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Achim Reichel im Interview: Er setzt seine Tour „Solo mit Euch“ fort / Konzert in Bad Nenndorf

„Bewusst einen Hit landen geht bei mir nicht“

Bad Nenndorf. Seit 49 Jahren steht er auf der Bühne. Singt seine Lieder und erzählt Geschichten dazu. Mal mehr, mal weniger, denn eigentlich geht es ja immer um die Songs. Normalerweise. Aber wenn man mit den Stones und den Bee Gees getourt ist, Bo Diddley und Little Richard getroffen hat, die einzige Beatles-Deutschlandtournee begleitet hat, zwischendurch mal Pächter des legendären Star Clubs war oder auch ein ganzes Jahr für den NDR unterwegs war, dann gibt es ganz schön was zu berichten. Und das macht Achim Reichel am Liebsten auf der Bühne – auch am 30. Oktober in Bad Nenndorfs Wandelhalle. Denn die erfolgreiche Tournee „Solo mit Euch“ findet jetzt eine Fortsetzung. Ralf Koch sprach mit dem Hamburger Urgestein.

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Ein spannendes Unterfangen, was Du Dir da ausgedacht hast! Und schön!

Ja, das ist auch für mich schön – und fast wie ein kleines Wunder für mich selbst auch. Wir haben ja immerhin gedacht, wenn Du mal 30 wirst, musste Dir aber mal einen richtigen Beruf suchen. Dass einen Musik durch das ganze Leben tragen kann, und zwar ohne mit der Brechstange auf Mainstream gemacht zu haben, das ist schon interessant.

Obwohl Du ja durchaus auch Hits landen konntest!

Ja, und rückblickend wird deutlich: Immer wenn ich versucht habe, bewusst einen Hit zu machen, dann hat es nicht geklappt. Und die Hits, die da waren, sind ganz zufällig entstanden. Wenn ich zum Beispiel meinen kommerziell größten Hit „Aloha Heja He“ nehme – das war ja eine ganz alte Nummer, die hab ich in einem Umzugskarton wieder gefunden und dachte: ,Och, das neue Album ist zwar schon fertig, aber lass mich doch mal sehen, ob wir daraus nicht auch noch was machen können.‘ Dann hab ich mir schnell einen Text einfallen lassen und den einfach mal mit aufgenommen. Kann ja nicht schaden. Aber wenn man wirklich versucht, clever zu sein, Formate zu berücksichtigen, das ist fast nie was geworden. Ganz am Anfang hat das noch geklappt mit „Come on and sing“, aber das war ja auch nur ein Liedchen, das ist ja auch völlig unbedarft entstanden. Aber später meinte man ja, dazu gelernt zu haben. Was man sich da alles selber in den Weg gelegt hat… (lacht).

Du beginnst das Konzert mit der Ansage: „Dies ist ein etwas anderes Konzert“. Dabei warst Du doch schon immer auch Entertainer, oder?

Ja, aber bei den „normalen“ Konzerten passiert es immer wieder, dass wenn man mal zu ausschweifend wird, und Anekdoten auskramt, Zwischenrufe kommen. „Hey, sabbel nicht so lang rum, mach mal weiter.“ Andere fanden das auch immer schon interessant, also hab ich gedacht, dieses Storyteller-Konzept wäre doch auch mal etwas. Ist ja mehr eine Mischung aus Lesung und Konzert.

Das Album klingt, als wenn Du keine Lust hättest, Deine Autobiografie zu schreiben. Als Musiker und Entertainer nimmst Du das einfach auf und veröffentlichst das auf CD. „Mein Leben – das Hörbuch“ sozusagen…

Da ist durchaus etwas dran. Ich hab mich zwar immer noch nicht ganz davon verabschiedet, mir vorzunehmen, so etwas noch zu machen, aber dafür bin ich noch zu unruhig, zu hibbelig. Musik ist für mich schneller formbar als Texte. Und wenn ich anfange etwas zu schreiben, dann überlege ich bei jedem Satz, wie ich ihn am besten schreibe. Das würde für eine Biografie zu anstrengend werden… (lacht)

Die Laufzeit einer CD ist ja begrenzt. Inwieweit sind das jetzt die erzählenswerten Highlights und inwieweit wird das bei den nächsten Konzerten noch ergänzt durch ganz andere Geschichten?

Als ich im vergangenen Jahr mit diesem Konzept anfing, wusste ja noch keiner, was man machen kann. Und erst während der Tournee merkte ich, dass das ankam. Und es dauerte auch mehrere Abende, bis ich wusste, wie ich die Sachen wirklich am besten erzählen kann. Den Gedanken, dieses Konzept aber jetzt noch einmal ganz anders fortzusetzen, kann ich verstehen – aber weil ohnehin jeder Abend ein bisschen anders ist als alle anderen, werden auch in diesem Jahr dieselben Zutaten einfach neu gemischt.

Rundes Bühnenjubiläum hast Du ja erst nächstes Jahr – wie legst Du denn da jetzt noch einen drauf?

Puh, das hab ich mir noch gar nicht überlegt. Es war mir auch gar nicht bewusst, ehrlich gesagt. Aber das stimmt, die ersten Auftritte mit den Rattles waren 1961. Die Kollegen feiern das ja auch schon dieses Jahr, sogar mit einem neuen Album. Aber dazu werde ich mich jetzt nicht äußern.

Wäre das nicht sogar eine Option gewesen, dass Du diese Jubiläumstour mitmachst?

Nee, das ist ja Teil des Problems. Ich will das gar nicht. Guck doch, was ich seit den Rattles alles an verschiedenen Projekten gemacht habe. Das alles hätte ich mit der Band nie hingekriegt, dafür braucht es verschiedene Musiker, verschiedene Einflüsse, weniger Demokratiegequatsche. In einer Band kann es eben schnell mal passieren, dass da drei Leute vor Dir stehen und sagen: ,Ja ja, Achim, wir wissen, dass Du den Song nicht gut findest, aber wir drei wollen ihn, also sing ihn!‘ Und das war nichts für mich. Diese frühen sechziger Jahre waren meine musikalische Kinderstube, die hat wichtige Weichen gestellt, ohne die Zeit hätte all das andere später so nicht stattgefunden. Aber wir waren kleine Jungs und da kann man nicht den Rest des Lebens dran festhalten, da muss man sich musikalisch weiterentwickeln.

Gibt es denn schon Pläne für weitere Projekte?

Nein. Nach so einem Ding hab ich mir auch erstmal ’ne Pause verdient. Aber mal sehen, ich bin ja immer offen – und ruckzuck stehe ich schon wieder bis zu den Knien in der nächsten Arbeit. Wir werden sehen!

Achim Reichel: „Solo mit Euch: Meine Musik, mein Leben – gesungen und erzählt“, Samstag, 30. Oktober, 20 Uhr, Wandelhalle Bad Nenndorf

Seit 49 Jahren ist Achim Reichel im deutschen Rock- und Popbusiness erfolgreich. In eine künstlerische Schublade stecken lässt er sich nicht, auf Hits hatte er es nie abgesehen – wie auch, wenn man unter anderem Eichendorff vertont. Trotzdem: Reichel gehört zu den erfolgreichsten Musikern in Deutschland.

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