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Margarete Reinsch will das Rad nicht zurückdrehen: Jeder Augenblick hat für sie eine Bedeutung

100 Jahre – „eine lange Zeit, die auch kurz ist“

Fischbeck (ah). Mit der Tageszeitung in der Hand sitzt Margarete Reinsch an ihrem Stammplatz, in einem Sessel direkt hinter dem Eingang der Fischbecker Parkresidenz am Stift und liest. Eine Brille benötigt sie nicht, ihre Augen sind klar und wachsam, bekommen genau mit, was um sie herum passiert. Andere Bewohner des Hauses sitzen beim Essen, werden zuvorkommend bedient. Margarete Reinsch möchte das nicht, sie zieht sich mit ihrem Rollator lieber in ihr Reich zurück und isst dort. Die Eigenständigkeit fehle ihr, erklärt sie; schließlich habe sie bis vor fünf Jahren noch alleine ihr Haus in Lüneburg bewirtschaftet, ihr Leben lang gearbeitet. Das Besondere an der Dame, die das so resolut von sich gibt: Sie ist 100 Jahre alt.

„Jetzt im Alter vergeht die Zeit im gleichen Tempo wie zuvor, aber es ist langweiliger“, sagt Margarete Reinsch. Fot

Fischbeck (ah). Mit der Tageszeitung in der Hand sitzt Margarete Reinsch an ihrem Stammplatz, in einem Sessel direkt hinter dem Eingang der Fischbecker Parkresidenz am Stift und liest. Eine Brille benötigt sie nicht, ihre Augen sind klar und wachsam, bekommen genau mit, was um sie herum passiert. Andere Bewohner des Hauses sitzen beim Essen, werden zuvorkommend bedient. Margarete Reinsch möchte das nicht, sie zieht sich mit ihrem Rollator lieber in ihr Reich zurück und isst dort. Die Eigenständigkeit fehle ihr, erklärt sie; schließlich habe sie bis vor fünf Jahren noch alleine ihr Haus in Lüneburg bewirtschaftet, ihr Leben lang gearbeitet. Das Besondere an der Dame, die das so resolut von sich gibt: Sie ist 100 Jahre alt, hat aus diesem Anlass noch groß gefeiert – „das Schönste, was ich in der Vergangenheit erlebt habe, meine Hochzeit selbstverständlich nicht mitgerechnet“, sagt sie. 100 Jahre alt zu werden, das habe sie sich schon früher gut vorstellen können, sagt Margarete Reinsch und fügt hinzu: „Das ist eine lange Zeit, die doch auch kurz ist, wenn man wie ich immer mit der Zeit geht und überall mitmischt.“

Gefragt nach der schönsten Zeit in ihrem Leben fällt ihr zuerst ihre Kindheit ein, das Unbeschwerte trotz schwerer äußerer Bedingungen. Zurückdrehen wolle sie das Rad der Zeit aber keinesfalls mehr. „Jeder Augenblick im Leben hat eine Bedeutung, da kann ich nicht einfach etwas herauspicken“, erklärt sie dann und fährt fort: „Ich bin immer dafür, aus einem I-Tüpfelchen einen Punkt zu machen, denn Erleben muss etwas ganz Besonderes sein.“ Und erlebt habe sie sehr viel in ihrem turbulenten, mit viel Arbeit und Diplomatie gemeisterten Leben.

Geboren wird Margarete Reinsch im April 1910 als mittleres von fünf Kindern. Sie wächst in Pommern auf, in einem Haus am Stadtrand von Pyritz mit Landwirtschaft. Im Wohn- und Esszimmer hängt ein Bild des Kaisers; das „gute Zimmer“, in dem die Möbelstücke abgedeckt sind, wird nur an hohen Festtagen geöffnet. Die Kinder helfen bei der Haus- und Hofarbeit, Gänse hüten und Unkraut zupfen sind Pflichten von Margarete Reinsch. „Zeit zum Spielen mit Ball oder Reifen blieb aber immer“, betont sie. Denkt sie an ihre Schulzeit, fällt ihr sofort ein: „Der schönste Tag im Jahr war der 27. Januar, der Geburtstag des Kaisers, an dem alle schulfrei hatten; darauf freuten wir uns das ganze Jahr.“

Über den Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918, in den auch ihr Vater, ein Müllermeister zieht, weiß sie nicht viel zu berichten. „Angst hatte ich jedenfalls nicht“, so Margarete Reinsch. Deutlich erinnert sie sich an die Inflation infolge der zu zahlenden Kriegsentschädigungen. „Ich hatte gelegentlich einen Billionen Papiermark-Schein in der Hand, viel kaufen konnte ich mir davon nicht“, sagt sie.

Schwierig ist es nach der Schulzeit, eine Lehrstelle zu finden. „Dabei hat uns keine Behörde geholfen, wir mussten sehen, dass wir unterkamen“, berichtet sie. Margarete Reinsch wird zur Putzmacherin ausgebildet, lernt Damenhüte, Lampenschirme und Jabots anzufertigen. „Danach war ich arbeitslos, das war damals so“, erzählt sie. Um Geld zu verdienen, betreibt die junge Frau mit einer Schwester eine Hausschneiderei, Stoffe besorgen sie sich auf dem Schwarzmarkt.

1936 heiratet sie Benno Reinsch, Artist im kleinen Zirkus seiner Eltern. „Damals war das Zelt voll, es gab ja noch nicht viel an öffentlicher Unterhaltung; trotzdem war es schwierig, den Zirkus zu halten“, berichtet Margarete Reinsch. Schließlich satteln die Schwiegereltern um, ziehen mit Kinovorführungen über die Dörfer, Stummfilme mit Klavierbegleitung. Für Wohltätigkeitsveranstaltungen der NSDAP klettert Benno Reinsch als „Verächter des Todes“ auf 40 Meter hohe Masten und macht Kunststücke, 1939 wird er als Soldat eingezogen. Nun hängt in der Küche ein Volksempfänger, der das Neueste von der Front verkündet, Fliegeralarm und Kelleraufenthalte sind bald nichts Außergewöhnliches mehr. Margarete Reinsch näht Fahnen mit dem Hakenkreuz darauf, die Parteimitglieder bei ihr in Auftrag geben. „Zeit zum Jammern gab es nicht“, sagt sie entschieden.

Mit dem letzten Zug verlässt die Frau mit den dunklen Haaren und Augen mit ihrer 1937 geborenen Tochter am 30. Januar 1945 Pommern, kommt über Odermünde und Lübeck in die Lüneburger Heide. Dass sie fast alles zurücklassen muss, stört Margarete Reinsch nicht; „wir dachten ja, wir seien nur vorübergehend evakuiert“, erläutert sie. Als Schneiderin verdient sie das, was sie zum Überleben brauchen. Sesshaft werden sie in Göddingen an der Elbe, „wo wir uns bei Kriegsende mit erhobenen Armen ergeben mussten, als der Engländer kam.“ Eine gefährliche Zeit im Leben der attraktiven Frau, die belästigt, bedrängt, sogar mit der Pistole bedroht wird. „Die Engländer nahmen unser letztes Hemd“, wettert sie, erwähnt aber auch, dass sie sich darüber bei der Kommandantur beschwert habe. „Man muss stark sein, um gut durchzukommen“, erklärt sie.

Mit Tochter und Ehemann, der 1948 aus der Gefangenschaft heimkehrt, zieht sie nach Lüneburg in eine Dachkammer ohne Wasser, ohne Abfluss, mit einem Toilettenhäuschen auf dem Hof. Margarete Reinsch schneidert und ist zudem auf einem Schlachthof beschäftigt, untersucht als Trichinenschauerin Fleischproben. Als eine von wenigen Frauen macht sie 1952 ihren Führerschein, möchte mobil sein. Ihr Mann arbeitet für die Engländer, macht sich später selbstständig und handelt mit Textilien, darunter auch Handarbeiten seiner Frau. Seit 1973 verwitwet, lebt sie bis vor fünf Jahren alleine in Lüneburg. Dort fühlt sie sich wohl, kennt viele Menschen, begleitet sogar den jungen Christian Wulff im Wahlkampf. Bis zum Herbst 2010 erledigt sie ihren Schriftwechsel mit Behörden selbst, ist genau über den Stand der persönlichen Dinge im Bilde. Erst nach einer schweren Erkrankung zieht sie im November nach Fischbeck, wo ihre Tochter wohnt.

„Jetzt im Alter vergeht die Zeit im gleichen Tempo wie zuvor, aber es ist langweiliger, eintöniger, man sitzt viel herum – und ich wäre eben lieber aktiver, wenn ich könnte“, betont sie und fügt hinzu: „Mir fehlt mein gewohntes Lüneburger Umfeld, manchmal fühle ich mich einfach nur müde, wirkt die Zeit wie ein Warten auf das, was kommen soll… .“ Schwer finde sie das Älterwerden, wenn Jüngere kein Verständnis für 100-Jährige haben, meint sie; Vergnügen bereite ihr aber der Austausch mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester. Margarete Reinsch gönnt sich eine kurze Pause und sagt dann mit funkelnden Augen: „Würde ich mitten in einer Großstadt leben, dann könnte ich mir auch gut vorstellen, 110 Jahre alt zu werden.“

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