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Im Springer Krankenhaus gehen die Lichter aus: Ein Besuch zwischen Tränen und Umzugskartons

Allein im Krankenhaus

Springe. Wenn Leere wirklich gähnen kann, dann tut sie es hier. Die resolute Mitarbeiterin reißt sofort die Tür auf, als sie auf dem langen Flur der längst geschlossenen Station Schritte vernimmt. „Was machen Sie hier?“ Außer den letzten drei Patienten, den vier diensthabenden Schwestern, zwei Ärzten sowie einigen früheren Mitarbeitern, die still in einem der Büros sitzen und persönliche Erinnerungen abholen, ist hier niemand mehr unterwegs. Das Springer Krankenhaus, es ist an diesem Freitagmittag eigentlich schon längst geschlossen.

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VON MARITA SCHEFFLEr

Schwester Manuela Schwäcke ist Leiterin der letzten geöffneten Station. Morgens beim Pressetermin kümmert sie sich noch um drei Patienten. Zwei davon werden kurz danach entlassen. „Theoretisch kann aber noch jemand dazukommen“, sagt sie, während sie Aktenordner in einen Umzugskarton legt. Einen Aufnahmestopp gibt es nicht. Wer am Ende noch da ist, wird Dienstag, am offiziellen Umzugstag, mit nach Gehrden verlegt.

Zu tun haben Schwäcke und ihre Kollegen auch ohne Neuzugänge genug: In den vergangenen fünf Wochen haben sie bereits 400 Umzugskisten auf die Reise geschickt. Auch der Großteil der ehemals 96 Betten wurde bereits abgeholt, zusammen mit Nachtschränken, medizinischen Geräten, Medikamenten und Pflegeprodukten.

Beim Packen habe sie manchmal Tränen in den Augen gehabt, sagt Schwester Manuela. „Das war hier ja wie mein Zuhause.“ 29 Jahre hat die Springerin in ihrem Krankenhaus gearbeitet: „So ein Ende macht einen da fix und foxi.“ Sie lächelt dennoch, versucht, das Positive zu sehen.

Für sie und ihr Team geht es im Robert-Koch-Krankenhaus in Gehrden weiter, auf einer schicken neuen Station. Bedeutender sei der Einschnitt für die Deisterstadt: „Springe ohne Krankenhaus. Das ist hart.“ Erst vor wenigen Tagen habe eine Patientin vor ihr gestanden und gesagt: „Schwester, hätte ich ein paar Millionen im Lotto gewonnen, ich würde das Haus hier kaufen und alles könnte bleiben, wie es ist.“

Wenn sich die Kollegen bereits nach Gehrden verabschiedet haben, wird Carlos Trindade im Gebäude die Stellung halten. Der Verwaltungsmitarbeiter benötigt noch mehrere Wochen, um ausstehende Rechnungen zu begleichen, Daten zu erfassen und Patientenakten zu vervollständigen. Zu seinen Aufgaben gehört auch, den Start der Notfallambulanz vorzubereiten. Trindade lässt durchblicken, dass ihm das Schicksal des Hauses nicht egal ist: „Ich bin schließlich auch schon seit 16 Jahren hier.“

Werner Winkowski aus Altenhagen gehört zu den letzten Patienten. Fünf Liter Wasser in der Lunge. Er habe aber kaum gemerkt, dass die Schließung naht, dass um ihn herum sortiert und gepackt wird, sagt der 86-Jährige. Die Pflege sei bestens gewesen: „Alle Schwestern waren hundertprozentig in Ordnung.“ Und zumindest Winkowski empfindet bei seiner Entlassung am Freitagmittag keinen Abschiedsschmerz. Wiederkommen wolle er ohnehin nicht: „Jetzt habe ich wieder Lust, zu leben.“ Gibt es kein Krankenhaus mehr, werde er einfach nicht mehr krank.

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