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Ungewöhnliche Buchpräsentation im Museum: Robert Eberhardt stellt Band mit Werken aus dem frühen 19. Jahrhundert vor

Andreas Wiß: Gedichte aus Rintelner Studentenjahren

Rinteln (ur). Das Museum Eulenburg wird am kommenden Mittwoch, 17. Dezember, um 19.30 Uhr zum Schauplatz einer höchst ungewöhnlichen Buchpräsentation. "Deutschlands jüngster Verleger", der in Heidelberg Germanistik und Kunstgeschichte studierende Robert Eberhardt (Jahrgang 1987), legt unter dem Titel "Andreas Wiß. Gedichte" die Debütveröffentlichung des von ihm gegründeten Wolff-Verlags vor. Bei dem Verfasser dieser Gedichte handelt es sich keineswegs um einen avantgardistischen Newcomer, sondern um eine echte Wiederentdeckung aus dem frühen 19. Jahrhundert. Und dass die Präsentation des 200 Seiten starken Werks in Rinteln geschieht, ist durchaus kein Zufall.

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Andreas Wiß war vermutlich der letzte Student der Universität Rinteln und beendete hier am 25. April 1810 als 21-Jähriger sein Studium mit der zweiten theologischen Prüfung - zum Ende jenes Semesters, in dem die Alma Mater vom westfälischen "König Lustik" Jerome Bonaparte aufgelöst wurde. Als Spross einerüberwiegend aus Geistlichen bestehenden Familie aus der Reformationsstadt Schmalkalden lag es für ihn aus mehreren Gründen nahe, in Rinteln zu studieren. Zum einen war Schmalkalden ebenso wie Rinteln eine hessische Exklave, zum anderen hatte hier auch schon sein vier Jahre älterer Bruder Christoph studiert, der ab 1817 als erster Direktor des Gymnasiums Ernestinum den guten Ruf der Schule begründete. Von Andreas Wiß sind 26 Gedichte erhalten geblieben, wobei einige bereits während seiner Studentenjahre in Rinteln verfasst wurden. Diese schrieb Wiß keineswegs im luftleeren Raum, sondern in bewusster Wahrnehmung der Strömungen seiner Zeit. In seiner "Elegie beim Abschied von Rinteln" reflektiert er die Gefahren eines Einzugs in die Armee Westfalens und auch dort, wo er in aller Ernsthaftigkeit eines jungen Erwachsenen über den Sinn des Lebens reflektiert, in seinem "Versuch einer christlichen Idylle", lässt er die Landschaft des Weserraums auf sich wirken und den Hirtenjungen Theobald mit seinem Vater Ziddai moralisch-ethische Grundfragen ansprechen. In diesem Werk eines romantischen Naturalismus weiß er sich wohl auch seinem Zeitgenossen Joseph Eichendorff verbunden. Wiß verstarb bereits im Jahre 1816 mit nur 27 Jahren, sodass man nur darüber spekulieren kann, wie sich seine Dichtkunst über die verbliebenen Verse hinaus entwickelt hat - Verse, die aber immerhin schon als ein Versprechen auf eine literarische Zukunft gesehen werden dürfen. Immerhin wurde ihm nach dem Examen die Stelle eines Konrektors in Rinteln angeboten - wobei sich Wiß allerdings für eine Hauslehrerstelle auf der Wilhelmshöhe in Kassel entschied, wo Napoleons Bruder Jerome in einem klassizistischen Schloss residierte. Eine schwere Krankheit setzte seiner hoffnungsvollen Laufbahn ein frühzeitiges Ende - und sein älterer Bruder Christoph Wiß veröffentlichte vor dem Abschied von Schmalkalden und seinem Dienstantritt in Rinteln voller brüderlicher Zuneigung den poetischen Nachlass. Für das Leben und Werk des Frühvollendeten interessierte sich der junge Verleger Robert Eberhardt nicht nur aus germanistischen und kunstgeschichtlichen Motiven. Immerhin wurde auch er in Schmalkalden geboren - und ist ein Ururururur-Urgroßneffe von Andreas Wiß! Er hat die jetzt vorgelegte Gedichtsammlung um biografisch-kunstgeschichtliche Erläuterungen ergänzt und nimmt die Buchpräsentation in der Eulenburg zum Anlass, einen Vortrag über das Leben und Schaffen von Andreas Wiß zu halten.

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