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Am Ende steht der Stolz aufs Erreichte

School’s out – die Schule ist aus – heißt es in diesen Tagen wieder für Tausende Schüler im Weserbergland. Etliche sehen ihre Karriereleiter vor sich stehen, viele beginnen eine Ausbildung, einige studieren, manche beginnen eine Ausbildung, um sich auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten und dort Fuß zu fassen. Hinter ihnen liegen 12 Jahre Mathe, Englisch, Biologie, Arbeitsgemeinschaften viel Theorie, etwas Praxis.

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Von Matthias Rohde

School’s out – die Schule ist aus – heißt es in diesen Tagen wieder für Tausende Schüler im Weserbergland. Etliche sehen ihre Karriereleiter vor sich stehen, viele beginnen eine Ausbildung, einige studieren, manche beginnen eine Ausbildung, um sich auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten und dort Fuß zu fassen. Hinter ihnen liegen 12 Jahre Mathe, Englisch, Biologie, Arbeitsgemeinschaften viel Theorie, etwas Praxis. Die Schüler der Hamelner Heinrich-Kielhorn- oder der Albert-Schweitzer-Schule blicken dagegen auf eine gänzlich andere schulische und persönliche Vergangenheit und in eine Zukunft, die sich selten auf dem ersten Arbeitsmarkt abspielt.

176 Schüler zählt die Heinrich-Kielhorn-Schule (HKS). Der Schwerpunkt dieser Förderschule liegt auf der geistigen Entwicklung der Jugendlichen mit dem klaren Ziel, nach der Schulzeit in den Werkstätten der Paritätischen Gesellschaft Behindertenhilfe (PGB) zu arbeiten. Die Albert-Schweitzer-Schule ihrerseits ist die Förderschule für Lernhilfe, an der vor allem die handwerklichen Berufe interessieren. An beiden Einrichtungen bildet nicht das Erreichen einer besonders guten Abschlussnote den Schwerpunkt, sondern die individuelle Förderung jedes Einzelnen.

An erster Stelle und von der ersten Klasse an steht die Aufgabe, den teils mehrfach und schwerstbehinderten Schülern zu helfen, sich so weit wie möglich selbst zu versorgen, wie Norbert Lichtenberg, Schulleiter der HKS, erklärt. Gelingt das, macht sich auch bei seinen Schülern am Ende der Schullaufbahn große Freude breit. „Unsere Schüler sind stolz, wenn sie in den PGB-Werkstätten arbeiten können“, erzählt Stefan Innig, der die Abschlussklassen koordiniert. In diesem Jahr werden dort 16 der 20 Schüler nach Ende ihrer Schulpflicht ganz praktisch arbeiten. In der Hand halten sie dann ein Abschlusszeugnis, das zwar keine Noten, dafür aber den individuellen Lernstand minuziös auflistet. Dass sich jemand nach Abschluss der HKS auf dem ersten Arbeitsmarkt etabliert, ist selten, so Innig. „Zirka alle zwei Jahre schafft es einer unserer Schüler, einen Job als Helfer in einem Betrieb zu bekommen.“

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Der Schulalltag an sich sei, wie Lichtenberg und Innig betonen, aber mit dem an anderen Schulen zu vergleichen. „Wir fördern die Schüler und fordern sie zugleich. Es gibt Klassenkonferenzen, Projekte und Praktika“, sagt Innig und Lichtenberg ergänzt: „Gerade der Bereich der Praktika entwickelt sich derzeit. Wir wollen eine Art Netzwerk zwischen Firmen, der Schule und anderen Institutionen einrichten, um effektiver arbeiten zu können.“ Eine der Besonderheiten an den Unterrichtsstunden der Heinrich-Kielhorn-Schule ist, dass sie von zwei Personen begleitet werden. Lichtenberg: „Zusätzlich zur Lehrkraft ist in jeder Klasse eine pädagogische Mitarbeiterin anwesend.“ Mit durchschnittlich sieben Schülern pro Klasse sind die insgesamt 176 Schüler entsprechend ihren Bedürfnissen versorgt. Außerdem sind eine Krankenschwester und fünf Mitarbeiter in therapeutischer Funktion vor Ort, denn einige der Schüler sind nicht nur geistig, sondern teilweise schwerst mehrfach behindert.

Neben der Selbstversorgung setzen Lichtenberg und das 44 Köpfe starke Lehrerkollegium einen weiteren Schwerpunkt beim Berufsleben, denn auch wenn es immer noch hie und da Vorbehalte gegenüber der Leistungsfähigkeit von Menschen mit geistiger Behinderung gibt: „Wenn unsere Schüler nach der Schule in den Werkstätten arbeiten dürfen, dann ist das für sie selbst ein Grund zur Freude, und andererseits erbringen sie eine wirtschaftliche Leistung, von denen die Kunden der PGB-Werkstätten und die Gesellschaft profitieren.“

Ab der achten Klasse steht der Unterricht an der Albert-Schweitzer-Schule ebenfalls ganz im Zeichen des nahenden Berufslebens. In diesem Jahr verlassen etwas mehr als 50 Schüler die Schule, mehr als die Hälfte mit einem Förderschulabschluss. Für knapp ein Fünftel der Schüler hat es in diesem Jahr nicht für einen Abschluss gereicht, aber immerhin können ein Drittel der Schüler stolz auf ihren Hauptschulabschluss sein. Schulleiter Volker Grobe: „Die meisten unserer Schüler verlassen uns Richtung Berufsschule.“ Vor allem die Eugen-Reintjes-Schule und die Elisabeth-Selbert-Schule seien die ersten Adressen für die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule.

Kurz bevor es so weit ist, stehen Lerninhalte auf dem Plan, die fürs Berufsleben relevant sind. „Im Mathematikunterricht werden zum Beispiel Arbeitslöhne, Sozialabgaben und Steuern berechnet, im Politikunterricht lernen die Schüler etwas über Gewerkschaften und was Sozialversicherungsbeiträge bedeuten.“ Der für die Abschlussklassen zuständige Förderschullehrer Albert Kania schwört seit Jahren auf ein bewährtes Konzept: „Die Schüler nehmen mehrmals pro Schuljahr an Projekttagen und Praktika in den Betrieben der Region teil. Vor allem die seit Jahren gute Kooperation mit der Jugendwerkstatt in Hameln ist dabei sehr hilfreich.“ Förderschulen hätten immer schon versucht, bestimmte Nischen zu nutzen, um ihren Schülern den Berufsalltag näherzubringen, aber das sei in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden, betont Kania. Grund: Das Konzept der Berufspraktika für Förderschüler, für das der engagierte Pädagoge bereits in den 70er Jahren eingetreten ist, wird mittlerweile auch von Haupt- und Realschulen realisiert. „Da wird es manchmal ganz schön knapp mit den Plätzen.“

Grobe verdeutlicht anhand eines Projektes, wie wichtig die praxisnahe Bildung der Förderschüler ist. Eine Klasse erhielt den Auftrag, einen Supermarkt zu untersuchen, angefangen von der Organisationsstruktur über die Produktpräsentation bis hin zu den Preisen. „Wir haben verschiedene Teams gebildet und jedes Team bekam eine bestimmte Aufgabe.“ Ein Team erhielt den Auftrag, die Zutaten für einen Nudelsalat, gemäß einer Einkaufsliste, einzukaufen und zwar so teuer wie möglich, ein anderes erhielt den gleichen Auftrag, allerdings musste dieses Team die gleichen Zutaten möglichst billig einkaufen. „Die Schüler waren völlig überrascht: Der teure Nudelsalat kostete zwölf, der billige sechs Euro.“ Aber genau darum gehe es, denn: „Die Schüler haben eine Erfahrung gemacht, die sie sich nicht nur selbst erarbeitet haben, sondern die für den Alltag eine große Bedeutung hat.“

Für Grobe, Kania und die Kollegen kommt es in erster Linie darauf an, die Stärken der Schüler zu fördern, Selbstbewusstsein zu stärken und sie damit für die unterschiedlichsten Lebensbereiche zu begeistern. Dies sei ein intensiver Prozess, für den die Zeit, die die Schüler an der Albert-Schweitzer-Schule lernen, nicht immer ausreicht. Manchmal bräuchten die Schüler eben etwas länger, um ihren Traumberuf zu erlangen, wie zum Beispiel der junge Mann, an den sich Grobe noch gut erinnert: „Einer unserer Schüler hat nach seiner Zeit bei uns nicht nur einen Beruf erlernt, sondern sogar das Fachabitur gemacht und hat dann später überlegt, ob er Maschinenbau studieren oder eine Firma gründen soll. Und Kania berichtet: „In Hameln gibt es eine Reihe ehemaliger Albert-Schweitzer-Schüler, die einen Meisterbrief haben und selbst Ausbilder geworden sind.“ Doch beide wissen: Das sind noch eher die Ausnahmen.

Fürs Leben sollen die Schüler lernen, ja, und damit sie fit sind für das Berufsleben. Wie unterschiedlich dabei „fürs Leben lernen“ aussieht, zeigt ein Blick in die Förderschulen. Dort zählt nicht die Eins in Mathe.

Zwei Schulen, eine Aufgabe: Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung individuell zu fördern. Fotos: Dana

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