Kommentar
Bittere LektionVon Carola Böse-Fischer
Vielleicht wären die Dinge anders gelaufen, wenn es nicht diese Entführung gegeben hätte. 1987 wurden die Kinder des Drogeriekönigs Anton Schlecker gekidnappt. Der Selfmademan brachte Millionen für ein Lösegeld auf – und bekam seine Kinder Meike und Lars körperlich unversehrt wieder. Dieses Ereignis dürfte – auch wenn kaum etwas darüber an die Öffentlichkeit drang – traumatisch für die Familie gewesen sein. Danach jedenfalls igelte sie sich an ihrem Firmensitz im schwäbischen Ehingen ein.
Ohnehin hat kaum je ein Außenstehender Anton Schlecker in die Karten sehen können. Als Patriarch regierte er sein Imperium. Aus kleinsten Anfängen baute der Metzgermeister seine Ladenkette auf und machte sie trotz Konkurrenten wie Rossmann und „dm“ mit über 10 000 Filialen europaweit zum Marktführer. Vielleicht aus Selbstüberschätzung glaubte Schlecker, auf den Rat und die Expertise familienfremder Manager verzichten zu können. Zu dieser Geheimniskrämerei passt, dass Schlecker sein Unternehmen, auch als es längst zu einem international agierenden Konzern mit sieben oder acht Milliarden Euro Umsatz geworden war, immer noch in der Rechtsform e. K. – eingetragener Kaufmann – führte.
Der schwäbische Kaufmann lenkte den Konzern wie einen Kleinbetrieb, in dem er allein die Kontrolle hatte. Das hatte den Vorteil, dass er niemanden Rechenschaft ablegen musste. Keinem Betriebsrat, keiner Bank. Sein Geschäftsprinzip: Wenn die Rechnungen fällig waren, waren die Waren längst verkauft. Aber irgendwann hat Anton Schlecker die Zeichen der Zeit nicht mehr erkannt. Er hatte zwar die meisten Filialen, aber meist in billigen Lagen. Das Image litt, vor allem als Arbeitgeber, der seine über 30 000 Mitarbeiter miserabel behandelte und sie mit Billiglöhnen abspeiste. Schleckers Führungsstil und die Ignoranz sich ändernder Marktbedingungen ließen den Unternehmer in die Pleite schlittern. Zu spät war er bereit, Verantwortung abzugeben. Als er seine Kinder in die Führung ließ, war der Abstieg nicht mehr zu stoppen.
Jetzt ist nicht nur die Firma insolvent, auch Schlecker selbst ist pleite. Als Einzelkaufmann haftet er mit seinem gesamten Privatvermögen. Ob bei ihm die Milliarden zu holen sind, die er angeblich auf die Seite geschafft haben soll, weiß niemand. Vielleicht hat er sein Erspartes auch auf seine Kinder übertragen – und ist selbst mittellos. Das geschehe ihm recht, mögen viele, vor allem um ihre Jobs bangende Beschäftigte sagen: weil Schlecker nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht war und sich als Eigentümer um die Verantwortung für seine Mitarbeiter einen Dreck scherte.
Die Empörung ist verständlich, und richtig. Dennoch hat das Unternehmen eine zweite Chance verdient – gerade wegen der Mitarbeiter und wegen der vielen Kunden, die noch „um die Ecke“ einkaufen. Kein Konkurrent ist so nah am Kunden wie Schlecker. Das hält auch der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz für ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Nach allem, was der Insolvenzverwalter bis jetzt gesichtet hat, hält er es für möglich, dass das Unternehmen einen Neustart schaffen kann. Dann sieht er sogar für die Familie eine Chance, Eigentümer zu bleiben. Gemeint dürfte die neue Generation sein. Schleckers Kinder haben offensichtlich die Lektion gelernt: Unternehmertum hat nicht nur mit Profit zu tun – sondern auch mit Verantwortung.
LEITARTIKEL