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Türkisch-islamischer Kulturverein lädt Christen zum Frühstück ein / 120 Gäste plaudern "gemischt"

Ünlü: 40 Jahre vertändelt - Integration jetzt!

Stadthagen (sk). Kein Tisch ist leer geblieben: 120 Muslime und Christen haben am Sonnabend im Gasthaus Bruns gemeinsam gefrühstückt. Eingeladen hatte der Türkisch-islamische Kulturverein.

An jedem Tisch etwas von jeder Sorte: Beim gemeinsamen Frühstück

Diese Art der Begegnung der Kulturen und Religionen in Stadthagen gab es zum zweiten Mal. Im Januar 2005 hatten muslimische Gläubige einen Gottesdienst in der evangelischen St.-Martini-Kirche besucht und waren anschließend zu einem Frühstück im Maria-Anna-Stift eingeladen gewesen. Jetzt revanchierte sich die muslimische Gemeinde. Alle Gäste folgten lachend der unkonventionellen Aufforderung von Cornelia Pönnighaus -zwar nicht Gastgeberin, aber Mitinitiatorin der Frühstückstreffen -, sich so an den Tischen zu platzieren, "dass an jedem Tisch von jeder Sorte etwas sitzt". Gemeint waren die unterschiedlichen Religionen. Völlig problemlos fügten sich die Runden entsprechend zusammen. AliÜnlü, Vorsitzender des Türkisch -islamischen Kulturvereins mit Sitz in der Aksa- Camii-Moschee, begrüßte alle Gäste ausgesprochen herzlich. Über Integration solle man nicht nur sprechen, sondern diese tun - "nicht morgen, nicht übermorgen, am besten gestern". 40 Jahre habe man "vertändelt". Ünlü verwies auf die Zugehörigkeit der türkischen Bevölkerung zu Stadthagen: "Hier leben wir. Das ist unsere Zukunft." "Fühlt Euch wie zu Hause", forderte Ünlü die Gäste der christlichen Kirchengemeinden auf. "Zu Hause" ist das Stichwort, das das Gelingen der Begegnung beinhaltet. An einem Frühstückstisch ließ es sich schnell heimisch fühlen. Außer Kaffee, Tee und frischen Brötchen hatten die Gastgeber ein opulentes Büfett aufgebaut mit Zutaten vom türkischen Honig bis zur deutschen Marmelade. Die Gespräche reichten von munterer Konversation bis zum vertieften Meinungsaustausch - alles auffallend zwanglos. Naile Cetinkaja (42) erzählt der pensionierten Lehrerin Anke Crome (66), dass sie bereits 32 Jahre in Stadthagen wohnt, hier ihren Ehemann Yksle kennen lernte, der vor 18 Jahren aus der Türkei kam. Es stellte sich heraus, dass die viel gereiste Crome mehr Gebiete der Türkei kennt als Cetinkaja, die ihr Land mit neun Jahren verlassen hat und nur "zu Besuch" in die Türkei fährt. Crome stellte fest, dass der Hass auf Ausländer in Deutschland zugenommen habe, wenn auch nicht unbedingt auf die Türken. Dennoch: Manchmal, so Cetinkaja, spüre sie Ablehnung - etwa, wenn sie am Markt ein Café betrete und Leute, die gerade aufbrechen wollten, sitzen blieben, um der gebürtigen Türkin ihren Platz nicht preiszugeben. Aber sie erlebe auch positive Reaktionen: Neulich habe sie eine türkische Bekannte im Krankenhaus besucht, die mit deutschen Patientinnen in einem Vier-Bett-Zimmer lag. "Ich wünsche ihnen allen eine gute Genesung", hatte sich Centinkaja schließlich aus dem Raum verabschiedet. Über das einschließende "alle" habe sich eine der deutschen Frauen sehr gefreut und sich ausdrücklich bedankt. Das Frühstück, zu dem laut Pastoralreferent Stefan Hagenberg nächstes Mal die katholische Gemeinde einlädt, bietet augenscheinlich ein gutes Klima zum gemeinsamen Gespräch. Damit ein Wiedersehen "nicht so lange dauert", lud Oberprediger Klaus Pönnighaus alle Mitglieder der muslimischen Gemeinde für den 7. Juli in die St.-Martini-Kirche ein, wenn dort Ministerpräsident Christian Wulff spricht.

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