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Folge 1 zu den Erinnerungen unserer Leser an den Hungerwinter 1947 ("Steckrübenwinter") vor 60 Jahren

Als ein halber Liter Milch noch sehr viel bedeutete

Rinteln. Im Nachlass ihrer Schwiegermutter fand Jutta-Maria Peters aus der Engen Straße eine originale Lebensmittelkarte aus der Nachkriegszeit, die eine ganz besondere Rarität darstellt: Keine einzige dieser damals überlebenswichtigen Marken war abgeschnitten worden!

Ein bisschen bürokratische Verwirrung: Marken mit "31. Februar".

Autor:

Ulrich Reineking

"Da für jedes Pfund Zucker und für alle Grundnahrungsmittel eine Marke beim Kaufmann abgegeben werden musste, hütete die Hausfrau diese Karten wie ihren Augapfel - die einzelnen Abschnitte wurden in einer Zigarrenkiste gesammelt, um eventuell übrig gebliebene Marken am Monatsende auf leere Blätter zu kleben und bei der Zuteilungsstelle gegen neue abzugeben", erinnert ich Jutta-Maria Peters. Und dabei kommt ihr auch noch eine Geschichte aus den Hungerjahren in Erinnerung: "Wenn die Mutter ihre Kinder zum Einkaufen schickte, wurde nie die ganze Karte, sondern nur der erforderliche Abschnitt mitgegeben, denn wenn so eine Karte verloren ging oder gestohlen wurde, hieß das, den Rest des Monats zu hungern." Sie sollte damals als kleines Mädchen mit einer solchen Marke einen halben Liter Milch holen und hatte diese zur Aufbewahrung für den Weg in eine leere Milchkanne gelegt. Allerdings hatte sie vergessen, dies dem Milchhändler rechtzeitig zu sagen: "Und schon klebte die Marke irgendwo unten in der Kanne." Ihre Mutter musste dann erneut mit ihr zum Milchladen gehen und eine andere Marke abgeben: "Zu Hause wurde die Milch dann durch ein Sieb gegeben, die nasse Marke abgespült und sorgfältig zum Trocknen ausgelegt." Eine heute so nett zu hörende Begebenheit, die im Hungerwinter 1946/47 aber eher eine kleine Tragödie war - auch wenn zumindest diese Geschichte dann doch noch ein glückliches Ende nahm. Ihre Schwiegermutter Peters betrieb damals selber noch einen kleinen Lebensmittelladen am Kirchplatz 8 - vielleicht der Grund, warum die Karte so unversehrtüberlebt hat. (Die Serieüber den "Hungerwinter" wird fortgesetzt).

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