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Auf der Achterbahn, tags um halb zwei

Und wenn sie Zweiter werden, dann spielen sie eben gegen England!“ Die junge Frau mit den schwarz-rot-goldenen Hasenohren und Deutschland-Schleifchen um den Hals weiß, wie der Hase läuft. Mit ihrer Freundin philosophiert sie über Fußball im Allgemeinen und im Besonderen über das Spiel, das in wenigen Minuten ansteht: Deutschland : Serbien. Ein Uhr in Hameln: eine Stadt im Ausnahmezustand.

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Von Lars Lindhorst

In der Innenstadt macht sich gespenstige Leere breit: Von gemütlich schlendernden Passanten ist weit und breit nichts zu sehen. Eiligen Schrittes sind jetzt zur besten Mittagstundenzeit schwarz-rot-gold geschminkte Frauen und mit Deutschland-Trikot bekleidete Männer unterwegs. Das Ziel: Sieg, na klar, was denn sonst. Die Zwischenziele: Rattenfänger-Halle zum Public Viewing mit Tausenden. Oder eine der zahlreichen Kneipen, die Spiel für Spiel für Spiel die Fernseher laufen lassen, oder der heimische Fernseher oder die alte Rotationshalle der Dewezet, wo früher die Zeitung gedruck wurde, und jetzt fast der Super-Gau passiert …

Die Stimmung ist bestens. Die Nationalhymnen erklingen. Alles strahlt, einige stehen, singen mit. Dann wird allen schwarz vor Augen. Bild weg, Ton weg, Licht weg. Stromausfall, Schock. Podolskis wuchtigen Schuss in der siebten Spielminute, der nur knapp neben dem serbischen Tor einschlägt, bekommen die Fußball-Fans hier gar nicht mit. Techniker brechen in Hektik aus. Minuten später ist das Bild wieder da. Wenigstens in diesem Sinne meint es der viel angebetete Fußballgott gut mit den Fans. „Das macht die Sache ganz schön spannend“, nimmt Jörg Grochowski den Stromausfall gelassen. Er hat extra früher Feierabend gemacht und ist sich um zwanzig vor zwei noch ganz sicher, dass „wir die Serben weghauen“.

„Nie im Leben!!!“, schreit ein Fan. „Du bist doch blind“, brüllt ein anderer über tausende Köpfe hinweg in der Rattenfänger-Halle. Es nützt alles nichts, heisere Stimmen vermögen die gelbe Karte für Klose in der 13. Minute nicht zu verhindern. Auch Nationaltrainer Löw braucht erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Pulle – Wasser natürlich. Und während sich Klose und die Fans immer noch über die gelbe Karte aufregen, schieben die, die für kalte Getränke zuständig sind, zwei neue Bierfässer in Richtung Getränkestand. Es ist warm in der Halle. Reichlich Alkohol gehört für einige Passiv-Spieler dennoch dazu. Auch schon um kurz vor zwei. Die Gelegenheit zum Feiern wird ausgiebig genutzt. Ein Sanitäter des Roten Kreuzes meldet: Drei Personen wurden schon wegen Kreislaufkollaps behandelt. Die Stimmung in der Rattenfänger-Halle erinnert an die goldenen Zeiten des großen Sports in der Rattenfängerstadt. Bei den Spielen des VfL Hameln oder Gastspielen der Handball-Nationalmannschaft war es keinesfalls leiser. Nur ist es dieses Mal nicht „Potti Wahl“, der ehemalige Nationalspieler, sondern „Poldi“, der die Zuschauer zu Deutschland-Rufen animiert.

Mitfiebern war gestern das, was die Fußballfans über alle Alters
  • Mitfiebern war gestern das, was die Fußballfans über alle Altersgruppen hinweg verband. Foto: Dana
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„Oh, nein!“ Nein. Nein. Nein. Klose kassiert die Gelb-Rote. Laute Pfiffe in der Halle. Eine Minute später kommt’s noch dicker. Tor für Serbien, sieben Minuten vor der Halbzeit. Es ist zum Heulen. Und die rund zweieinhalbtausend Menschen werden mit einem Schlag ganz leise. Betretene Gesichter, wohin das Auge blickt. Ein kurzer Schockzustand. Doch was ein echter Fußball-Fan ist, oder einer der vielleicht auch nur feiern will, lässt sich doch von so einem einzigen Tor nicht erschüttern: Es dauert nicht lange, da ist wieder der „Deutschland“-Gesang zu hören. Und einer haut die Pauke: Sascha Szyperski. Der Hamelner ist Schlagzeuger in der Hemeringer Brass Band. Szyperski weiß also, mit welchem Takt er eine ganze Mannschaft begeistern kann. Der deutschen Elf aber kann auch er heute nicht helfen.

Viertel vor drei – blankes Entsetzen und starre Gesichter auf dem Werder: Podolski verballert seinen Strafstoß. Die Großchance zum Ausgleich ist vertan. „Das kann’s gewesen sein“, trauert ein Zuschauer.

Recht soll er behalten. Nach der 94. Minute steht’s fest. Deutschland kassiert die völlig unerwartete WM-Niederlage. Kurz nach halb vier in Hameln: Die Euphorie ist gebremst. Erstmal. Denn vor dem Spiel ist …, der Ball ist und bleibt … ein Spiel dauert … und vor allem: Das Runde, das muss in das Eckige! Von der richtigen Mannschaft. Nächster Anlauf: Mittwoch, 20.30 Uhr, selber Ort, oder anderer Ort, jedenfalls: Mitfiebern, Feiern, Fußball.

Leer gefegte Altstadt-Gassen, unheimliche Stille auf den Hauptverkehrsadern: Gestern halb zwei in Hameln tickten die Uhren nur noch nach Spielminuten. Eine Reise auf der Gefühlsachterbahn …

Spannung pur: Laura Langner (li.) und Jennifer Meyer verfolgen das Spiel vor dem BHW. Dort war für die Mitarbeiter eine große Leinwand aufgebaut worden.

Foto: Wals

Jannis (5) (unten) macht dicke Backen auf dem Werder, und Kimberley (6) vergisst die Welt um sich herum.

Foto: Dana

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