was vom Abend übrig bleibt, ist meist nicht mehr als ein malträtierter Bierdeckel. Diese können viel erzählen, über Menschen, Stimmungen und die Gesellschaft, fand der Rintelner Künstler Eg Witt – und widmete sich in seiner Serie „Instant Filz“ diesem Phänomen. 120 Bierfilze sind derzeit in Bielefeld zu sehen.

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