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Wisentgehege schickt Wildrinder ins russische Tula

ALVESRODE. Seit 14 Jahren ist kein Rindertransport mehr aus der EU nach Russland gelangt. Wisentgehege-Leiter Thomas Hennig hält jetzt als Erster eine Ausnahmegenehmigung in den Händen: Ende nächster Woche wird ein Lastwagen mit sechs Wisenten an Bord in Springe aufbrechen.

Foto: Niedersächsische Landesforsten
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Marita Scheffler Redakteurin zur Autorenseite

Ziel: Das 2144 Kilometer entfernte Tula. Dort werden die Tiere, die den Grundstock für zwei frei lebende Herden bilden sollen, bereits sehnsüchtig erwartet.

Frischlinge, Waschbären, Ziegen, sogar kleine Füchse und Fohlen sind für den Durchschnittsbesucher des Tierparks deutlich interessanter als ein Wisent. Ein entzücktes „Oh, wie süß ist der denn?“ entfährt dem Betrachter nicht mal beim Anblick eines wenige Tage alten Kälbchens. Da ist irgendwie nichts niedlich, wenn so ein Fellklotz in der Ferne vor sich hinschnaubt. Die bulligen Genossen, mit denen vor 89 Jahren im Saupark alles begann, sind zwar bis heute Namensgeber der Einrichtung, sie sind aber auch die am meisten verkannte Tierart der 100 Wildarten. Das ist durchaus schade.

Wisentgegehe-Chef Thomas Hennig bezeichnet den bevorstehenden Russland-Transport als „Riesenchance“. Um das Projekt stemmen zu können, hat er auf seinen Sommerurlaub verzichtet, saß stattdessen hinter Formularbergen im Büro und versuchte, geeignete Exemplare für die einmalige Reise aufzutreiben. „Das ging tagelang hin und her. Ich habe mich gekümmert wie ein Ochse“, erzählt der Mann, der zwar ein Freund klarer Worte, aber eigentlich nicht der Selbstbeweihräucherung ist. Alles begann im Frühjahr mit einem Anruf. Ein renommierter russischer Wissenschaftler bat Hennig um eine Zusammenarbeit. Man brauche dringend 20 Wisente. Ende der 90er Jahre hatte bereits der damalige Gehege-Chef Joachim Hennig mehrere Wisente in die Sowjetunion gegeben. Transporte wie dieser waren nur in den wenigen Jahren zwischen Glasnost und den ersten BSE-Fällen möglich. „Seit 14 Jahren sind überhaupt keine Rinder mehr ins Land gelassen worden“, weiß Hennig. Dieses Importverbot galt auch für Zoo- und Wildtiere. Dementsprechend schlecht ist es um das Genmaterial der rund 1300 größtenteils frei lebenden Wisente in dem riesigen Land bestellt. Alle derzeitigen Tiere haben einen gemeinsamen Vater.

Der Bereich ist seit Mitte Juli für Besucher gesperrt. FOTO: SCHEFFLER
  • Der Bereich ist seit Mitte Juli für Besucher gesperrt. FOTO: SCHEFFLER

Bei einer Fachtagung im Mai berichtete Hennig von dem Anruf aus Russland und seinem Vorhaben. Kollegen vom Wisentreservat Damerower Werder in Mecklenburg hemmten den Enthusiasmus: Sie hatten ein Jahr zuvor ebenfalls einen Versuch gestartet, mussten aber frustriert aufgeben: „Das war unmöglich.“

Hennig blieb trotzdem dran, investierte mehrere Wochen, bis er schließlich alle maßgeblichen Behörden hinter sich hatte – und die Zusage von Berufskollegen, ausgewählte Tiere für das Projekt herzugeben.

Denn sechs Flachland-Kaukasus-Wisente mit den erforderlichen Genen, die kann auch Springe nicht auf einen Schlag liefern. Eine Kuh für den Sammeltransport kommt vom Deister, zwei Jungtiere vom Wildpark in der Lüneburger Heide sowie ein Bulle und zwei Kühe aus Donaumoos in Bayern. Besonders stolz ist Hennig auf den Bullen, der gebürtig aus dem Wisentgehege in Hardehausen (NRW) stammt und der dort bereits erfolgreich gedeckt hat. Dass drei erwachsene Tiere auf die Reise geschickt werden, beschreibt er als Sensation: „Normalerweise werden nur ein- bis dreijährige Tiere bewegt.“ So kann die Zucht in der Nähe Moskaus sofort starten.

Seit Mitte Juli stehen die sechs Wisente zusammen in Springe in Quarantäne. Sie sind auf acht Krankheiten getestet worden, der Bereich wurde für Besucher gesperrt, Mitarbeiter dürfen die Anlage nur durch eine Schleuse und in Einmalkleidung betreten. Zu anderen Rinderarten ist ein Mindestabstand vorgeschrieben. Diese Pufferzone kann das Wisentgehege dank seiner Weitläufigkeit bieten. Hennig weiß: „Wir sind derzeit die einzigen in Deutschland, die das können.“

Am nächsten Donnerstag soll die Herde zusammen mit einer Amtstierärztin verladen werden. Die mehrere hundert Kilo schweren Tiere werden narkotisiert und dann mit Schlepptüchern und Transportplatten auf den Hänger gebracht (Hennig: „Das ist richtig Maloche“). Dort müssen sie vor der Abfahrt wieder aufgeweckt werden. Nach zweieinhalb Tagen erreichen sie ihr Ziel.

Antrieb für das Projekt ist allein der Artenschutz, dem sich das Wisentgehege verschrieben hat. Finanziell lohnt sich die Sache nicht. Pro Tier fließen im Höchstfall 1000 Euro.

Wenn es nach dem russischen Wisentfreunden geht, soll der erste Transport nicht der letzte sein. Für Tula seien schon jetzt weitere zehn Tiere angefragt, erzählt Hennig. Obwohl er mittlerweile ein Export-Experte ist – für Wiederansiedlungsprojekte in Rumänen hat er in den vergangenen drei Jahren zwölf Wisente verladen – will er für Russland keine Zusage geben: „Mit dem heutigen Wissen mag ich nicht sagen, ob ich das noch einmal mache.“

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