weather-image
17°
Politiker aus der Region bewerten die Zweitstimmen-Ergebnisse

Aus Hameln nach Berlin geschaut

Ungläubig schaut Klaus-Peter Wennemann, Direktkandidat des Wahlkreises für die FDP, kurz nach 18 Uhr auf die erste Hochrechnung: 4,7 Prozent. Dass es für die FDP nicht besonders gut aussieht, hatte er zwar erwartet – nicht aber, dass sie um den Einzug in den Bundestag bangen muss. Sogar CDU-Gegenkandidat Michael Vietz sagt: „Die FDP ist unter Wert rausgekommen.“ Warum, darüber spekuliert Wennemann: „Wir hätten ein eigenes Profil bei der Euro-Schuldenkrise gebraucht“, glaubt er. Die starke Kompetenz bei Wirtschaftsthemen habe die FDP offenbar nicht richtig gut rübergebracht. „Die kompetenten Personen standen nicht in vorderster Reihe“, kritisiert er. Wennemann glaubt allerdings auch, dass viele Wähler zur AfD abgewandert sind. „Vermutlich Rentner, die wegen des Euro Angst um ihre Rente haben.“ Mit jeder Hochrechnung sinkt die Prozentzahl der FDP – und damit die Stimmung von Wennemann. „Es ist fraglich, ob die Spitze mit Rösler und Brüderle gut war“, sagt er etwas später. Dass die Zweitstimmen-Kampagne der CDU die FDP geschwächt habe, glaubt er nicht. „Die letzte Woche war nicht entscheidend, sondern die Niedersachsen-Wahl, bei der zu wenig auf eigene Inhalte gesetzt wurde.“

270_008_6618744_Wahl129_Wal_2309.jpg

Autor:

von andrea tiedemann

Dass die AfD mit der FDP prozentual konkurrieren kann, überrascht selbst Dr. Manfred Otto, der für die neue Partei im Wahlkreis angetreten ist. „Die Leute sind mit den etablierten Parteien unzufrieden“, sagt er. Mit dem Konzept einer reinen „Protestpartei“ sei das Ergebnis aber nicht zu erklären. Dass allerdings rechte Strömungen der AfD in die Hände gespielt hätten, glaubt Otto nicht.

Bei den grünen Vertretern aus der Region gab es gestern verhaltene Stimmung: Mit nur knapp über acht Prozent hatte auch hier keiner gerechnet. „Durch die Pädophilen-Debatte haben wir viel Gegenwind bekommen“, sagt Anja Piel, Fraktionsvorsitzende im Landtag. Die Auseinandersetzung damit sei aber richtig, bloß sei sie „zur Unzeit“ gekommen. Die Steuerpläne der Grünen verteidigte Piel. „Es war die richtige Entscheidung, das Thema Umverteilung anzugehen.“ Das sieht auch Dr. Marcus Schaper, der für den Wahlkreis angetreten war, so. „Das Steuerthema wurde medial umgedeutet“, sagt er. Das Ergebnis der Grünen bezeichnete er als „fürchterlich“. Er glaubt, dass 2009 die Grenzen der Themen klarer abgesteckt waren. „Diesmal war es für die Wähler schwieriger, zwischen den Parteien zu differenzieren.“

Jutta Krellmann, die für die Linken in den Bundestag einziehen wird, war trotz eines recht guten Ergebnisses ihrer Partei überrascht, dass die Deutschen ihre „Kreuze nicht für die soziale Gerechtigkeit gesetzt“ hätten. Dass auch Linke zur AfD als einer „rechtskonservativen Partei“ abgewandert seien, verstehe sie nicht. Weder freudige noch lange Gesichter gab es bei den Piraten, die mit 2,2 Prozent abgeschlagen waren. „Hauptsache, die FDP und die AfD bleiben draußen“, befand das Stadtrats-Mitglied Lars Reineke.

270_008_6618745_Wahl130_Wal_2309.jpg
  • Klaus-Peter Wennemann hat für die FDP gekämpft – vergeblich. fn
270_008_6618847_Wahl141_Dana_2309.jpg
  • Die Direktkandidaten diskutieren auf dem Podium: Jutta Krellmann (Linke), Dr. Marcus Schaper (Grüne), Gabriele Lösekrug-Möller (SPD), Michael Vietz (CDU) und Klaus-Peter Wennemann (FDP). Dana

Neben der FDP gab es allerdings noch eine andere Partei, die an diesem Abend mit Enttäuschung umgehen musste: die SPD, die zwar „Lömö“ feierte, aber sowohl im hiesigen Wahlkreis als auch auf Bundesebene Stimmen verlor. „Das war der Merkel-Effekt“, sagt Ratsherr Werner Sattler. Den Leuten gehe es noch recht gut. „Niemand will während des Ritts das Pferd wechseln.“

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare