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Eines der letzten Abenteuer für Individualisten: Wanderreiten an der Weser

Auch wenn Bier und Bett am Abend locken, erst wird das Ross versorgt

Weserbergland. Ein Wanderritt beginnt mit dem Packen. Und das geht so: Man schreibt eine Liste all der Dinge auf, die man für absolut unverzichtbar hält, von Kopflampen bis zu Wechselwäsche. Dann streicht man die Hälfte. Der Rest passt gerade in die Satteltaschen. Noch mehr als bei Radtouren zählt auf dem Pferd jedes Gramm.

Das bietet das Weserbergland – grandiose Ausblicke. Foto:

Autor:

Hans Weimann

Das Weserbergland ist ein Wanderreitgelände von unglaublicher Vielfalt mit grandiosen Ausblicken und ein flotter Galopp wie Motocross, nur dass das überaus lebendige Transportmittel bisweilen eigene Vorstellungen von Wegfindung und Tempo hat. Reh und Fuchs grüßen am frühen Morgen im Tann, Eichelhäher künden laut kreischend die Ankunft der Reiter an. Die Rehe stört es nicht, die versonnen dem Tross hinterherschauen.

Die Orientierung im Gelände ist nicht schwierig, seit es GPS gibt. Doch die Benutzung von so einem neumodischen Kram widerstrebt der Zunft der Satteltramps. Also greift man auf Karten zurück. Da ist oben immer Norden. Und zählen kann jeder: Nach der Kreuzung geht es weiter auf dem dritten Feldweg rechts. Nur was tun, wenn da ein Kartoffelfeld ist, so weit man blicken kann, weil der Bauer zwecks Landgewinnung den Weg einfach weggepflügt hat? Oder statt eines Waldpfades gibt es plötzlich derer drei – Hinterlassenschaft der Havester, der Walderntemaschinen? Dann steht man ratlos in der Pampa und das ist der Einsatz von Uwe, unserem geprüften Wanderreitführer mit eingebautem GPS im Kopf. Er braucht keinen Strom, da reicht Kaffee in den Pausen, selbst zubereitet auf einem Campingkocher, kaum größer als eine Cola-Dose – wie gesagt, jedes Gramm zählt.

Wer per pedes durch die Landschaft streift, kann sich notfalls an eine Straße stellen und den Daumen raushalten, wenn er keine Lust mehr hat. Vorbeifahrende Pferdeanhänger sind wie ein Sechser im Lotto. Wanderreiter büßen für Fehler beim Kartenlesen mit jedem Kilometer.

Die Pferde haben Durst.
  • Die Pferde haben Durst.

Wer wandert, muss nur auf sich selbst aufpassen. Für Wanderreiter gilt eine andere Rangordnung, auch wenn Bier und Bett locken: Egal, wie durchgeschwitzt, geduscht vom Gewitterregen der Reiter ist – erst muss das Pferd versorgt werden.

Wanderreiten ist zwar anstrengend, aber als Diät kaum geeignet. Man reitet nämlich von einem reich gedeckten Frühstückstisch zu einem opulenten Abendessen – oft Tischwein inbegriffen. Kulinarisch betrachtet kann so eine Vier-Tagestour ein Ritt von Eintopf am Lagerfeuer zu neapolitanischer Pizza, Lachs aus dem Ofen und Hirschbraten sein. Ein Wanderreitquartier ist kein Hotel, sondern man wird in die Familie aufgenommen – und das ist oft wörtlich zu nehmen. Beim Abendessen sitzen alle Familienmitglieder mit den Wanderreitern an einem Tisch, man duzt sich.

Für Pferde ist es zwischen Mai und September noch einfacher: Die reiten gewissermaßen an ihrer Ernährungsgrundlage entlang – nämlich dem Gras am Wegesrand.

Service:

Die Eifel und Rhön kann man vom Sattel aus erleben. Das Quartier für Ross und Reiter ist gebucht, das Gepäck wird auf Wunsch transportiert, vor dem Start gibt es Tipps für die ideale Route. Am Abend wartet auf den müden Wanderreiter nicht nur ein Nachtquartier, sondern meist auch ein leckeres Abendessen und ein kühler Trunk am Familientisch.

Das alles soll es demnächst auch im Weserbergland geben – eine Woche Wanderreiten durch die Wälder, über die Höhenzüge und entlang der Weser. Wanderreitführer Uwe Hausmann und seine Reitfreunde haben die schönsten Wege erkundet und weitere Akteure für das Projekt gewonnen. Hausmann, Thomas Frenser, Andreas Bohne, Cordula Hartje, Erich Busch, Anita Sander und Heike Schweizer arbeiten zurzeit die Logistik aus und richten die Quartiere ein.

Stationen werden unter anderem das Wanderreitquartier Strücken, das Heuhotel Sander in Lüntorf, der Hof der Familie Schweizer in Emmerthal-Esperde, das Westernreitzentrum Lippe (der Hof auf dem Berg), die Waldreitschule Wendthagen, der Hof Wellhausen in Aerzen-Dehrenberg, der Reiterhof Forstbachtal bei Warbsen und der Weserberglandreiter in Springe – insgesamt sollen es neun Quartiere werden.

Einen Namen hat das Projekt auch schon, das man bald auf einer eigenen Internetplattform anklicken kann: „Weserbergland zu Pferd“, die Website der Interessengemeinschaft der Berittführer und Wanderreitstationen aus dem Weserbergland

Vom 25. bis 27. September sollen die Strecken, das Service-Angebot und die Quartiere offiziell eingeweiht werden mit einem Sternritt und Reitertreffen in Forstbachtal. Wer mitreiten möchte – Informationen dazu geben Uwe Hausmann und Thomas Frenser. Doch bis es soweit ist, müssen Reitfans nicht auf Wanderritte verzichten. Uwe Hausmann bietet von seinem Hof in Strücken aus Wochenendritte und Fünftage-Ritte an. Die Ausritte mit eigenem Pferd (auf dem Hof stehen auch zwei Leihpferde bereit) führen in den Taubenberg oder bei größeren Ritten in den Naturpark Solling-Vogler. Weitere Informationen gibt es unter Tel. 0 57 51/ 469 30, im Internet unter www.wanderreitquartier-rinteln.de, per E-Mail info@wanderreitquartier-rinteln.de.

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