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"40 Jahre Städtepartnerschaft - Freunde feiern zusammen": Obernkirchen und La Flèche blicken auf vier Jahrzehnte zurück

Aus der Pioniertat ist längst Freundschaft geworden

Obernkirchen (rnk). Manche Wunde, die das Leben schlägt, verheilt zwar, bleibt aber für immer im Gedächtnis haften. Das gilt auch für den mit Ehrgeiz besetzten sportlichen Bereich. Und so hat Guy-Michel Chauveau ein Fußballspiel vor 39 Jahren nie vergessen. Er musste damals als junger Spund gegen die deutschen Sportbesucher antreten, es wurde eine verheerende Niederlage. Er wisse auch, warum man damals gegen die Obernkirchener Gäste, die zum ersten Mal in La Flèche waren, sportlich untergegangen war: "Wir hatten nicht gedacht, dass abends zuvor so lange Bier getrunken wird." Gestern hatte Chauveau, heute Bürgermeister der Partnerstadt,einen guten Rat für die Jugendlichen, die sich an diesem Wochenende noch sportlich mit den Obernkirchener Gastgebern messen wollen: "Trinkt am Abend vorher Wasser."

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Es war in der Tat eine würdige, aber keineswegs bierernste Jubiläumsfeier, die gestern im Foyer des Schulzentrums die 40-jährige Städtepartnerschaft feierte. Chauveau, aber auch Oberkirchens Bürgermeister Oliver Schäfer und Horst Sassenberg, der in seiner Funktion als stellvertretender Landrat sprach, erinnerten daran, dass vor vier Jahrzehnten durchaus Neuland betreten wurde. Viele Menschen, so Sassenberg, hätten damals die schrecklichen Weltkriege mit ihren vielen Opfer auf allen Seiten noch gut in Erinnerung gehabt; "Verständigung war fast ein Fremdwort". Brücken bauen - dieses Bild zog sich durch alle Reden. Verbindungen festigen, Freundschaften vertiefen, aber auch neue zu knüpfen, ob im Sport, der Kultur, der Feuerwehr, dem Gesangverein, der Politik, vor allem aber der Jugend: Jede Gelegenheit sollte genutzt werden, Menschen anderer Herkunft kennenzulernen, ihre Sehnsüchte, Wünsche und Probleme zu verstehen. Dabei hatten sich die ersten Kontakte schon vor 1968 ergeben, als ein Obernkirchener Quartett auf seiner Reise in den Süd-Osten Frankreichs regelmäßig durch La Flèche fuhr - und sich dabei in das Städtchen nicht nur verliebte, sondern auch im Rathaus vorsprach, um Kontakt aufzunehmen. Herrmann Rendigs vom Deutsch-Französischen Jugendkreis erinnerte daran, dass es Deportierte gewesen seien, die den Deutschen die Hand der Versöhnung gereicht hätten, aus der sich dann eine Freundschaft entwickelt habe. In diesem Geiste sollte auch die europäische Gemeinschaft aufgebaut werden. Fast 450 Gäste waren gestern der Einladung der Stadt gefolgt. Und die Stimmung war vom ersten Moment an schön. Das war vor allem Beate Josten geschuldet, die mit ihrem Partner Wojcieck Zaluk mit ihren gut abgehangenen Chanson-Klassikern die Zuhörer in eine Mitschunkel- und Mitsingstimmung brachte. Als die Partnerschaft ins Leben gerufen wurde, so Schäfer, "damals, im Jahre 1968, haben wir eine Brücke zueinander geschlagen, die in den folgenden Jahren vielfach und auf vielerlei Weise überquert wurde. Die Beziehungen zwischen La Flèche und Obernkirchen sind immer stabiler und verlässlicher geworden und heute gehört unsere Partnerschaft aufbeiden Seiten zum kommunalen Alltag. Gegenseitige Besuche, der gegenseitige Meinungs- und Erfahrungsaustausch, sie haben in beiden Städten einen festen Platz im Kalender". Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sei es in Frankreich und Deutschland nichts Besonderes mehr, Partnerschaften mit Städten aus anderen Ländern zu pflegen, meinte Schäfer: "Das sah damals, als die ersten Kontakte zwischen unseren beiden Städten angebahnt wurden, noch ganz anders aus. Da kamen sich unsere beiden damaligen Bürgermeister Fernand Guillot und Ludwig Gundlach und die Bürger, die das Unternehmen mittrugen, wie Pioniere vor. Wie Pioniere, die Neuland betraten und sich auf unsicherem Boden vorantasteten, um neue Wege zueinander zu finden." Beseelt vom Gedanken der Völkerverständigung und der Überwindung einer leidvollen Vergangenheit, seien vor allem die Bürger aufeinander zugegangen. Sie alle hätten dazu beigetragen, Vertrauen zueinander und Verständnis füreinander zu entwickeln, sie alle hätten ein dichtes Netz auch ganz persönlicher Kontakte geknüpft: "Dieses Ziel, das damals so manchen wie eine ferne Utopie erschien, dieses Ziel ist heute erreicht. Funktionierende Städtepartnerschaften wie unsere sind heute Normalität. Mit allem, was dazugehört. Das schließt ein, dass die Euphorie und der Schwung der Anfangsjahre in ruhigere Bahnen gemündet sind; das heißt aber auch, dass niemand sich mehr scheut, auch mal ein offenes Wort zu sagen. Es ist wie in einer guten Ehe: Das erste Hochgefühl ist dahin, aber man weiß, was man aneinander hat, ist gut aufeinander eingespielt und blickt zusammen nach vorn." Die Partnerschaft zwischen La Flèche und Obernkirchen sei von Beginn an auf die Zukunft gerichtet gewesen. Der Wille, eine bessere, eine friedfertigere Zukunft zu schaffen gewesen, sei das entscheidende Motiv, sich für zwischenmenschliche Begegnungen auf kommunaler Ebene einzusetzen, erklärte Schäfer. Immer wieder habe sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass La Flèche und Obernkirchen es mit ganz ähnlichen Aufgaben und Problemstellungen zu tun hätten: "Sei es nun Stadtmarketing oder Bürgerbeteiligung, Verkehrspolitik oder Wohnungsbau, Integration von Neubürgern oder Umweltschutz - wir alle suchen hier nach neuen Lösungen. Jede Gemeinde ist froh, Anregungen zu bekommen; und gerade wir, die wir Partnerschaften mit Gemeinden anderer Länder pflegen, wissen, wie wertvoll der Blick über den Tellerrand sein kann." Denn wer aufgeschlossen dafür sei, wie Menschen, die mit anderen Sitten und Gebräuchen aufgewachsen sind, an die Dinge herangehen, der könne eine Menge erfahren. Wer sich damit auseinandersetzt, wie der Alltag in anderen Ländern bewältigt wird, werde stets seinen Horizont erweitern. Schäfer: "Weltoffenheit ist heutzutage auch für kleine Gemeinden ein unverzichtbares Markenzeichen. Wie Freundschaften oder Ehen wollen auch Städtepartnerschaften gepflegt sein, und deshalb dürfen wir sie trotz aller Routine, die sich mittlerweile entwickelt hat, nicht als reine Routineangelegenheit ansehen." Insbesondere müsse es jeder Generation aufs Neue ermöglicht werden, Kontakte zu knüpfen und ganz unmittelbar in Gastfamilien zu erleben, wie der Alltag in einem anderen Land aussehe und welche Fragen die Menschen dort bewegen: "Jede Generation braucht die Erfahrung, sich auf andere Denkweisen und Lebensgewohnheiten einzulassen und Toleranz zu entwickeln", so Schäfer.

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