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Beim Abi-Ball nichts dem Zufall überlassen

Aufgeregt zupft Alexandra mit einer Hand an ihrem Kleid herum. In der anderen hält sie einen kleinen Rosenstrauß, den ihr Tanzpartner ihr geschenkt hat. Passend zum Kleid versteht sich. Immer wieder dreht sie sich zu einer Freundin um, damit sie sich gegenseitig das Make-up und die Frisur kontrollieren können.

Dass sie auch ganz anders können, haben die Abiturienten schon v

Von Lena-Christin Ohm

An diesem Abend wird nichts dem Zufall überlassen, alles muss bis ins letzte Detail perfekt werden. Und dann ist es auch schon so weit, aus den überdimensionalen Lautsprechern ertönen Fanfaren und Trommelwirbel, wie man sie aus dem Filmvorspann von 20th Century kennt. Langsam setzt sich die Reihe der nervösen Abiturientinnen in Gang. Vorsichtig schreiten sie die Treppe hinunter, eifrig darauf bedacht, der Vorderfrau bloß nicht auf die Schleppe zu treten und selbst nicht zu fallen, denn das wäre der absolute Super-GAU an einem Abend wie diesem. In der Mitte der Bühne empfängt sie dann ihr nicht minder aufgeregter Tanzpartner, der sie elegant durch den Saal führt.

Zuerst flaniert man als Paar gemeinsam an den Tischen der Eltern und Lehrer vorbei, dann getrennt, zwischendrin wieder allein - eine ausgefeilte Choreografie, die Elemente wie „Fächer“ und „Schiebetür“ ihr eigen nennt, und die minuziös geplant worden ist. Danach folgt der gemeinsame Ehrenwalzer, bei dem selbst der ungeschickteste Tollpatsch wie ein vollendeter Tänzer wirkt – nach vielen mühsamen Tanzstunden, versteht sich.

Solche Szenen kannte man früher nur aus amerikanischen Teenie-Serien, in denen der Prom-Ball zum wichtigsten Ereignis des jungen Erwachsenenlebens hochstilisiert wurde. Mittlerweile ist der Aufwand für den Abschlussball aber auch in Deutschland dramatisch gestiegen – zusammen mit den Kosten für ein paar Stunden Glanz und Glamour. Während die Abiturienten noch in den achtziger und neunziger Jahren durch löchrige Jeans und Schlabberpullis ihre vermeintliche Unangepasstheit demonstrierten, wenn sie ihrer Schule ade sagten, stand für Sarah Marie Schnüll und ihren Abiturjahrgang vom Viktoria-Luise-Gymnasium schon früh fest, dass der Abiball ein unvergessliches Ereignis werden soll. „Natürlich haben wir uns den Abend schon seit Ewigkeiten ausgemalt“, erklärt die Abiturientin. Gerade in den letzten Wochen seien die Gedanken immer häufiger zum großen Fest am 26. Juni geschweift, besonders, weil noch einige Kleinigkeiten zu erledigen seien.

Um den Rest kümmert sich das Team der Gastronomie Mittendorf um Karl-Jörg Mittendorf, was für die Abiturienten sehr angenehm ist. Doch diesen Allroundservice bieten nicht viele, sonst würde es Eventmanager mit dem Spezialgebiet Abiball nicht geben. Olaf Schulz von Event Berlin ist seit acht Jahren einer dieser Planer, dessen Spezialität Abibälle sind. Er macht die Träume der Abiturienten von Limousinen, Eisskulpturen und Festen wie aus Hollywood wahr. „Die Schüler haben erkannt, dass ihr Schulabschluss etwas ganz Besonderes ist“, erklärt Schulz dieses neue Phänomen, „und sie wollen ihn so feiern, wie sie es aus den amerikanischen Fernsehserien kennen.“

Klassisch soll es sein, bitte bloß nicht zu flippig oder ausgefallen – konservativ eben. Plötzlich zählt also, was man dreizehn Schuljahre lang (oder noch länger) nach Kräften vermied: zeitloser Stil und tadellose Etikette. Für ein paar Stunden sind alle Mädchen elegante Prinzessinnen im Märchenkleid und die Jungen formvollendete Gentlemen, die ihrer Auserwählten zum Kleid passende Rosen mitbringen.

Aber was kostet dieser eine „perfekte“ Abend eigentlich? Bei einem Kartenpreis von 26 Euro und 660 Gästen, die bereits eine Karte gekauft haben, kommt man auf stolze 17 160 Euro. Diese Summe muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: siebzehntausendeinhundertsechzig Euro. „Das ist schon sehr viel Geld“, gibt Mats Kiene, Mitglied des Abiball-Komitees zu, aber man habe bei den Kalkulationen eben nicht so sehr auf den Gesamtbetrag, sondern eher auf den Preis der einzelnen Karten geachtet. Mit dieser Kalkulation käme man ohne Zuzahlungen aus und das sei letztlich ja das Ziel. „Außerdem ist es das letzte Mal, dass wir alle so zusammenkommen. Dieser Abend ist ein absolutes Highlight unseres Lebens, da hat sich keiner über den Preis beschwert“, fügt Sarah Marie an.

Aber mit dieser Summe ist nur die Feier bezahlt, also das Buffet, der Sektempfang, die Band, der DJ, die Sound- und Lichtanlage sowie Blumendekoration und Servicepersonal. Natürlich kann man aber auch in all diesen Bereichen noch mehr Extravaganz verlangen. Eine Schule habe sogar zusätzliche 3000 Euro nur für aufwendigere Technik ausgegeben, erzählt Mittendorf kopfschüttelnd. Mittlerweile sei für Abibälle wirklich nichts mehr zu pompös oder zu kostspielig, bestätigt auch der Profi Schulz.

Alles, was die Abiturienten aber sonst noch brauchen, damit ihr Abiball unvergesslich wird, müssen sie noch extra bezahlen. Allen voran das Kleid natürlich, das für viele Abiturientinnen das Wichtigste und Beste des gesamten Abiballs ist. Ab Februar beginnt die fieberhafte Suche nach der passenden Farbe und dem schmeichelnden Schnitt, der die kleinen Pölsterchen verdeckt und die Vorzüge unterstreicht. Zwischen einer und anderthalb Stunden verbringe eine Kundin nach Schätzungen von Ute Hapke ungefähr im Studio Fee, um ihr Traumkleid zu finden. Zwischen 120 und 350 Euro kostet der Traum für einen Abend, zu dem man dann noch passend Schuhe, Tasche und Accessoires erstehen kann. Selbstverständlich muss man nicht alles kaufen - aber man kann. So werden für das Outfit dann mal locker zwischen 200 und 400 Euro ausgegeben. Und nur selten wird der Einkaufsrausch der kleinen Prinzessinnen gebremst. „Die Eltern schauen in dieser Situation nicht so sehr aufs Geld“, weiß Hapke aus Erfahrung.

Und wer ein wundervolles Abendkleid trägt, möchte selbstverständlich auch eine elegante Frisur haben, die beim Friseur gesteckt auch schnell mal 30 Euro kosten und eine bis anderthalb Stunden dauern kann. „Die Mädchen wollen die Haare lockig-romantisch. Ganz klassisch halt“, schildert Jennifer Dudoll vom Frisiersalon Rudoll in Bodenwerder die Ansprüche der Abiturientinnen.

Die jungen Männer machen sich da weniger Gedanken, was Mats Kiene auch unumwunden zugibt. „Wir haben keine Probleme mit Kleidern oder so, und Tanzen haben wir extra vorher noch gelernt – es kann also gar nichts schiefgehen“, gibt sich der Abiturient für Samstag optimistisch. Doch sowohl für Sarah als auch für Mats steht eins fest: Dieser Abend soll unvergesslich werden. Eine Nacht, an die man sich noch jahrelang erinnern wird – so wie es in den amerikanischen Serien immer propagiert wird.

In Zeiten der Wirtschaftskrise und immer größer werdender Armut drängt sich natürlich unweigerlich die Frage auf, ob so ein Abiball wirklich nötig ist. Schließlich könnte man mit dem Geld Hilfsprojekte in aller Welt unterstützen. 408 Kinder in Afrika könnte man für dieses Geld zum Beispiel ein Jahr lang ernähren und zur Schule schicken.

Doch daran denkt in diesem Augenblick natürlich keiner. Weder Alexandra noch ihre Eltern und Geschwister, die ihr glücklich entgegenstrahlen, als sie die Tanzfläche nach Einmarsch und Ehrenwalzer verlässt. Jetzt kann nach all dem Stress die eigentliche Feier beginnen. Eben die Nacht, an die sie sich ihr Leben lang erinnern wird. Und wenn man sie jetzt fragt, ob sich all das Geld gelohnt hätte, reicht allein das glückselige Lächeln als eindeutige Antwort.

Prinzessin für eine Nacht – das Märchen von Aschenputtel kennt jeder. Und zum Abitur-Ball haben jedes Jahr wieder viele Mädchen nur diesen einen Traum. Aber zu welchem Preis?

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