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Aus dem Hamsterrad der Hektik steigen

Hirnforscher sind heute dem Geheimnis dieses scheinbaren Widerspruchs auf der Spur. Sie wissen, dass das Kraftwerk in unserem Kopf in Phasen des Nichtstuns keinesfalls träge ist. Und sie vermuten, dass unser Gehirn in diesem Leerlauf-Modus in sich selbst spazieren geht, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und so neue Zusammenhänge zwischen gespeicherten Fakten herstellen kann.

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Autor:

Brigitte Niemeyer

Hirnforscher sind heute dem Geheimnis dieses scheinbaren Widerspruchs auf der Spur. Sie wissen, dass das Kraftwerk in unserem Kopf in Phasen des Nichtstuns keinesfalls träge ist. Und sie vermuten, dass unser Gehirn in diesem Leerlauf-Modus in sich selbst spazieren geht, frische Verbindungen zwischen Nervenzellen knüpfen und so neue Zusammenhänge zwischen gespeicherten Fakten herstellen kann. Geist und Seele, das haben zahlreiche wissenschaftliche Studien längst bewiesen, profitieren davon, wenn wir gelegentlich aus dem Hamsterrad der Geschäftigkeit aussteigen und ganz bewusst in eine entschleunigte Parallelwelt eintauchen.

Wir investieren viel Zeit in die Mehrung oder Sicherung unseres materiellen Wohlstandes. Und sehnen uns gleichzeitig nach einem Mehr an Lebensqualität durch Muße und weniger Stress, nach mehr Zeit für Freunde und Familie. Wissenschaftler haben längst herausgefunden, was der Philosoph Richard David Precht in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“, in einem einzigen Satz zusammenfasst: „Wir brauchen nicht mehr Zeug, wir brauchen mehr Zeit.“

Die Freizeitindustrie hat dieses Unbehagen vieler Menschen an der immer rasanter fortschreitenden Beschleunigung in allen Lebensbereichen längst als Marktlücke entdeckt – und füllt sie mit immer neuen Angeboten. Einschlägige Ratgeber nehmen mittlerweile gefühlte 15 Meter in den Regalen der Buchhandlungen ein. Wer sie alle lesen will, braucht verdammt viel Zeit. Die Tourismusbranche will uns für teures Geld Entspannung pur verkaufen und lockt zum Angeln in die Schären vor Stockholm oder zur Naturerfahrung unter Anleitung nach Österreich. Hotels überbieten sich mit „Wellness-Oasen“ „entspannter Atmosphäre“ und „Genießen in der ruhigen Atmosphäre eines gepflegten Ambiente“. Wer mithalten will, muss sich tüchtig abstrampeln, damit er die neuesten Entschleunigungs-Trends nicht verpasst. Oder er muss seinen Kopf einschalten und sich bewusst machen, dass Ruhe und Entspannung ohne Verzicht nicht zu haben sind; dass man nichts versäumt, wenn man sich aus der Fülle der tatsächlichen oder vermeintlichen Möglichkeiten für eine einzige entscheidet und alle anderen unbeachtet liegen lässt. Geld kann, muss dafür aber nicht nötig sein.

Wer sich stundenweise in die Stille eines Angler-Lebens verabschieden möchte, kann dieses im Weserbergland direkt vor der Haustü
  • Wer sich stundenweise in die Stille eines Angler-Lebens verabschieden möchte, kann dieses im Weserbergland direkt vor der Haustür tun. Foto: gek

Mein Kollege zum Beispiel hat seinen Weg gefunden, um Abstand vom seinem stressigen Job und wieder zu sich selbst zu finden: Im Urlaub entschleunigt er beim Wandern in den menschenleeren Weiten Alaskas. Kontrastprogramm zum Alltag unter permanentem Termindruck. Dass er mit dem Flugzeug beschleunigt an das Ziel seiner Träume und wieder zurück an den Schreibtisch kommt … „nun ja, kein Mensch ist ohne Widersprüche“ bittet er lächelnd um Nachsicht. Eine Woche Wandern zwischen Süntel und Odenwald – das fände er langweilig. Alaska ist eben doch ganz anders, die Ruhe da intensiver, sagt er. Nordamerikaner jetten im Gegenzug vielleicht nach Deutschland, um aus einem Aufenthalt im Schlosshotel Münchhausen die Kraft zu schöpfen für die nächste Kraftanstrengung, die der berufliche Alltag ihnen abverlangt.

Das Schlosshotel in Schwöbber zählt zweifellos zu den Luxusvarianten unter den Inseln der Langsamkeit inmitten des hektischen Getriebes. Wer sich die Wohltat gönnt, sich im Gourmetrestaurant des Hauses verwöhnen und im Wellnessbereich die Seele baumeln zu lassen, fühlt sich hinterher besser, ist Karsten Wierig überzeugt. „Unsere Gäste wollen bewusst runterschalten, die Handbremse ziehen“, weiß der Geschäftsführer der Nobelherberge um die Wünsche seiner Kunden und stellt sich darauf ein. Dass die Spitzenköche in der Küche Vollgas geben, um Genuss auf den Teller zu zaubern, darf der Gast nicht spüren. „Er kommt ja zu uns, weil er abschalten und entspannen will“, sagt Wierig. Ein Bedürfnis, das sich nach seinen Beobachtungen „ab Mitte 30“ einstellt, „wenn man etwas zur Besinnung kommt und anfängt, behutsamer mit sich umzugehen“.

Nicht jeder abgehetzte Arbeitnehmer kann es sich leisten, sein Bedürfnis nach Entspannung auf Schlosshotel-Niveau zu befriedigen. Ein Grund zur Verzweiflung ist das aber nicht. Statt neidisch auf die vermeintlich Privilegierten zu schielen oder uns abzurackern, um in dieser Liga mitspielen zu können, können wir dem Gefühl des permanenten Getriebenseins auch mit preiswerten Alternativen entkommen. Zum Beispiel bei einem Bummel über den Hamelner Wochenmarkt – mit offenen Augen für die Lebensmittel; danach zu Hause ganz in Ruhe kochen, sich anschließend mit der Familie oder mit Freunden gemeinsam an den Tisch setzen – und essen, einfach nur essen, das Miteinander genießen. Und das alles ohne Hintergrundberieselung und Uhrzeit im Kopf. In der Sammlung unserer Statussymbole strahlt nach einem solchen Tag zwar kein neuer Stern, dafür aber ein Guthaben auf unserem inneren Konto der Gelöstheit und Zufriedenheit.

Auch Entspannung durch Yoga kostet nicht viel. Das Kursbuch der VHS ist voll mit Angeboten. Wer den Weg zur inneren Ruhe lieber mithilfe von Chi-Gong suchen will, ist dort genauso gut bedient und kann zu Hause gratis weiter üben, um zu immer größerer Vollkommenheit zu gelangen. Wandern und gärtnern, wenn mit Gelassenheit betrieben, sind ebenfalls Entschleunigung pur. Den Geruch der Spießbürgerlichkeit haben sie abgelegt, seit das Verlangen nach Auszeiten vom alltäglichen Stress salonfähig geworden ist und nicht mehr allein irgendwelche schrägen Aussteigertypen das Loblied der Muße singen. Wer sich stundenweise in die Stille eines Angler-Lebens verabschieden möchte, muss nicht nach Schweden düsen, sondern kann das auch als Mitglied im Hamelner Sportfischerverein tun. Das Tempo rausnehmen, sich dem Pulsschlag der Natur anpassen – für den Hamelner Wilhelm Wehrhahn ist das seit Jahrzehnten Teil seines Lebens. „Die Menschen wollen eine Beruhigung ihrer Seele“, sagt er – und findet genau das am Wasser. „Man geht in Gedanken spazieren, man lässt sich ablenken von den Problemen der Gegenwart.“ In jungen Jahren war Wehrhahn ein leidenschaftlicher Angler, immer ganz konzentriert bei der Sache. Er genoss die geforderte Geduld genauso wie die Belohnung: den Fisch am Haken. Heute stellt er die Angelrute oft an die Seite, lauscht einfach nur den Geräuschen und beobachtet die Vögel. „Da draußen fühlt man sich als Teil der Natur. Das hat eine beruhigende Wirkung auf das Gemüt und macht gelassen“, umschreibt Wehrhahn den wohltuenden Effekt dieses Nichtstuns. „Anstrengungslose Aufmerksamkeit“ nennt der Arzt, Psychosomatiker und Therapeut Kilian Mehl das, was uns der Schritt ins Grüne abseits des durchorganisierten Lebens ermöglicht.

Alles ist immer und überall verfügbar in der globalisierten Welt. Wir essen auf die Schnelle Sushi in der Osterstraße und Hamburger auf dem Pferdemarkt. Wir müssen uns ordentlich ins Zeug legen, um möglichst viel zu haben und dazuzugehören. Damit wir nicht nachlassen in unserem Streben nach mehr, suggeriert uns die Werbung immer neue Bedürfnisse, die sich durch Konsum befriedigen lassen. Mit dem schlechten Gewissen, dass zu viel Konsum von Übel ist, lässt sie uns genauso allein wie mit dem Wissen, dass Kaufen nur für den Moment glücklich macht und die tiefe Sehnsucht nach mehr Ruhezeiten für mehr Nähe (zu anderen und zu uns selbst) nicht wirklich stillen, sondern höchstens für ein paar Augenblicke betäuben kann.

Aber die Gegenbewegung ist schon unterwegs. Als „slow food“ propagiert sie die Genüsse der einheimischen Küche und die Pflege der Esskultur. Als „slow city“ die Stadt, die sich auf ihre lokalen und regionalen Besonderheiten besinnt. Hersbruck in Mittelfranken schloss sich dieser aus Italien kommenden Bewegung als erste deutsche Stadt an, Waldkirch, Überlingen und Schwarzenbruck folgten. Nicht etwa, weil sich die Bürger allesamt vergangene Zeiten zurückwünschten; sondern weil sie sich bemühen wollen, mehr von dem tatsächlich zu tun, was so viele Menschen „im Prinzip“ für das Richtige halten, aber nur wenige leben. Die langsamen Städte setzen dem rasanten Takt der globalen Kreisläufe den gemäßigten des regionalen Wirtschaftens entgegen. Weltweit agierende Handelsketten sind hier unerwünscht, alteingesessene Betriebe werden bewusst gefördert. Die Gaststätten kaufen beim Bauern im Nachbardorf ein und bringen Heimat auf den Tisch. Der Möbeltischler baut seine Regale aus dem Holz der Wälder ringsum. Innovative Technologien werden für eine konsequent nachhaltige Umweltpolitik genutzt, und Stadtentwicklung findet mit einem wachsamen Blick auf das historisch Gewachsene und den Erhalt der Landschaft statt. Vielleicht sind es ja am Ende diese Bodenständigen mit ihrer Besinnung auf das Naheliegende, die ihrer Zeit schon weit voraus sind.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Wer immer diesen Spruch in die Welt gesetzt hat: er irrte. Albert Einstein wusste das. Das Genie gönnte sich wohldosierte Pausen der Faulheit und hatte gerade in ihnen seine kreativsten Einfälle.

Schilder am Straßenrand raten nicht nur Autofahrern, den Bleifuß vom Gaspedal zu nehmen.

Foto: Dana

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