Kommentar
Die DatendealerVon Stefan Winter
Facebook, sagt Mark Zuckerberg, sei ein bisschen wie die Erfindung des Buchdrucks. Kleine Münze ist also nicht die Währung des abgebrochenen Harvard-Studenten. Warum auch? Klein ist es nicht, was er auf die Beine gestellt hat. Als vor knapp acht Jahren Google an die Börse ging und alle Welt über den Unternehmenswert von 23 Milliarden Dollar staunte, schrieb Zuckerberg mit ein paar Freunden ein Programm. Heute benutzen es 850 Millionen Menschen, Diktatoren fürchten es, und Investoren berauschen sich am möglichen Wert von 100 Milliarden Dollar – nicht schlecht für einen 27-Jährigen, der eigentlich gar kein Unternehmen im Sinn hatte.
So beschreibt es Zuckerberg jedenfalls in einem Brief an die Investoren, die im Frühsommer beim Börsengang die eine oder andere Milliarde einzahlen sollen. Facebook sei gegründet worden, um eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen: Offener und vernetzter soll die Welt werden.
Sich mitzuteilen jenseits des nur Zweckmäßigen, zu erzählen vom eigenen Tun und Lassen, sich bekennen zu Dingen, die man mag oder nicht – das sucht der Mensch seit Höhle und Lagerfeuer. Zuckerberg und andere erkannten das Lagerfeuer-Potenzial des Internets und bauten im Netz „soziale Netzwerke“. Eingedeutscht ist der Begriff missverständlich, denn es geht nicht um „sozial“ im Sinne von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. „Social Network“ meint gesellschaftlichen Kontakt. So groß ist der Wunsch danach, dass Zuckerberg Bedenken von Datenschützern mit einem lapidaren Satz erledigen kann: Die 850 Millionen Menschen in aller Welt hätten sich schließlich selbst entschieden, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Jein, möchte man da antworten: Wie akribisch ihr Verhalten registriert und ausgewertet wird, wie unkontrolliert es sich im Netz fortpflanzt, das dürfte vielen nicht klar sein. Und dennoch liegt Zuckerberg richtig: Wüssten sie es, wäre es ihnen egal. Ob das so bleiben wird, ist die spannende Frage. Hat sich die Kommunikation grundlegend verändert, entpuppt sich das traditionelle Verständnis von Privatsphäre als historische Episode? Oder hinkt nur das menschliche Verhalten für eine Weile dem technischen Fortschritt hinterher? Meinen wir unsere Gedanken mit der Familie am Lagerfeuer zu teilen, während wir sie unter Umständen Tausenden nie gesehenen „Freunden“ und Marktforschern berichten?
Der Harvard-Student auf gesellschaftlicher Mission hatte all das nicht im Sinn. Die Frage, wie aus seinem Projekt ein Geschäft wurde, beantwortet Zuckerberg so: Er habe ein Team gebraucht, und das steuere man am besten mit der Aussicht auf Gewinn. So wurde es das Facebook-Ziel, möglichst viel über die Menschen zu erfahren und dieses Wissen zu verkaufen. Wenn Investmentbanker den Wert dieses Geschäfts auf 100 Milliarden schätzen, sagt das vor allem eins: Das Datensammeln hat erst angefangen. Dabei mag mancher noch als lästig abhaken, was Marktforscher mit diesen Informationen machen. Doch was sich dabei automatisch auf den Facebook-Servern an Wissen über ganze Lebensläufe sammeln wird, ist mehr, als ein einzelnes Unternehmen kontrollieren sollte – erst recht eines, das praktisch unter Alleinherrschaft steht. Zuckerberg ist längst nicht so offen, wie er es von seinen Kunden erwartet. Und er hat dafür gesorgt, dass ihm auch an der Börse niemand das Heft aus der Hand nehmen kann. Die Facebook-Gemeinde scheint das nicht zu stören. Dabei hat sie doch schon ganz andere Despoten in Bedrängnis gebracht.
LEITARTIKEL