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Warum man die Rintelner Messe in der Altstadt hegen und pflegen sollte

"Alt bin ich, wenn ich keine Lust mehr habe, auf die Messe zu gehen"

Rinteln. Der Reigen der traditionellen Kirmesveranstaltungen im Schaumburger Herbst ging am Wochenende mit der Rintelner Messe zu Ende - wobei sich dort heute noch die Fahrgeschäfte für die letzten und allerletzten Runden drehen.

Sinnbild des nostalgischen Messegenusses: das Kettenkarussell au

Autor:

Ulrich Reineking

Vorbei ist es damit für diese Saison auch mit Liebesäpfeln und Lebkuchenherzen - und wer der Dame oder dem Herrn seines Herzens Avancen machen möchte, kann sich nicht länger auf Fliehkräfte im Musikexpress verlassen, um dem Jemand oder der Jemandin näher zu kommen. Die gute alte Raupenbahn mit dem blickdichten Verdeck hat längst ausgedient als sekundenlanger Unterschlupf für junge oder ältere Pärchen. In einer Zeit, da sich manche Zeitgenossen nach erfolgreichem Absolvieren des erotischen Baggerkurses an der Grundschule des Lebens in aller Öffentlichkeit abtasten und abschlecken, ist eine Diskretionszone für maximal zwanzig Sekunden nun wirklich nicht mehr gefragt. Doch auch wer ganz ohne Flirtabsichtenüber den Rummel zieht, kann dort etwas erleben - auch dann, wenn er von der Geisterbahn der Börse geschockt ist und Sparsamkeit bis hin zum lippischen Geiz für sich entdeckt hat. Denn dieses ganze bunte Welttheater aus Musik und Geschrei, lachen und heulenüber entflogene Luftballons - diese ganze Show im Flackern der tausend Lichter mit ihren unglaublichen Gerüchen zwischen verbrutzeltem Fett, aromatischen Heißgetränken und pikanten Happen, diese ganze Symphonie der Sinne kann man durch die Menge schlendernd ohne jedes Eintrittsgeld genießen. "Alt bin ich, wenn ich keine Lust mehr habe, auf die Messe zu gehen!" sagte dieser Tage eine Dame um Mitte 70, die ihren Rummelbummel selbst heute noch mit einer Fahrt in Wellenflieger oder Riesenrad beschließt - auch dann, wenn sich dabei die Magensäfte melden, die gerade dabei sind, die gebutterten Maiskolben, die Rostbratwurst oder die Champignonpfanne aufzuarbeiten. Und dann verriet sie noch, dass sie sich zum Abschied immer wieder ein Lebkuchenherz kauft: "Am liebsten eines, wo ,Mein Engel' draufsteht, denn so eins hat mir mein Mann immer geschenkt." Dieser Mann, der auch schonüber zehn Jahre nicht mehr ist, aber doch ihren Alltag begleitet - und das wohl auch noch bis zu ihrem letzten Atemzug. "Wenn mir dann irgendwann alles so schwer erscheint, dann gönne ich mir dieses Lebkuchenherz. Es ist ja schließlich von ihm...", sagte sie dann mit entschiedener Fröhlichkeit. Wir sollten diese Schaumburger Volksfeste hegen und pflegen dazu gehört auch, für das ansonsten kostenlose Vergnügen ein paar Euro locker zu machen. Damit wir nicht auch noch aus diesen Paradiesen unserer jungen Jahre vertrieben werden. Jeder, der die Messe in der Altstadt für unverzichtbar hält, ist deshalb eingeladen, heute ab 19.30 Uhr beim kabarettistischen Messe-Sofa in der Volkshochschule bei echten Messeschlagern mit Ulrich Reineking und Volker Buck in Messe-Gefühlen zu schwelgen.

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