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Zweistündige Stippvisite in der JVA Bückeburg / Beklemmende Aura

Aktionsrekord: SZ / LZ-Leser passieren im Kittchen 30 Türen

Bückeburg (bus). Unseren Lesern Türen zu öffnen, die sonst eigentlich verschlossen bleiben, ist eines der Hauptanliegen der SZ/LZ-Sommeraktion "Schaumburg, wie es keiner kennt". Falls die reine Zahl der Ein- und Auslässe als Erfolgskriterium herangezogen wird, haben die Teilnehmer, die am Freitag das Bückeburger Gefängnis besuchten, sicherlich Höhepunkt und Rekord der Aktion erlebt: Anstaltsleiter Günter Fichte ließ die etwa zwei Dutzend Gäste gleich 30 Türen passieren.

Auf den Gängen der Haftanstalt ermöglichen zahlreiche Spiegel de

Während der etwa zweistündigen Stippvisite stellt bereits der Zugang zu dem in den 70er Jahren errichteten Gebäude eine Besonderheit dar. Fichte wählt die Passage durch die von zwei mächtigen Rolltoren gesicherte Bus-Schleuse. "Über diesen Weg erreicht uns der größte Teil unserer Bewohner", erklärt der Kittchenchef. Fichte leitet ein 77-Betten-Haus, das seit Oktober 2005 offiziell nicht mehr als JVA (Justizvollzugsanstalt) sondern als "Abteilung" der Jugendanstalt Hameln firmiert. Trotz des Begriffs "Jugend" in der Hamelner Bezeichnung beherbergt der Bückeburger Ableger männliche Erwachsene. Die Delinquenten sitzen maximal zweijährige Haftstrafen ab, sind also keine allzu schweren Jungs. Dennoch verspüren die Besucher, zumal die Führung im "Echtbetrieb" erfolgt, die beklemmende Aura des Zweckbaus. "Die Herren kommen schließlich nicht wegen übermäßig guten Benehmens zu uns", gibt der Leiter zu verstehen, der die SZ/LZ-Patrouille über Freistundenhof, Funktions- und Wohnbereiche bis zum Frisör (kommt einmal im Monat) und zum Pastor (ist auf Wunsch mehrmals wöchentlich vor Ort, bezeichnet seine Gemeinde als "sehr ehrlich") navigiert. In der Werkhalle erfahren unsere Leser Interessantes aus der Vergangenheit, in der in Bückeburg Prozesse gegen Neonazi-Größen geführt und RAF-Bombenbastler beherbergt wurden. Im Mehrzweckraum steht derzeit die Zukunft auf dem Programm. "Hier läuft aktuell ein anspruchsvoller Computerkurs", erläutert Fichte. Der Besucherraum demonstriert mit einem großformatigen "Chagall" die künstlerischen Qualitäten der Insassen, das Sprechzimmer die einwandfreie ärztliche Versorgung. Nach einem kurzen Zwischenstopp in einer "richtigen" Durchgangszelle und der Inaugenscheinnahme der Sicherheitszentrale führt der Gang durch die Doppelschleuse des Haupteingangs zurück in die Freiheit. Hier sind unterdessen zwei weitere Türen zu passieren, was deren Gesamtzahl auf 32 anhebt. Die zwei Durchlässe führen in die Besprechungsräume, wo eine Kaffeetafel und zusätzliche Informationen auf die Gäste warten. "Natürlich können wir während eines solchen Rundgangs nicht alles bis ins kleinste Detail zeigen", klären Fichte und Pressesprecher Wolfgang Blum auf. So sei die hochmoderne Anstaltsküche schon aus hygienischen Gründen tabu, der direkte Kontakt mit den Inhaftierten schwierig zu organisieren. Ein stämmiger Mann, der der Gruppe stets unauffällig als letzter folgte, hält sich mit Worten zurück - Tamás Molnár, Praktikant im Hamelner Vollzugsdienst, hatte rechtschaffen für die Vollzähligkeit des Trupps Sorge getragen. "Wir sind komplett und uns geht es gut", gibt ein Leser in dieser Hinsicht Entwarnung. Das Besichtigungsangebot sei eine sehr gute Idee gewesen und er würde gern einmal wiederkommen - Fichte kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, bekommt die sprachlich Doppeldeutigkeit aber schnell in den Griff: "Außer 29 fest angestellten Mitarbeitern kümmern sich auch ehrenamtlich aktive Frauen und Männer um die Gefangenen." Dieser Kreis freue sich bestimmt über Engagierte.

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  • Anstaltsleiter Günter Fichte (rechts) erläutert den Besuchern die Details des Gefängnisbetriebs.
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