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Wir konsumieren – rund um die Uhr

Alles. Immer. Pausenlos.

Die Griechen hatten einst zwei Zeitgötter: Kairos und Chronos. Während Kairos als die Gottheit für den günstigen Augenblick galt, symbolisierte Chronos den Gott der Zeit. Und der stand oft genug mit der Knute hinter den Sterblichen. Chronos (auch der Name Chronometer für Uhr rührt übrigens daher) scheucht uns heute mehr denn je, und Kairos wirkt überall und fast allzeit, denn inzwischen ist für beinahe alles immer der günstige Augenblick, zumindest, wenn es um Konsum geht. 24/7 ist die Abkürzung für grenzenlose Verfügbarkeit hinsichtlich der Uhrzeit. 24 Stunden an sieben Tagen ist das Extrem, das Hotlines anbieten oder Internet-Shops. Und auch im Leben außerhalb des Netzes ist „Entgrenzung“ angesagt. 19.30 Uhr – Lust auf neue Hose? Kein Problem.. 23 Uhr – Bierdurst? Ab zur Tankstelle. Ist das wirklich ein Segen? Oder vielmehr ein Fluch? Und entspricht diese Entgrenzung den Bedürfnissen?

Genuß zu jeder Zeit: Hamburger und Pommes gibt’s auch mitten in der Nacht noch in Hameln.  Foto: Wal

Autor:

Christa Koch

„Die Kunden wollen das einfach“, glaubt etwa Kirsten Jackenkroll. Die Center-Managerin der Hamelner Stadt-Galerie spielt damit auf ungewöhnliche Einkaufszeiten an wie offene Sonntage oder Mitternachtsshopping – beides wird in der Shopping-Mall am Pferdemarkt regelmäßig angeboten. An vier Sonntagen im Jahr öffnet die Galerie ihre Pforten zum Einkaufen, zusätzlich viermal jährlich können die Kunden sogar zur Geisterstunde einkaufen gehen, statt zu schlafen. Und das scheint sich zu rentieren: „Jedenfalls dann, wenn man es mit einem wie auch immer gearteten Erlebnis verknüpft“, resümiert die Managerin. Solche Events auch in der Nacht würden ihre Kunden einfach erwarten.

Wer sich zu dieser ungewöhnlichen Zeit nicht durch Menschenmengen drängen will, dem bleibt vor allem das Internet. Denn das schläft nie. Ob Ebay oder Amazon, im Netz gibt es fast nichts, was es nicht zu jeder Zeit zu kaufen gibt. Und nicht nur das: Auch die Dewezet etwa kann man, sofern schlaflos in Hameln, schon lange vor der Zeit ihrer Auslieferung des Papierexemplars ausgiebig im Netz studieren.

Sollten einem von Zeit zu Zeit dabei Getränke oder Snacks ausgehen – kein Problem: Die meisten Tankstellen machen den Großteil ihres Umsatzes längst nicht mehr mit Sprit, sondern mit anderen Artikeln, vorwiegend mit Getränken, aber auch mal Dosensuppen oder anderen Fertiggerichten. Und das zu Öffnungszeiten, die für einen der heute eher seltenen Besitzer eines Tante-Emma-Ladens ein Albtraum wären. Die Aral-Tankstelle in der Deisterstraße etwa hat sogar schon seit über 50 Jahren „rund um die Uhr geöffnet“, wie Chef Andreas Zimmer sagt.

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Der damalige Pächter Püttger hatte offenbar früh die Zeichen der Zeit erkannt: Er schlief in dem Gebäude und hatte eine Klingelschnur installiert. Fuhr ein Auto darüber, stand er auf, bediente den Kunden, machte notfalls auch einen Ölwechsel, und dann ging er wieder ins Bett. Heute sind es vor allem Partygäste, denen der „Sprit“ ausgeht und für die die letzte Station Tankstelle heißt. Auch wenn aus Sicherheitsgründen ab 22 Uhr der Nachtschalter aktiviert wird: 24 Stunden gibt es hier das gesamte Sortiment.

Auf frische Brötchen zum Sonntagsfrühstück braucht schon lange niemand mehr zu verzichten: Schon seit geraumer Zeit backen fast alle Hamelner Bäcker an sieben Tagen in der Woche, die christlichen Feiertage wie Ostern oder Weihnachten allerdings ausgenommen. Aber: In der Deisterstraße gibt es einen muslimischen Bäcker – er bietet frische Brötchen an 364 Tagen im Jahr an. Nur Silvester bleibt hier die Backstube dicht.

Ob Boutiquen, Tankstellen, Discounter oder Supermärkte – in Hameln sind die meisten dieser Läden in heutiger Zeit bis 20, teilweise sogar bis 22 Uhr geöffnet – die Schlusszeiten haben sich nach hinten verschoben. Und verhungern muss theoretisch sowieso niemand, selbst wenn er den Wochenendeinkauf vergessen hat. Für den Fall der Fälle gibt’s schließlich immer noch Bringdienste oder die Fast-Food-Läden wie Burger King oder McDonald’s. Wobei allein der Name manchmal schon verräterisch ist: Statt eines genussvollen Menüs (oder eines aromatischen Kaffees) gibt’s immer öfter was Schnelles „to go“ – auf die Faust und zum Runterschlingen oder -stürzen für die in – vermeintlicher – Zeitnot Befindlichen.

Behörden haben sich auf die Non-Stop-Gesellschaft noch nicht eingerichtet; die meisten großen Firmen schon. Das Stichwort heißt hier Call-Center: Mitarbeiter, die dort arbeiten, nehmen Gespräche auch außerhalb der „normalen“ Kernarbeitszeit an, teilweise sogar rund um die Uhr. So kennt man etwa bei Postbank/BHW keinen Feierabend: Die Call-Center des Baufinanzierers sind an sieben Tagen in der Woche jeweils 24 Stunden lang besetzt, wie Pressesprecherin Iris Laduch-Reichelt versichert. Zwar arbeitet nicht jedes ihrer Call-Center rund um die Uhr, doch Anrufe zu nachtschlafender Zeit werden gebündelt und an das jeweils diensthabende „Nest“ weitergeleitet. „Manche rufen aber nicht deshalb in der Nacht an, weil sie einen Bausparvertrag abschließend möchten, sondern weil niemand Zeit hat, einfach mal mit ihren zu reden“, weiß sie aus Erfahrung.

Zeit zum Reden – die findet manch einer nur in der Kneipe. Und auch hier gibt es längst keine Sperrstunde mehr. Brauchte man etwa vor 20 Jahren in Hameln noch eine spezielle Nachtkonzession, wenn man sein Lokal länger öffnen wollte, so entscheidet heute allein der Wirt anhand seiner Gäste, wie lange er zapft. Im bekannten „Amadeus“ an der Sandstraße zum Beispiel öffnet Inhaberin Maria Lazaridou zu einer für Kneipen eher ungewöhnlichen Zeit, um 15 Uhr, und bewirtet Nachtschwärmer (im Winter auch Marktbeschicker) mindestens bis sechs Uhr früh.

Aber tut uns eine rund um die Uhr aktive Gesellschaft, in der das Wort Zeit keine Einschränkung mehr bedeutet, wirklich gut? Denn alles, was wir immer und überall als Dienstleistung in Anspruch nehmen, muss ja auch von irgendjemandem erbracht werden. „Eine 24-Stunden-Gesellschaft schadet“, warnt das Deutsche Institut für Urbanistik in Berlin. Es macht die Menschen krank.

Der alte Ladenschluss hat längst ausgedient, die Einkaufszeiten bei Discountern oder Baumärkten haben sich weit nach hinten verschoben.

Fotomontage: Dana

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