weather-image
Verantwortliche vergleichbarer Info-Stätten halten Bückeberg-Pläne für „begrüßenswert“ und „angemessen“.

Aufklärung über das Mitmachen

HAGENOHSEN. Gegner der geplanten Informationsstätte zu den „Reichserntedankfesten“ am Bückeberg sind der Meinung, der Ort des einstigen NS-Propaganda-Geschehens sei dafür ungeeignet. Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums „Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg und mit den Plänen für den Bückeberg vertraut, hält die angedachte Info-Stätte hingegen für „sehr begrüßenswert“.

Hunderttausende jubelten am Bückeberg Diktator Adolf Hitler zu. Foto: Museum Hameln/pr
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Gegner der geplanten Informationsstätte zu den „Reichserntedankfesten“ am Bückeberg sind der Meinung, der Ort des einstigen NS-Propaganda-Geschehens sei dafür ungeeignet. Orte, an denen sich Konzentrationslager befunden hätten, ja, aber der Bückeberg, an dem Hunderttausende den Diktator Adolf Hitler bejubelt haben, nein. Der Bückeberg laufe sonst Gefahr, zur Pilgerstätte von Neonazis zu werden. Die Jugend hingegen, die eigentliche Zielgruppe des Aufklärungsprojekts, würde auf diesem Wege nicht erreicht werden, glauben die Bedenkenträger. Das sehen Lehrer, wie berichtet, anders. Zumal der Bückeberg nicht der einzige Propagandaschauplatz der Nationalsozialisten war.

Auch auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg hielten die Nazis Massenveranstaltungen ab – was heute vor Ort ausführlich dokumentiert wird. An der NS-Ordensburg Vogelsang befand sich ebenso wenig ein KZ wie am Bückeberg – trotzdem wird dort heute über die einstige Schulungsstätte des NSDAP-Führungskaders informiert. Welche Erfahrungen machen also die Leiter dieser Informationsstätten und wie sehen sie die Pläne für den Bückeberg?

Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums „Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg und mit den Plänen für den Bückeberg vertraut, hält die angedachte Info-Stätte für „sehr begrüßenswert“. Das Projekt, so Dierl, entreiße die Geschehnisse der Vergessenheit. Der geplante Parcours böte den Besuchern die Möglichkeit, „die Geschichte zu erlaufen“. „Das Konzept ist eine etablierte Form, wie Auseinandersetzung mit der Geschichte aussehen kann“, führt Dierl aus.

Für das seit 2006 bestehende Informationssystem zu dem einstigen Reichsparteitagsgelände könne er sagen, dass es gut angenommen werde. Das Dokumentationszentrum habe 2016 270 000 Besucher gehabt. „Der Ort wird bewusst wahrgenommen“, sagt Dierl. „Die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Geschichte wird auch im Ausland beobachtet und gewürdigt.“ Schüler aus der Region Nürnberg hätten in einer Umfrage gesagt, dass die Geschehnisse rund um das Reichsparteitagsgelände auf keinen Fall in Vergessenheit geraten dürften und das Dokumentationszentrum den „Charakter eines internationalen Mahnmals“ habe. Dagegen komme dem Bückeberg laut Dierl eher „ein nationaler Stellenwert“ zu.

Ganz ähnlich verhält es sich offenbar auch am Dokumentationszentrum bei der einstigen NS-Ordensburg in der Eifel. „Die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang wird als außerschulischer Lernort von Jugendlichen sehr gut angenommen“, teilt Stefan Wunsch, wissenschaftlicher Leiter der Akademie Vogelsanng IP. „Seit der Eröffnung unserer Dauerausstellung im September 2016 hat sich die schon früher hohe Zahl der gebuchten Formate im Bereich Jugendbildung verdoppelt.“ Im vergangenen Jahr seien es etwa 600 vertiefende Formate gewesen mit rund 13 000 Teilnehmenden aus Jugendgruppen und Schulkassen unterschiedlichster Schulformen.

Das aktuelle Konzept für die „Dokumentation Bückeberg“ scheint Wunsch „in seinen Dimensionen und in der didaktischen Herangehensweise als dem heutigen Ort und seiner Geschichte angemessen“. Es böte zum einen ein Alleinstellungsmerkmal. „Denn so können Besucher – die Überreste des historischen Ortes gleich in Augenschein nehmend – sich wissenschaftlich fundiert und kritisch über die Bedeutung und die Funktion der ,Reichserntedankfeste‘ für die NS-Diktatur informieren“, so Wunsch. „Zum anderen stellt der außerschulische Lernort, zu dem sich der Bückeberg so entwickelt, einen hohen Wert für die historisch-politische Bildung dar.“ Er werfe – ähnlich wie die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang, jedoch mit eigener Spezifik – gerade bei Jugendlichen etwa Fragen nach Teilhabe und Zugehörigkeit, nach „Mitmachen“ und Gruppendynamik, nach Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt auf.

In der Vergangenheit sollen am Bückeberg an Tagen von nationalsozialistischer Bedeutung gelegentlich Blumensträuße niedergelegt worden sein. Doch eine Gefahr, dass der Bückeberg zur Anlaufstelle von Neonazis mutiert, sieht Stefan Wunsch nicht. „Vor der bisweilen aufgeworfenen Frage, wie man auf etwaige rechtsextreme Besuchern reagieren kann, stehen alle Erinnerungsorte, und dort gibt es viel Expertise dazu“, meint Wunsch. „Aber gerade ein Konzept wie das der Dokumentation Bückeberg schafft meines Erachtens keine über das Bisherige hinausgehende Attraktion für Rechtsextreme, da es kritisch informiert und kommentiert und zugleich den Ort nicht auratisiert.“

Information

AfD will Bürgerbefragung

Die AfD-Fraktion im Rat der Gemeinde Emmerthal hat einen Antrag für eine Bürgerbefragung gestellt. Dabei sollen die Bürger über zweierlei Dinge entscheiden: zum einen, „ob sie eine Erinnerungsstätte am Bückeberg haben wollen, wie sie der Siegerentwurf des ,Vereins Regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln’ vorsieht“; zum anderen will die AfD die Bürger darüber abstimmen lassen, „ob sie einer Erinnerungsstätte am Bückeberg grundsätzlich zustimmen“, wie Delia Klages, die AfD-Fraktionsvorsitzende, in dem Antrag schreibt. In der Begründung nennt Klages zu hohe Kosten und die Befürchtung, die Erinnerungsstätte könne „als Kultstätte missbraucht“ werden. Die AfD selbst halte „andere Projekte für dringlicher“ und sei daher gegen die geplante Info-Stätte. Der Antrag liegt inzwischen der Kommunalaufsicht zur Prüfung vor, wie eine Sprecherin des Landkreises Hameln-Pyrmont auf Anfrage mitteilt. Die nächste Sitzung des Gemeinderats Emmerthal ist jedoch erst am 15. März.

Dagegen wird sich der Finanzausschuss der Kreisverwaltung bereits am 27. Februar erneut mit den Kostenplänen in Höhe von derzeit 451 000 Euro (plus 306 500 Euro Folgekosten) für das Projekt befassen.

Die Kreisverwaltung hat unterdessen beim niedersächsischen Landwirtschaftsministerium angefragt, inwiefern eine Übertragung des Grundstücks, etwa durch Überlassung an den Landkreis, in Betracht kommen könnte. Das Land Niedersachsen ist Eigentümer des Geländes am Bückeberg, das Landwirtschaftsministerium Verwalter der Domäne. Ministeriumssprecher Klaus Jongbloed bestätigt die Anfrage des Landkreises. „Die Gespräche laufen“, sagt Jong-bloed. Mehr könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Man nehme das Thema ernst, die Entscheidungsfindung dauere noch an.pk

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare