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Dr. Stefan Luft referiert im Mittagsgespräch der Adenauer Stiftung / Ausländer deutlich benachteiligt

Bildung als Schlüssel zu einer besseren Integration

Bückeburg (kk). Zuwanderer und ihre Kinder haben in der Bundesrepublik deutlich schlechtere Bildungs- und Berufschancen als Deutsche, junge Migranten sind häufiger gewalttätig, werden aber auch häufiger Opfer von Gewalttaten. Einen Ausweg aus dieser Misere - nicht nur im Interesse der Betroffenen sondern im Interesse der Gesellschaft - sieht Dr. Stefan Luft in einer Bildungsoffensive. Dabei dürfe die Sprachförderung nicht allein stehen, vielmehr müssten vielfältige Alltagskontakte ermöglicht werden. Somit werde Integration zu einer Aufgabe für alle Schichten der Gesellscha ft.

Den Referenten eingerahmt: Jörg Jäger (l.) und Friedel Pörtner (

Der Bremer Politikwissenschaftler war gestern im Hotel Ambiente Referent des Bückeburger Mittagsgesprächs der Konrad Adenauer Stiftung. Luft hat sich mit viel zitierten Veröffentlichungen zur Ausländerpolitik einen Namen gemacht. Die gestrige Veranstaltung trug den gleichen Titel wie sein jüngstes Werk: "Abschied von Multikulti - Wege aus der Integra tions krise". Luft gelang es in der Kürze der Zeit eindrucksvoll, viele durchaus bekannte Facetten der Problematik zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Seine Lösungsansätze dürften bei den 100 Zuhörerinnen und Zuhörern für viel Diskussionsstoff, zumindest aber für neue Denkanstöße, gesorgt haben. Seit 1961 hat sich die Zahl der Zuwanderer mehr als verzehnfacht. Wurden in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhundert gut 700 000 Ausländer gezählt, sind es heute 7,3 Millionen. Nicht in dieser Zahl enthalten sind die 1,1 Million Menschen mit Migrationshintergrund, die seit dem Jahr 2000 eingebürgert wurden. Und noch eine interessante Zahl nannte der Referent: Bei den Kindern unter fünf Jahren liegt der Ausländeranteil in einigen Städten wie Nürnberg oder Frankfurt bei über 65 Prozent. Grund: Die Geburtenrate bei den ausländischen Mitbürgern steigt, bei den Deutschen sinkt sie. Wären die Migranten gleichmäßig über alle Gesellschaftsschichten, Stadt- und Landesteile verteilt, würde es möglicherweise überhaupt keine Probleme geben. Doch die Realität sieht bekanntlich anders aus. In Deutschland wurde, anders als in typischen Einwanderungsländern wie Kanada oder Australien, die Zuwanderung nicht nach Qualifikation gesteuert. Es wurden vielmehr billige Arbeitskräfte für einfache Tätigkeiten ins Land geholt. Die blieben besonders in den Großstädten auch noch unter sich, sogenannte ethnische Kolonien entstanden. Hieraus ergeben sich Probleme nicht nur für Kinder und Jugendliche: Das Erlernen der deutschen Sprache wird erschwert, der Zugang zu höherer Bildung und qualifizierten Berufen fast unmöglich, wenn zuhause oder im Viertel nur in der Muttersprache gesprochen wird. Zusätzliche soziale Brennpunkte entstehen dadurch, dass besonders viele Migranten in Stadtvierteln leben, in denen auch viele arme Deutsche wohnen. Solche nach außen hin durchaus als "bunt" geltenden Stadtteile erweisen sich immer häufiger als Sackgasse und nicht als Durchgangsstation in ein besseres Leben - für Migranten und für Deutsche. Ein Problem sind dabei Schulen mit hohem Ausländeranteil. Diese müssten nach Auffassung von Dr. Stefan Luft ganz besonders gefördert werden. Er nannte neben einer überdurchschnittlichen Ausstattung mit qualifiziertem Personal auch kostenlose Nachhilfe oder Patenschaften. Nur so könne die Chancengleichheit verbessert werden. Vielleicht würden dann auch deutsche Eltern, die sonst durchaus "Multikulti"-Ein flüsse in der Gesellschaft zu schätzen wüssten, ihre Kindern nicht mehr extra an einer Schule mit besonders niedrigem Ausländeranteil anmelden. Der schlechtere Zugang für Migrantenkinder zur Bildung lässt sich auch in Zahlen festmachen: 40 Prozent aller Jugendlichen mit ausländischem Pass bleiben nach ihrer Schulzeit ohne jede Ausbildung, bei den deutschen Jugendlichen sind es "nur" 15 Prozent. Aber Qualifikation ist nun einmal für die Integration in einen anspruchsvoller werdenden Arbeitsmarkt von größter Bedeutung. Eine Ausweg aus dieser verfahrenden Situation bietet nach Ansicht des Referenten nur eine groß angelegte "Bildungsexpansion" als Aufgabe für den Staat, aber auch für alle Gesellschaftsschichten. Doch dieser Weg führe nur dann zum Ziel, wenn die Migranten auch bereit seien, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. "Anpassung ist dabei eine wichtige Voraussetzung," so Luft. Motivierend seien dafür in erster Linie vielfältige soziale Kontakte - eine Herausforderung für die Gemeinschaft und eine zentrale Frage der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

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