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DRK-Bereitschaft hilft bei Einrichtung der Flüchtlingsunterkunft in Hameln

Belastungsprobe für Helfer

Bad Münder. Es waren anstrengende Tage für die Mitglieder der DRK-Bereitschaft Bad Münder, die seit Sonnabend beinahe rund um die Uhr in der Hamelner Linsingen-Kaserne die ankommenden Flüchtlinge betreuen. Der Einsatz ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastungsprobe für die Freiwilligen, wie der mündersche Bereitschaftsleiter Matthias Wenzel im NDZ-Gespräch sagt. Ein Ende ist noch nicht abzusehen.

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Autor:

Mira Colic

Die Nacht von Montag auf Dienstag hat Wenzel in seinem Einsatzleitwagen verbracht, viel geschlafen hat der 28-Jährige nicht. Denn um kurz nach 21 Uhr sind 242 Flüchtlinge – aus Syrien, Afghanistan, dem Sudan, dem Kosovo und aus Ghana – an der Kaserne angekommen, darunter 40 Kinder. Die Hilfesuchenden mussten registriert und untersucht werden. „Bei der Ankunft haben sich dramatischen Szenen abgespielt, die wir in unserer Wohlstandsgesellschaft so nicht kennen“, erzählt Wenzel betroffen, „die Menschen haben sich regelrecht auf das Essen gestürzt.“ Rund 100 Mitglieder des DRK-Kreisverbands Weserbergland und Freiwillige aus dem Bereich Hannover kümmern sich vor Ort um die teils vollkommen geschwächten Flüchtlinge. Die Bereitschaft Bad Münder organisiert sich zusammen mit der Bereitschaft Bakede im 2. Einsatzzug des Landkreises. „Die münderschen Freiwilligen stellen hier momentan rund ein Viertel der Einsatzkräfte“, sagt Wenzel, der als Leiter der Einrichtung fungiert, in der momentan knapp 300 Menschen leben.

Bereits am Sonntagabend waren 93 Kriegsflüchtlinge in der Linsingen-Kaserne einquartiert worden. Weitere 500 könnten noch kommen, wie Landrat Tjark Bartels bereits angekündigt hat. „Für 800 Menschen böte die ehemalige Kaserne Platz“, sagt Wenzel.

Die Situation der Flüchtlinge sei auch für die Freiwilligen schwer zu verkraften. „Wir haben jetzt die psychosoziale Notfallversorgung dazugeholt, weil die Helfer am Ende ihrer Kräfte waren.“ Man wolle nicht die Gefahr eingehen, dass gerade die weniger Erfahrenen „irgendwann zusammenbrechen“, sagt der Bereitschaftsleiter.

In seiner Funktion kümmert sich der 28-Jährige um alles Organisatorische, „wenn ich Feldbetten brauche, gebe ich das an die Stabsstelle weiter, die die Beschaffung übernimmt“, erklärt der Medizinstudent, der momentan Semesterferien hat. Die Münderaner sind auch in der Verpflegungsgruppe beteiligt. „Wir achten auf eine hochwertige und kalorienreiche Ernährung, damit die geschwächten Körper der Flüchtlinge Energie tanken können“, so Wenzel. „20 Prozent der Hilfesuchenden sind extrem ausgemergelt und sehr geschwächt“, sagt Dr. Jörg Meckelburg, Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes. Viele seien über Tage Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Das sehe man ihnen an. Manch einer müsse unterwegs Hunger gelitten haben.

Der Einsatz der Münderaner musste kurzfristig organisiert werden. „Die Nachricht, dass die Flüchtlinge nicht wie angekündigt am Dienstag eintreffen, sondern bereits am Sonntag, hat uns am Freitagabend gegen 22.30 Uhr erreicht. Da standen wir vor der zusätzlichen Schwierigkeit, dass die Großeinsatzübung am Ith für Sonnabend angesetzt war“, erklärt Wenzel. Die Einsatzkräfte mussten schnell reagieren: Installateure mussten die abgeschaltete Heizung wieder in Betrieb nehmen, eine Putzkolonne die seit Monaten leer stehenden Gebäude reinigen, ein Sicherheitsdienst gefunden werden.

Am Sonntagmorgen wurden 350 Feldbetten, Wolldecken und Kopfkissen aus Hannover geholt und mit Unterstützung von Feuerwehrleuten der Kreisbereitschaft West in den Wohnblöcken aufgestellt. Das Gesundheitsamt musste das Trinkwasser untersuchen, die Großküche in der Kaserne reaktiviert werden. „Als am Sonntag die ersten Menschen ankamen, stand die Unterkunft“, so Wenzel.

Jeder Flüchtling hat eine Hygienepaket mit Zahnbürste, Zahnpasta und Ähnlichem erhalten. Bettina Lindström, Verantwortliche für den Bereich der DRK-Shops, kümmert sich jetzt um die Versorgung der Ankommenden mit Kleidung. Wenzel: „Wenn wir verreisen, haben wir ja meist einen Überseekoffer dabei, die Menschen hier haben kaum mehr als das, was sie am Körper tragen.“

Auch für die Sicherheit hat das DRK gesorgt: Security-Leute haben die Wache am Haupttor besetzt und eine Überwachungskamera installiert. Das Ende des Einsatzes sei endlich, „eine Woche oder eineinhalb, mehr geht nicht“, sagt Wenzel. Jetzt seien hauptamtliche Kräfte gefordert – und dies nicht nur, weil viele Arbeitgeber, auch bei großen Betrieben, trotz der Zahlung des Verdienstausfalls nicht bereit seien, ihre Mitarbeiter freizustellen. „Dabei ist das hier keine Spaß-Veranstaltung; wir leisten humanitäre Hilfe vor Ort.“(mit ube)

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