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Vor 90 Jahren: In Bückeburg und Stadthagen wird über den Standort des neuen Finanzamts gestritten

„Üble Stadthäger Machenschaften!“

Das ist eine Herausforderung schlimmster Art“, schimpfte im Mai 1920 der Stadthäger Ratsherr Schweers während einer außerordentlichen Bürgervorstehersitzung. „Bückeburg hat den Bogen überspannt“, rief er unter dem Beifall der Kollegen. Der Zorn der Stadthäger Stadtväter galt einer „ungeheuerlichen Provokation“ der Magistratsmitglieder in Bückeburg. Die hatten – ebenfalls auf einer eilig einberufenen Sondersitzung – die „üblen Stadthäger Machenschaften“ beschimpft. „Das zielt auf eine unerhörte Zurücksetzung Bückeburgs“, hatte sich Ratsherr Spier während der hitzigen Aussprache vernehmen lassen. „Wir sind schließlich die Landeshauptstadt“.

Alternativvorschlag der Bückeburger für den Sitz des neuen Finan

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Gegenstand der gegenseitigen Attacken war der Streit ums neue Finanzamt. Beim Aufbau einer demokratischen Verwaltung nach dem Ersten Weltkrieg hatte die junge Weimarer Republik auch die Reform des wilhelminischen Steuer- und Zollsystems in Angriff genommen. Unter dem Dach des Berliner Reichsfinanzministeriums wurden Landesfinanzämter eingerichtet, denen in den größeren Staaten – auf Kreis- und/oder Stadtebene – Finanzämter zugeordnet wurden. Ende 1919 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass man in Schaumburg-Lippe öffentlich und lautstark über den Standort des neuen Landesfinanzamts zu streiten begann. Eine beratende Rolle fiel dabei dem Landesfinanzamt Hannover zu. Die preußische Behörde sollte – mangels fehlender Sachkompetenz in der Bückeburger Regierung – die fachliche Aufsicht über die neue Dienststelle übernehmen.

Vor Abschaffung der Monarchie waren die Steuern der hiesigen Untertanen von einer 1892 in Stadthagen eingerichteten Abgabenstelle eingetrieben worden. Da erschien es den dortigen Stadtvätern als selbstverständlich, dass auch das Nachfolge-Amt innerhalb ihrer Stadtmauern angesiedelt wird. Als Domizil könne das Schloss dienen, war zu hören. Das 400 Jahre alte Gemäuer war im Rahmen des sogenannten „Domanialvertrags“ in den Besitz des Freistaats übergegangen.

Der Vorschlag führte im Landtag zu hitzigen Diskussionen. Heftige Wortgefechte lieferten sich vor allem der nationalkonservative Bückeburger Abgeordnete Heidkämper und der einflussreiche SPD-Sprecher Lorenz aus Stadthagen. Dabei wurde deutlich, dass es nicht nur um die Klärung einer Sachfrage, sondern um eine Art ideologischen Zweikampf zwischen dem „roten“ Stadthagen und dem nationalkonservativen und fürstentreuen Bückeburg ging. Schließlich stimmte im Juni vor 90 Jahren die Mehrheit des 15-köpfigen Parlaments für Stadthagen. Ein Finanzamt müsse zentral und für alle Einwohner gleichermaßen gut erreichbar sein, war zu hören. Man müsse vor allem auch an die Leute aus der Steinhuder Seeprovinz denken.

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Doch so schnell gab man sich in Bückeburg nicht geschlagen. Mit lautstarker Entrüstung wurden Regierung und Landtag mit Zahlen und Prognosen bombardiert. Die neue Dienststelle sei in Bückeburg viel preiswerter als in Stadthagen zu haben, so das Hauptargument. Das war nicht aus der Luft gegriffen: Das Stadthäger Schloss war stark sanierungsbedürftig. Die Instandsetzungskosten wurden von den Experten auf mindestens 330 000 Reichsmark veranschlagt. Zusätzlich seien jährliche Folgekosten von rund 23 000 Reichsmark zu erwarten.

Solche Summen könne die Landeskasse angesichts der ohnehin katastrophalen Haushaltslage nicht verkraften, ließ man in Bückeburger lautstark vernehmen. In der Residenzstadt sei das Ganze wesentlich preiswerter zu haben. Dort stehe unter anderem das fürstliche Palais leer. Der erst 20 Jahre alte ehemalige Alterssitz der Fürstenmutter Hermine bringe nicht nur äußerlich, sondern auch in puncto Räumlichkeiten beste Voraussetzungen mit. Neben ausreichend Büroraum sei auch noch Platz für mindestens drei Beamtenwohnungen vorhanden – und das alles für 12 000 Reichsmark Miete pro Jahr. Wenn Landtag und Landesregierung trotzdem weiterhin für Stadthagen einträten, beweise das „die gezielten Machenschaften interessierter Kreise“.

Die hiesige Einwohnerschaft sei „in dieser brennenden Lebensfrage“ mittlerweile „aufs Stärkste erregt“, war in einer eiligst abgefassten Resolution der Bückeburger Ratsherren zu lesen. „Jetzt das Finanzamt – und dann nehmen sie uns auch noch das Landratsamt und das Landgericht weg“, sah Bürgervorsteher Rinne bereits die Lichter in der Ex-Residenz ausgehen.

Die Reaktion der Stadthäger fiel nicht weniger zimperlich aus. Stadthagen sei längst das eigentliche Zentrum des Freistaats Schaumburg-Lippe, konterte Bürgermeister Ocker die Attacken. Bückeburg hingegen sei „in seiner Entwicklung zurückgeblieben“. Das dortige Vorgehen sei die reinste „Annexionspolitik“.

In der entscheidenden Sitzung des Landtags im Dezember 1920 ging es nochmals hoch her. Heidkämper, im Hauptberuf Pastor der evangelischen Landeskirche, setzte sich nochmals vehement für Bückeburg ein. Dabei präsentierte er neue Kostenberechnungen. Danach waren für die Schlosssanierung in Stadthagen statt der zunächst genannten Summe von 335 000 Reichsmark inzwischen mehr als 800 000 Reichsmark zu erwarten. Statt das Geld aus dem Fenster zu werfen, könne die Lösung nur „Palais in Bückeburg“ heißen. Nicht umsonst habe sich mittlerweile auch das Landesfinanzamt Hannover für diesen Standort ausgesprochen. „Das Finanzamt in Stadthagen wird dem Land keine Freude bereiten“.

Das wiederum brachte auch Lorenz erneut auf die Palme. „Es gibt nicht nur zu viele Beamte, sondern auch zu viele Pastoren“, griff er Heidkämper persönlich an. „Die Hälfte davon wäre genug, um das Volk dumm zu machen“. In Wirklichkeit gehe es nur um Hetze und Kampf gegen die Stadthäger Arbeiterschaft. „Auf der einen Seite redet man von Volksgemeinschaft, auf der anderen Seite zieht man die Sozialdemokraten in den Dreck.“ Auch das Landesfinanzamt Hannover sei nur deshalb für Bückeburg, „weil sie fürchten, bei uns Bolschewisten zu finden“.

Bückeburgs Bürgermeister Wiehe hatte seine Miteinwohner angesichts der sich abzeichnenden Niederlage schon vorher zu trösten versucht. Schließlich gehe es bei der ganzen Sache „um höchstens 17 Arbeitsplätze“. Das erwies sich, wie wir heute wissen, als Fehleinschätzung. Derzeit sind im Stadthäger Schloss an die 230 Finanzdienstmitarbeiter beschäftigt.

Seit 90 Jahren Sitz des hiesigen Finanzamts: das Schloss in Stadthagen. Foto/Repros: gp

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