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Insolvenzverfahren nach sechs Jahren abgeschlossen / 6,45 Mio. Euro Forderungen, nur 320 000 Euro Masse

"Brautlecht"-Pleite: Die Reste sind verteilt ...

Buchholz (tw). Sechs Jahre nach der Pleite sind jetzt vor dem Amtsgericht Bückeburg mit der Schlussverteilung die Akten in Sachen Brautlecht-Insolvenz geschlossen worden. Die Forderungen der Gläubiger der früheren Möbelfirma, die weiland in der Buchholzer Schlingmühle ihren Sitz hatte, beliefen sich auf 6,45 Millionen Euro; demgegenüber stand ein Massebestand von nur 320 000 Euro.

Die Schlingmühle in Buchholz: An ihre Vergangenheit als Sitz der

"Weil die Summe - leider - viel zu gering war, haben wir längst nicht alle Masse-Gläubiger, darunter zehn frühere Mitarbeiter, bedienen können", bedauert Insolvenzverwalter Olaf Handschuh. Dass bei der Verteilung überhaupt ein sechsstelliger Betrag zur Verfügung stand, sei dem Umstand zu verdanken gewesen, dass zumindest ein Teil der Brautlecht-Forderungen gegen diverse große Möbelhäuser eingeklagt werden konnte. "Es lag aber auch daran, dass wir etwa 60 Lkw-Ladungen voll B-Ware verkaufen konnten, die sich im Auslieferungslager Herford befunden haben", weiß Handschuh. Die Brautlecht-Gruppe hatte mit ihrem Programm von Ess- und Wohnzimmern einst eine große Bedeutung auf dem deutschen Möbelmarkt und erzielte in den letzten Jahren vor der Insolvenz Umsätze von geschätzt 15 Millionen Euro. D ie Firma hatte eine lange Tradition, sollte 2002 ihr "95-Jähriges" feiern. Doch es kam anders: Am 21. Februar 2002 mussten die Geschäftsführer der drei betroffenen Firmen - die Brautlecht GmbH, die Allegro GmbH und die GMB, Gesellschaft für Beteiligungen in der Möbelindustrie - beim Amtsgericht Bückeburg Insolvenzantrag stellen. 36 Arbeitsplätze, darunter sechs Ausbildungsplätze, standen auf der Kippe. Außerdem wurde befürchtet, dass im Strudel des Verfahrens zwei Zulieferbetriebe mit 75 Mitarbeitern gefährdet sein könnten. Geschäftsführer der Allegro war Andreas Langer, Geschäftsführer der beiden anderen Firmen Ricardo de Stauber, ein Geschäftsmann aus Triest. Die GMB hielt Anteile an Brautlecht und Allegro. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter war Handschuh bestellt worden. Die Schieflage des Unternehmens hatte sich bereits lange vorher angekündigt. In den Jahren vor der Insolvenz war die Zahl der Mitarbeiter von mehr als 60 auf 36 reduziert worden. Seit Ende 2000 hatte die Belegschaft zudem auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet, um ihren Beitrag zur Rettung von Brautlecht zu leisten. Die Lage spitzte sich zu, als der Hauptgesellschafter der drei Firmen nicht mehr bereit war, weiteres frisches Geld in das Unternehmen zu stecken. Hinzu kam ein drastischer Umsatzeinbruch der deutschen Möbelhersteller, die 2001 bis zu 20 Prozent Umsatzrückgänge zu verzeichnen hatten; 100 Firmen gingen pleite. Besonders bitter war der Januar 2002, als Möbelkäufer in einen "Kaufstreik" traten und der Branche Umsatzrückgänge von bis zu 30 Prozent bescherten. Am 5. März 2002 flog der Insolvenzverwalter nach Italien, um zwei Unternehmer aus der Möbelbranche von der Übernahme der Firma zu überzeugen. Im Zuge der Rettungsmaßnahmen war die Brautlechtgruppe gesplittet worden. Handschuh versuchte jeweils für die Brautlecht GmbH sowie die Allegro GmbH Investoren zu finden. Insgesamt beliefen sich die Schulden der Gesellschaft damals auf 6,2 Millionen Euro, dem gegenüber standen Forderungen in Höhe von 2,5 Millionen Euro. Um den Betrieb der Brautlecht GmbH mittelfristig am Laufen halten zu können, wurden zwei Millionen Euro benötigt. Doch die Gespräche in Italien scheiterten. Jetzt interessierte sich die ganze Möbelbranche für den Fall der Brautlecht-Gruppe. Ein Hoffnungsschimmer zeichnete sich am 22. März 2002 ab: Handschuh und Vertreter der MVG Vogelrieder Möbelcollection GmbH mit Sitz in Gönn bei München unterzeichneten einen Vorvertrag mit Übernahmeregelungen. Der Investor hatte es auf die anerkannten Namen und Kollektionen beider Firmen abgesehen. Vogelrieder wollte sowohl Brautlecht als auch Allegro aus der Insolvenzmasse heraus aufkaufen, was den Neuanfang beider Unternehmen bedeutet hätte. Für die Mitarbeiter glich die Nachricht einer Hiobs-Botschaft. Nur neun der 37 Beschäftigten sollten ihren Job behalten, die übrigen Mitarbeiter - darunter die Lehrlinge - blickten einer ungewissen Zukunft entgegen. Am 17. April 2002 kam dann die Meldung, dass dieÜbernahme von Brautlecht durch Vogelrieder gescheitert war. Das bayrische Unternehmen war überraschend aus dem Vorvertrag ausgeschieden. Schon in den ersten Tagen hatten die Bayern vor kalkulatorischen Problemen gestanden. Lieferanten forderten 50 Prozent der Auftragssumme als Vorauszahlung, ein weiter Lieferant fiel ebenfalls in die Insolvenz. Laut Handschuh wäre Vogelrieder binnen sechs bis acht Wochen in ein 800 000 Euro tiefes Liquiditätsloch gefallen. Der Insolvenzverwalter präsentierte mit einem lachenden und einem weinenden Auge einen neuen Vertragspartner - die Potthoff Sitzmöbelwerke aus Schöppingen bei Münster. Potthoff kaufte am 19. April 2002 den vorhandenen Auftragsbestand auf und wollte die Brautlecht-Kollektion gestrafft weiterführen. "Vogelrieder hatte ein besseres Angebot gemacht", so der Jurist. Er hatte die Brautlecht GmbH zu deutlich schlechteren Konditionen an den neuen Vertragspartner abgeben müssen. Denn Im Frühjahr/Sommer 2002 waren kaum noch Mitbewerber da, die bereit waren, insolvente Betriebe zu übernehmen. Elf Mitarbeiter, darunter zwei Auszubildende, waren inzwischen bei anderen Unternehmen untergekommen. Drei weitere wurden von Potthoffübernommen. Die übrigen Mitarbeiter sollten in eine Beschäftigungsgesellschaft gehen. Am 27. Juni 2002 wurde in der Schlingmühle die Geschäftsausstattung der Firma versteigert. Rund 250 Posten wurden aufgerufen - vom Kaffeeautomaten bis zum Opel Kombi. Das Versteigerungshaus Günter Baumert aus Seelze brachte sie alle unter den Hammer. Am 12. Juli 2002 gab's dann noch ein Brautlecht-Nachspiel: Die Firma Potthoff musste ihrerseits Insolvenz anmelden. Immerhin: Brautlecht betraf das nur noch mittelbar. Das Buchholzer Verfahren war durch Bankbürgschaften abgesichert. Dass der Name Brautlecht auf Dauer erhalten bleiben könne, bezweifelte der Jurist allerdings schon damals. Damit sollte er am Ende recht behalten ...

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