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Einfach mal Knöpfchen drücken: „Let’s Juke“ im Eulenburg-Museum Rinteln

Boxen, Beats und bunte Bubbles: Die Musik sah mal richtig gut aus…

Rinteln. Also, das ist frech. Klebt doch die Stones-Zunge wie selbstverständlich am Plexiglas-Revers des Polyhymats 80 C. Wenn sich’s nicht um die erste vollautomatische Musikbox aus DDR-Produktion handeln würde, wäre das keine Erwähnung wert, so aber schon. War es im Sozialismus nicht bei Strafe verboten, die Rolling Stones zu hören? Diese Zunge hätte das Zünglein an der Waage gewesen sein können, um die Staatssicherheit auf den Plan zu rufen. „You can‘t always get what you want“. Du kannst nicht alles haben, was du willst. Pustekuchen. Musik kennt kein Regime.

Mehr als nur eine Juke Box: Die Wurlitzer 800 eröffnete die Ära der „bubble tubes“ (Blasenröhren).
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Freilich ist es möglich, dass der weltberühmte Waschlappen als Erkennungszeichen der noch weltberühmteren Rockband erst später auf die Musikbox gepappt wurde, als Erich Honecker und Konsorten schon ebenso wenig zu retten waren wie das ganze übrige Elend im sozialistischen Nachbardeutschland. Sei’s drum, die Stars der Ausstellung „Let’s Juke“, die im Rintelner Eulenburg-Museum bis zum 1. Mai Musikboxen der dreißiger bis siebziger Jahre zeigt, sind ohnehin andere. Die Wurlitzer 800 zum Beispiel, im Grunde eine Art Monstermusikbox mit viel Holz und Farbe, ganz nach Amiart im Maxiformat. Schon 1940 war dort drüben weit im Westen eben alles viel größer als im popeligen Europa. Waren es doch die US-Amerikaner, die mit der Wurlitzer 800 die Ära der sogenannten „bubble tubes“ eröffneten. In beleuchteten und mit Wasser gefüllten Röhren steigen Blasen auf, sodass zum Hörgenuss auch noch ein optischer Reiz hinzugefügt wird. Angesichts der Schallplatten, die sich mitunter in diesen Automaten noch heute finden, war das auch bitter nötig. Pat Boones „I’m in love with you“ konnte man sich damit später irgendwie noch schönsehen, was sich vom Schönsaufen nicht so wesentlich unterscheidet.

Die Wurlitzer 800 war mehr als eine Musikmaschine. Sie war ein ultragelungener Nachfolger der 1938er 600 A, ein Statussymbol für Lokale. Wer die 800er erstand, machte von einem Tag zum anderen seine kleine Spelunke zum besten Haus am Platze. Zwei Cola-Whiskey, bitte. Und Titel B 15. „Red River Rock“. Hört sich gar nicht so übel an, aber wer zum Teufel sind eigentlich Johnny And The Hurricanes?

Ja, Foreigners zum Ultra-Hit besungener „Juke Box Hero“ trifft hier nicht selten auf Musiker zu, die wie ein Komet am Horizont auftauchten und sogleich auch wieder verglühten. Und so blättern sich Besucher mit Begierde durch die Listen der immer noch schönen Rock-Ola Princess Royal, wie sie einst in den Kneipen und später im Schankraum von Sportvereinen gestanden hat. Das ist lange her, fürwahr, denn als Plattenspieler und Tapedecks für den Hausgebrauch bezahlbar waren, da endete die Ära der Musikboxen ziemlich fix. Ende der siebziger Jahre war es schon längst um sie geschehen; nach und nach starb ein Stück Kulturgeschichte, auf die die Sonderausstellung im Eulenburg-Museum an der Klosterstraße in Rinteln zurückblickt.

Stilecht: Mit Zeitschriften und Mobiliar aus der guten alten Zeit passen die Jukeboxen so recht ins Bild.
  • Stilecht: Mit Zeitschriften und Mobiliar aus der guten alten Zeit passen die Jukeboxen so recht ins Bild.
Großer Billardtisch,coole Typen und ’ne Braut vor der Wurlitzer-Box: Eine typische Szene aus den Vereinigten Staaten von A
  • Großer Billardtisch,coole Typen und ’ne Braut vor der Wurlitzer-Box: Eine typische Szene aus den Vereinigten Staaten von Amerika.
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Stilecht: Mit Zeitschriften und Mobiliar aus der guten alten Zeit passen die Jukeboxen so recht ins Bild.
Großer Billardtisch,coole Typen und ’ne Braut vor der Wurlitzer-Box: Eine typische Szene aus den Vereinigten Staaten von A
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Schöne Zeiten waren das. „Haste man ’nen Groschen, haste mal ’nen Groschen für die Musikbox“ intoniert Heinz Erhardt im Film „Mein Mann, das Wirtschaftswunder“ 1961. Ein Groschen war viel Geld, aber das machte nichts. Der Sound dieser Anlagen – davon können sich Besucher in der Eulenburg selbst überzeugen – war wunderbar und sorgte für durchtanzte Nächte schon zu Zeiten, in denen der Rock’n’Roll noch nicht geboren war. Später dann gab’s schon mal Gerangel um die Songauswahl. Och, nicht schon wieder die olle Schlagerballade. Nimm doch mal C 12. C 12? „Tonight’s The Night“ von Rod Stewart. Schon besser.

Sehen und hören: „Let’s Juke“ entführt die Besucher ohne Effekthascherei in gute, alte Zeiten und zeigt, wie unterschiedlich die Modelle waren. Während die modernen, schweren Wurlitzer-Boxen schon in den vierziger Jahren vollautomatisch funktionierten, war in der DDR noch 1964 Handarbeit notwendig. Die Sachsenklang M 3 hatte 40 Schlitze, in denen die Schallplatten steckten. Für eine entschied man sich, steckte sie schließlich in den 41. Schlitz (der einzige, der waagerecht angeordnet war), und schon erklang die Musik. Zu sehr später Stunde vielleicht sogar die Stones, mit denen man sich dann für ein paar Takte lang in die Freiheit tanzte und Honni die Zunge rausstreckte.

„Let’s Juke“, Musikboxen der 30er bis 70er Jahre, Sonderausstellung im Eulenburg-Museum Rinteln, Klosterstraße 21, Info- 0 57 51 / 4 11 97; Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 14 bis 17 Uhr

Musikbox aus der DDR: Die Sachsenklang M 3 war, wie man unschwer erkennen kann, kein bisschen automatisch.

Fotos. ey

Kleine Theke, Cola-Whiskey und ’ne Rock-Ola: In den fünfziger und sechziger Jahren wusste man in Deutschland stilecht zu feiern.

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