Kommentar

Der böse Olaf
Von Matthias Koch

Plötzlich zeigen alle auf Olaf Glaeseker, den langjährigen Sprecher von Christian Wulff. Man mag es kaum glauben: Der liebe Olaf, wie viele ihn in Hannover und später in Berlin nannten, soll nun der böse Olaf sein. Der Bundespräsident hat Glaeseker am 22. Dezember mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Am 19. Januar wurde Glaesekers Privathaus nahe dem Steinhuder Meer von der Staatsanwaltschaft durchsucht. Es folgten immer neue Medienberichte, in denen Glaeseker eine geradezu gruselige Gestalt annahm: als listig lächelnde Spinne, stets das Mobiltelefon am Ohr, in einem Netz aus unheilvollen Verbindungen. Am Wochenende orakelte ein Sprecher der Landesregierung von David McAllister vor laufender Kamera über ein „System Glaeseker“, das man noch durchleuchten müsse. Viele sind jetzt im falschen Film. Es wird Zeit, Licht anzuschalten und dem Publikum zu sagen, dass der Hauptfilm woanders läuft, in einem viel größeren Kino. Es geht um die intellektuellen und charakterlichen Qualitäten des Bundespräsidenten, nicht die eines Gehilfen. Richtig ist zwar, dass Glaeseker aufgrund eines wahrhaft übereifrigen Einsatzes für den Prominententreff „Nord-Süd-Dialog“ mit einer Anklage wegen Bestechlichkeit rechnen muss. Denn der sonst so clevere Glaeseker war so dumm, immer wieder Urlaub in Immobilien des Partyveranstalters Manfred Schmidt zu machen. Damit entsteht, egal wie langjährig und gut die persönliche Beziehung zu Schmidt war, zumindest ein böser Schein. Richtig ist aber auch, dass die Staatsanwaltschaft nicht von einem dringenden Tatverdacht spricht, nur von einem Anfangsverdacht. Der Bundespräsident äußerte am Wochenende mit Blick auf seinen früheren Sprecher salbungsvolle Worte. Die Unschuldsvermutung im Rechtsstaat, „eine zivilisatorische Errungenschaft“, gelte auch für Glaeseker. Aber warum hat Wulff, wenn man doch fairerweise erst mal alles abwarten muss, Glaeseker zwei Tage vor Weihnachten fristlos von seinen Aufgaben als Sprecher des Bundespräsidenten entbunden? Wollte Wulff rasch Ballast abwerfen? Oder weiß Wulff etwas, das belastender ist als das bisher Bekannte? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Unter allen denkbaren Deutungen der abrupten Trennung von Glaeseker steht eine für Wulff günstige Variante nicht zur Verfügung. Und im Ergebnis wird dem Knecht zugemutet, was der Herr in eigener Sache beklagenswert findet: Medienhatz, Vorverurteilung, Hexenprozess. „Im Mittelalter“, sinnierte Wulff, hätte man ihn „vielleicht schon auf dem Scheiterhaufen verbrannt“. Bevor alle Welt vor Mitleid zerfließt, muss man festhalten, dass Wulff selbst die bizarre Situation geschaffen hat, in der er sich jetzt befindet. Warum redet man über Nebensächlichkeiten wie Buchgeschenke oder studentische Servicekräfte? Doch nur, weil die Regierung Wulff erklärt hatte, das Land habe zum „Nord-Süd-Gipfel“ nichts zugezahlt. Warum ist im Landtag das Misstrauen gegenüber Wulff gewachsen? Doch nur, weil Wulffs Einlassung zum Ehepaar Geerkens ausgerechnet den privaten Hauskredit ausließ. Warum wurden die mit der BW-Bank verabredeten Sonderkonditionen abgelöst durch einen normalen Kredit? Doch nur, weil die Presse auf den möglichen Verstoß gegen das Ministergesetz aufmerksam wurde. Mittelalterlich ist nicht die Kritik in den Medien an diesen sonderbaren Dingen. Mittelalterlich ist die wehleidige Kritik an der Aufklärung. Mittelalterlich ist es übrigens auch, wie im Schach den Bauern für den König opfern zu wollen.

LEITARTIKEL

Artikel vom 23.01.2012 - 20.38 Uhr
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