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Digitalisierung heißt das Zauberwort – die deutschen Hersteller zeigen auf der IAA in Frankfurt, wie das geht

Auf der Einbahnstraße in die Zukunft

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Autor:

Gerd PiPer

Die Internationale Automobilausstellung (IAA) ist noch immer die wichtigste Fahrzeugmesse der Welt. Bis zum 27. September ist hier vom Kleinwagen bis zur Luxuslimousine so ziemlich alles zu sehen, was die großen Hersteller in der Pipeline haben. Und natürlich stehen Autos wie das neue C-Klasse-Coupé von Mercedes-Benz oder die nächste Generation des VW Tiguan im Mittelpunkt des Interesses. Jaguar hat sein erstes SUV ausgepackt, Alfa Romeo den neuen Hoffnungsträger Giulia mit Heckantrieb ausgestattet, und die wiederauferstandene Traditionsmarke Borgward hat jetzt endlich die Plane von seinem ersten Modell, ebenfalls ein SUV, gezogen. Doch über allem schwebt ein Begriff, der langsam zum Zauberwort für die Branche wird: Digitalisierung. An der Vernetzung des Fahrzeugs mit seiner Umgebung, an der Erschaffung einer ganz neuen Welt rund um das Auto, arbeiten vor allem die deutschen Premiummarken mit Hochdruck.

Daimler-Chef Dieter Zetsche war im Sommer mit einer ganzen Führungsmannschaft auf Dienstreise im Silicon Valley – und kam schwer beeindruckt von der Innovationskraft der Computerhersteller zurück. Die Konsequenz bekamen Fachjournalisten aus aller Welt am Vorabend der IAA bei der traditionellen Auftaktveranstaltung der Schwaben zu hören: „Mercedes-Benz wandelt sich vom Automobilhersteller zum vernetzten Mobilitätsdienstleister.“ Ob Marketing oder Vertrieb, Produktion oder Internetauftritt, die gesamte digitale Wertschöpfungskette soll so schnell wie möglich ins Laufen kommen. Als kleines Beispiel kann da die neue Lifestyle-Online-Plattformder Stuttgarter dienen, die sich speziell an Frauen richtet. Weil diese in den USA 80 Prozent aller Kaufentscheidungen beeinflussen.

Und auch das Auto als eigentliches Kernprodukt wird sich demnächst verändern. Der „dritte Ort zwischen Wohnung und Arbeitsplatz“, so Zetsche, soll zur Wohlfühloase werden, die Fahrstil, Termine, Musikgeschmack oder Vitaldaten seines Besitzers kennt und darauf reagieren kann. Das klingt nach Science-Fiction, nach einem Tagtraum aus ferner Zukunft, und wird doch schneller kommen, als sich das die meisten derzeit vorstellen können.

Bereits die nächste Generation an Business-Limousinen wird deshalb mit Bedienkonzepten auf den Markt kommen, die mit konventionellen Schaltern und Hebeln nichts mehr zu tun hat. Die Gestensteuerung bringt als erster BMW im neuen 7er auf den Markt, doch Volkswagen ist an dem Thema auch schon lange dran und wird die ersten Fahrzeuge in naher Zukunft mit den Systemen ausstatten. Diese digitalen Systeme werden den Innenraum revolutionierende und nie da gewesene Möglichkeiten schaffen. Konzeptfahrzeuge auf der IAA geben hier schon recht konkrete Ausblicke, womit Autofahrer sich künftig vertraut machen müssen.

Aber die Vernetzung im Fahrzeug kennt noch einen zweiten Pfad: Sensoren, Kameras und Radar werden die Umgebung scannen, mit anderen Fahrzeugen kommunizieren und mit Verkehrssystemen interagieren, um so einen optimalen Fluss des Straßenverkehrs möglich zu machen. Mit dem gemeinsamen Kauf des Kartendienstes Here von Nokia durch Mercedes, BMW und Audi hat man einen weiteren Schritt in Richtung autonomes Fahren gemacht, weil hochpräzise digitale Karten ein zentraler Baustein dafür sind. Außerdem bedeutet dies Unabhängigkeit von Google und Apple.

Doch ganz so glänzend, wie die schöne neue Welt auf den ersten Blick erscheint, ist sie nicht. Es gibt auch eine dunkle Seite – das sind die Datenströme, die alles erst möglich machen. Wem gehören die Daten und wer schützt sie? Alle großen Autohersteller beteuern in diesem Zusammenhang, dass Daten bei ihnen sicher sind und niemals an Dritte weitergegeben würden. Zetsche: „Wir verdienen weiterhin vor allem an der Hardware. Kunden bezahlen unsere Produkte mit Geld, nicht mit Daten. Anders als manche IT-Unternehmen sind wir deshalb nicht darauf angewiesen, aus den Daten Profit zu schlagen.“ Aber der Daimler-Chef räumt ein, dass es am Ende eine Frage des Vertrauens ist. Egal, wie die Wahrheit aussehen wird, eines wird überdeutlich: Der eingeschlagene Weg wird schnell Gestalt annehmen und ist unumkehrbar, er führt direkt auf einer Einbahnstraße.

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